früher kannte , trug es in sanftem Gewährenlassen . Auch daß sie alle ihre Wohlfahrtsstiftungen auf einmal gänzlich beiseite ließ . Sie dachte in Wochen und Monaten nicht mehr daran , sich persönlich um derlei noch zu kümmern . Alles war versunken vor dem einen seligen Gefühl , von diesem dunklen , fremdartig rücksichtslosen , schlanken , jungen , lächelnden Träumer und Künstler geliebt zu sein , der sie auch heimlich nicht aus Herz und Auge ließ . Ja noch mehr : was für Frau Rehorst wie eine selige Insel schien voller verjüngender Quellbrunnen , aus denen sie die Jugend und das Vergessen schöpfte und schöpfte mit berauschenden Blicken , also daß sie einstweilen nichts wußte von einem einstigen Leben , rückkehrend zu dem alten , öden Strande , an dem sie weinend gesessen , und nach den fernen Wundern ausgeschaut , das war für Einhart ein lichterloh flammender Feuerberg , so alle Sehnsucht und Aussicht beschattend , daß seine wunderliche Neugier , aller Eindrücke Herr zu bleiben , sich ganz verlor und er allenthalben nur als Beglückter sich fühlte . Das waren rechte Träume voll seliger Berauschung . In diese Träume klang ein schriller Weckruf . Der Frühling war langsam im Herzug . Frau Rehorst hatte noch gegen Fastnacht einen Ball veranstaltet . Eine eigentümliche Gehobenheit hatte darüber gelegen , wie ein Rauch über einer goldnen Morgenfrühe . In den hellen Räumen bei Frau Rehorst hatte sich die Jugend in bunten Prunklumpen zusammengefunden . Frau Rehorst hatte die Parole ausgegeben , einen orientalischen Bazar darzustellen . So war Jung und Alt gekommen in tausenderlei leuchtenden Gewanden der Aufgangsländer . Die lockenden Houries hinter ihren Seidenschleiern lachten mit funkelnden Augen hervor , und alte , mantelumhüllte , breite Patriarchen wandelten in den eingestimmten Räumen . Frau Rehorst war als Zigeunerin erschienen . Sie sah wunderlich und unglaublich prächtig aus . Das machte auch , daß sie gleich wie losgebunden war . Eine wahre Verzehrung erfüllte an dem Abend ihre Blicke . Es war ein Auf- und Abwogen in den eigenartigsten Maskierungen . Auch Einhart kam , ein Zigeuner durch und durch . Er hatte eine Geige , die er strich . Ein paar Liedchen mit dem gleichen , schmelzenden Singeton . Frau Rehorst hing an ihm , wie eine junge Mutter an ihrem Kinde . Ihre Blicke versengten ihn . Alle Hoheit war aus Frau Rehorst gewichen an dem Abend . Nur wie ein volles Leiden der Liebe . Es ging wie ein Fieber in ihr , und wie ein brennendes Fieber kam aus ihr in alle . Es war , als wenn mit allen diesen buntgekleideten , zahmen Menschen ein Dämon allmählich sein Wesen triebe . Auch die jungen Künstler , die da waren , merkten nicht , wie sie ergriffen wurden , und die jungen Fräuleins , die längst schon mit Lockungen herumgingen , die sie sonst nicht gekannt hätten . Es war bald wie außer Rand und Band alles . Man tanzte in tollen Gebahrungen . Man lachte schrill und trieb Kurzweil mit Küssen und Umarmungen und sich herumjagen und widerstreben . In diese Taumel drang ein jäher Schrei . Alles das Treiben war plötzlich verstummt . Man hatte Frau Rehorst in ihrem Hinrasen im wilden Zigeunertanze mit Einhart noch gesehen eben , wie sie sich an ihn krampfte bis zum Sterben , und plötzlich ihn losließ , und mit jähem Aufschrei das Haus erfüllte . Man mußte sie auch sogleich im Arme hinaustragen . Sie hörte erst eine lange Weile nicht auf zu schreien . Das Schreien klang , wie ein Reh klagt , allmählich . Wie ein entsetzlicher Herzensjammer , wie zu Tode getroffen . Es war eine fürchterliche Überspannung , die zerriß . Die Gesellschaft stand herum , wie wenn Gift plötzlich in aller Blut geflossen . Man kann sagen , die Mienen dieser sämtlichen Orientalen waren einfach wie im Grausen . Einige hatten geholfen . Man war stumm , wie wenn man eine Tote hinaustrüge aus den hellen Freudensälen . Herr Rehorst hatte mit einem anwesenden Arzte zugegriffen . Margit saß in einer Sofaecke zusammengebrochen vor Schreck und zitterte . Dann harrte ein jeder wie gebannt , zu hören , daß die erste Nachricht der Beruhigung käme . Alles blieb ewig starr . Weder der Arzt noch Herr Rehorst erschien . Es war eine entsetzliche , lautlos bebende Erregung , als wenn man die Pulse aller hörte im Lichterglanze . Die bunte Schar stand , als wie eine Herde nach der Richtung scheu aufgerichtet , wo der Wolf oder das Raubtier » Leid « sich plötzlich zum Angriff herangeschlichen . Und Einhart war längst hinausgeeilt mit verzerrtem Lachen . Denn der Schrei ging in ihm wie eine wehe , unbegreifliche Zerklüftung . Es schrie in ihm noch immer mit derselben Stimme , mit der Frau Rehorst sich in seinem Arm aufgerichtet hatte und zusammengesunken und ohne Macht nur dem Dämon hingegeben gewesen war . Er lief in die kalte , graue Morgenluft . Er hatte sich einen Mantel um die Schultern zu werfen vergessen . Er merkte draußen im Dämmer , daß er in seinem fremden Kostüm ohne Mütze einherlief . Er war auch bis in seine Dachwohnung heimgekommen . Was er träumte und ansah , zerrann in Schemen , als er daheim in seinem Bodenraum im Morgengrauen auf der Erde lag und sich nicht zu sich fand in Schreck und Schauer und zerbrochener Sehnsucht und jachem Verfluchen alles Lebensatems . In der Sucht seiner unentrinnbaren Zwänge Gewalt von sich zu werfen , seiner Zwänge Gewalt und jener Frau eiserne Gebundenheit , die eben noch wie eine beflügelte Jugend in losem Erraffen der seligen Stunde hingeeilt war in seinen Armen . Die Bilder und Prunklichter in rasender , drängender Fülle führten in seinen Augen einen Reigen , wie tote Narren im Leichenhemde , die in starrem Klappergebein hintollten . Aus allen Gesichtern ertönte der Tod wie eine schrille Tanzweise . Alle die Rhythmen des Abends klangen wie ein toller Lärm aus grinsendem Grabgelichter