Neues - « . » Flößt Ihnen das Neue keine Furcht ein , Gräfin Cajetane ? Ihre ganze Erziehung fußt auf dem Alten , Ihr ganzes schönes , harmonisches Leben ruht darauf . « Sie schüttelte den Kopf , aber blieb die Antwort schuldig . Sie war zu zurückhaltend , um über sich zu sprechen , um sich gegen die Meinung zu verteidigen , daß sie nur am Alten hing , während doch ihr junger , offener Sinn sich den Ahnungen und Verheißungen nicht verschlossen hatte , mit denen die nach Neugestaltung auf allen Gebieten ringende Gegenwart erfüllt ist . Und der Mann an ihrer Seite hatte den Mut , dieser Neugestaltung Phrophet und Mitschöpfer zu sein , opferte dafür Stellung und Reichtum - wahrlich , » ein ungewöhnlicher Mensch « . Wie bemerkte er vorhin ? » Das war milde ausgedrückt « - nein , schwach ausgedrückt war ' s ... sie hätte sagen mögen - aber auch dazu war sie zu zurückhaltend - : » ein herrlicher Mensch . « Nun gingen sie schweigend bis hinunter . Aber Rudolf fühlte , daß dieses Mädchen - eines jener Vögelchen , die auf den zum Falle bestimmten Bäumen nisteten - daß dieses Mädchen für ihn und für sein Tun voll Sympathie war . Unwillkürlich drückte er leise ihren Arm an sich . XX Der zwischen Hugo Bresser und Sylvia schwebende Liebesroman , der an jenem Abend , da sie sein Drama vorgelesen , für beide in ein die Herzen tief bewegendes Stadium getreten war , war seither zu keinem Abschluß gelangt - weder Bruch noch Vereinigung - auch nicht einmal zum Geständnis . Über ihn war mit der gesteigerten Anbetung Schüchternheit und Scheu gekommen - er fürchtete , sie zu erzürnen und zu verlieren , wenn er spräche . Und dadurch , daß er sie zum Gegenstand seiner dichterischen Huldigung machte , war sie ihm in eine Art Wolkenferne gerückt - in Wolken , die zwar seinem eigenen Weihrauchkessel entstiegen , die sie aber in Unnahbarkeit hüllten . Die ihr gewidmeten und sie besingenden Gedichte gab er ihr nicht zu lesen . Die sollten zu einem ganzen Bande anwachsen , und erst wenn er unbestrittenen Ruhm erreicht hätte , sollten sie so überreicht werden . Nur Großes durfte er ihr schenken : nichts Geringeres , als für ihren Namen die Unsterblichkeit . Und sie ? Sie kam ihm nicht entgegen . » Geh in Reinheit durchs Leben . « Dieses Wort ihrer Mutter hatte sich ihr im Gedächtnis festgesetzt , wie dies manchmal bei Melodien geschieht , die man nicht los wird , die im Ohre nachklingen , man mag wollen oder nicht . Auch die Antwort , die sie darauf gegeben , blieb so haften : » Das will ich ja . « Es war dies ein nicht allein der Mutter , sondern auch sich selber gegebenes Versprechen . Das Bewußtsein , den jungen Dichter zu lieben , erfüllte sie mit einem so intensiv beseligenden Gefühl , daß sie es wunschlos genoß . Es war eine ganz aus Bewunderung und Zärtlichkeit zusammengesetzte Empfindung - von keinem Schatten sinnlichen Verlangens gestreift . Es war die zweite Liebe in ihrem Leben . Welcher Unterschied mit der ersten ! Errötend dachte sie jetzt an den leidenschaftlichen Taumel zurück , der sie zur Zeit ihrer Verlobung erfaßt hatte . Wie sie damals erglüht für einen Menschen , von dem sie nicht eine wahrhaft liebenswerte seelische Eigenschaft kannte - während jetzt die Seele allein , die große , lichte Seele eines Künstlers , eines gottbegnadeten Genius es ihr angetan . Die Ernüchterung , welche durch Tonis brutale Art zu lieben so jäh und schmerzlich auf ihren Rausch gefolgt war , hatte ihr die sinnliche Seite der Liebe verekelt und der völlige Mangel an Idealität , den ihr Gatte im ehelichen Verkehr gezeigt , machte ihr nun die bloß ideale Ekstase ihrer neuen Liebe doppelt wert . Daß echte Liebe schließlich nach beiden Seiten hin nach Vollendung und Erfüllung drängt , das wußte sie nicht . Sie war , so sehr die Natur sie zur » grande amoureuse « geschaffen , in Liebesdingen nicht erfahren . So ließ sie sorglos und still beglückt es sich genügen , daß eine reine , von keinem Leidenschaftssturm gepeitschte ruhige Flamme ihr Herz durchwärmte . Nicht nur im bildlichen Sinne fühlte sie diese Wärme , sondern fast wie etwas Greifbares , physisch Vorhandenes . Es stieg in ihrer Brust auf - beim Erwachen , beim Einschlafen , oft unter Tags , wenn sie an etwas ganz anderes dachte . Wie ein plötzlicher heißer Strom , der vom Herzen zur Kehle flutete , den Atem beklemmend - in unnennbarer Süße ... Nicht Verlangen war das , sondern Besitzesfreude . Als einen reichen , lebenserhöhenden , sie mit Stolz erfüllenden Besitz empfand sie in solchen Augenblicken , daß sie liebte - einen herrlichen Menschen liebte , von dem auch sie - seit langem schon - geliebt war . Und wenn sie so an ihn dachte , da erschien vor ihrem Innern weder sein Gesicht noch seine Gestalt , sondern nur das abstrakte Bild seines hochfliegenden Geistes , seiner schönheitsgewaltigen Kunst . Gegen eine solche Liebe , durch die sie sich nur gehoben und geadelt fühlte , brauchte sie doch nicht anzukämpfen ? ... Sie hatte sich alle seine Werke kommen lassen und genoß jede gelungene Stelle darin , wie ein Durstender eine saftige Frucht genießt . Der Wohllaut der Verse , die sie sich laut vorsagte und die sie bald auswendig kannte , wiegte sie ein wie Musik ; jeder neue , schöne Gedanke war ein Rechtstitel mehr auf ihre stolze Liebe . Nicht nur in Reinheit - nein , in Größe konnte man da durchs Leben gehen ! Äußere Umstände traten hinzu , um die Gefahr hintanzuhalten , daß die so himmelhoch gespannte - im eigentlichen Sinne des Wortes überspannte Leidenschaft der Liebenden in eine irdische umschlage . Fast nie trafen sie sich allein . Notwendige Reisen - Sylvia zu