Wasser geben ? Ich bin sehr erschöpft . Das Sprechen strengt mich an . Aber ein Genuß ! ein wahrer Genuß . Ich danke dem Zufall eine angenehme Bekanntschaft ! « Ächzend hielt er inne und wischte sich die Tropfen von der Stirn . » Geben Sie mir einen Stuhl , ich falle um . Ich schwöre Ihnen , es war mir angenehm , Sie zu treffen . Ich dachte anfangs , Sie seien der Nachfolger . Aber nein , Sie sind vielleicht etwas jung . Ich kann sitzen , wo Sie wollen . Im Wartezimmer steht ein Schreibtisch jetzt und die Regale alle . Man sieht so etwas gleich . Leben hier recht vergnügt , hm ? Ja , ja , nun bitte ich aber dringend , daß Sie gehen , Herr Loginowitsch ! So schnell Sie können ! Es wird die Frauenklinik sein , selbstverständlich ! Sagen Sie : ein Verwandter ! Sagen Sie : ein Vater , der sein Kind küßte . Ja , Herr Loginowitsch , das haben Sie gesehen ! das ! Einen Vater , der sein Kind küßt ! Sie haben doch nichts anderes vermutet ? Erlauben Sie , daß ich mich legitimiere ! « Mit einer hastigen Gebärde zog er ein Kartenetui hervor und entnahm dem Täschchen eine angegilbte Karte , die er schwebend zwischen den langen , knochigen , weißen Fingern hielt . Der Russe musterte ihn mit aufgerissenen Augen ; er überlegte , welchem klinischen Fall der vor ihm Sitzende wohl entsprechen möchte . » Erfahren Sie , wer ich bin , Herr Loginowitsch , « sagte der Gast in dumpfem Theaterton . » An der Schwelle seines alten Glückes « - er schluchzte laut auf - » an der Schwelle seines alten Glückes sitzt der Mann , welcher das Unglück hatte , zeitgenössische Vorurteile zu verletzen , und dem man dafür das Herz brach ! « Er stöhnte und begann heftig und unverhüllt zu weinen . Sein verzerrtes Gesicht , sein Blick voll Anklage und Vorwurf , der nach oben gereckte Zeigefinger der erhobenen Hand , die tönenden Worte - alles erschien zugleich unecht und echt , spontan und studiert , wahr und unwahr , berechnet und natürlich und verlogen . » Sind Sie ein Artist ? « entfuhr es dem erstaunten Loginowitsch . Der Russe war gegangen , um Josefine von der Klinik zu holen . Laure Anaise ließ sich nicht sehen , Rösli wich nicht von ihrer Seite . Da knarrten Schritte über den Kies , Schritte auf den Steinstufen der Vortreppe . Der Wartende richtete sich auf . Er hatte an dem Tischchen im Flur gesessen und eine Karaffe Wasser leer getrunken . Ihn fröstelte , und die herankommenden Schritte vergrößerten sein Unbehagen . Er zitterte und suchte mit den Augen nach einem Unterschlupf . Doch blieb er sitzen . Josefine kam allein . Sie öffnete mit dem Drücker und betrat den Flur mit ihrem gewohnten , etwas harten Schritt . In ihrem schwarzen Blusenkleide sah die Gestalt jugendlich und aufrecht aus . Das schmale Gesicht leuchtete hell unter dem kleinen dunklen Hute ; sie trug ein Bücherpaket und ein Kistchen Trauben , die sie aus der Stadt heraufgeholt hatte . Morgen war Röslis Geburtstag . Loginowitsch hatte sie nicht getroffen . Als sie den gelben , kahlen Menschen an dem dreibeinigen Tischchen sitzen sah , blieb sie stehen , preßte die Gegenstände , die sie trug , fester an sich . Ein leiser Laut , wie von einem sterbenden Vogel , kam aus ihrer Kehle ... Auge in Auge verharrten sie , eine Sekunde lang . » Ist es - « begann sie zweifelnd , und die Bücher fielen zu Boden . Der Sitzende kroch ganz in sich zusammen : » Séfine , « murmelte er , » kann ich hier bleiben ? « Die Stimme durchzuckte sie , es wurde dunkel vor ihren Augen . Ein Abgrund dampfte herauf . Sie konnte sich nicht vorwärts bewegen . Sie hörte eine Stimme sagen : » Bist du schon frei gekommen ? « Es mußte wohl ihre Stimme sein . » Warum bist du noch vor der Tür ? « sagte sie scheu ; ihre tödliche Angst wurde zu einem blassen Lächeln . » Willst du nicht hineingehen ? « Er rührte sich nicht , sondern starrte seiner Frau in jeder Bewegung nach , die sie machte . » Séfine , « seufzte er , » gib mir zu essen ! Ich habe gewartet , um mit dir zu essen , den ganzen Tag . Hast du guten Wein ? Sieh mal , wie ich aussehe ! Sieh meine Hände ! Sie haben mir ein Vierteljahr geschenkt , die Schufte . Dachten wohl , ich sollte lieber bei dir krepieren ! Seit Jahren leide ich an Dyspepsie . Gibt es was rechts zu essen ? Wo kann ich mich hinlegen ? Ich bin wie ein Toter . Die Überraschung ist mißglückt , du bist nicht überrascht , Séfine , nicht angenehm wenigstens ! Nun sag mir , was ist das für ein Laffe , der hier den Hauswart macht ? Wollte mich hinausschmeißen , der Bub ! Und das saubere Mädle , wer ist die ? Alles fremd ! alles fremd ! Hu ! « Er stützte den Kopf , schüttelte sich und ächzte . » Ich muß eine Kur durchmachen , regelrecht ... Nun , du schlachtest wohl kein Kalb für mich , Séfine ? Wegen meiner nit ! Da hausen Polen und Polacken ! Pah ! Hast du keinen Wein ? Wir müssen doch das Wiedersehen feiern , Frau ? Hast du Geld ? Sie haben mich auf die Straße gestellt mit fünfzig Franken . Das andere ist draufgegangen ! Alles selbst verdient und wie noch ! Pah ! « Er spie auf den Boden wie ein Fuhrknecht und lachte grimmig . Dann stand er mühsam auf , blickte Josy scheu von der Seite an . » Zu wem komm ich da ? Sag '