bringen . Wie oft schaute er bittend in den schwarzen Nachthimmel mit den klaren Wintersternen und erwartete , daß das Gewölbe sich zu einer freundlichen Vision öffne . Dann suchte er seine Gedanken abzulenken , dachte an die große Welt und an die Buntheit der Ereignisse in ihr , die nur wie ferner Marktlärm hereinklangen in das kleine Leben , das er lebte . Es gab zwei Wesen im Hause , die ihn oft und viel beschäftigten . Das eine war Frau Hellmut , das andere Sema . Jene hatte das Schreckhafte , das sie anfangs für ihn gehabt , verloren . Doch ihre ganze Art hatte etwas von einem Irrlicht . Ruhelos , beständig redend , beständig geschäftig ging sie umher , obwohl schon lange nichts mehr für sie zu tun war , obwohl sie nicht bezahlt wurde und auch kein Geld dazu dagewesen wäre . Bevor sie nicht zu anderen Leuten gerufen wurde , lebte sie hier billig und » ein Maul mehr macht den Tisch nicht leer « , sagte Gedalja . Ost saß sie dann wieder und sprach kein Wort ; ihre Augen quollen unter den entzündeten Lidern hervor , sie lächelte in wahnsinniger Weise vor sich hin , nickte und atmete wie beglückt tief auf . Agathon pflegte sie bei solchen Gelegenheiten genau anzublicken , und es wollte ihm scheinen , als ob diese Frau einmal sehr schön gewesen wäre : vielleicht nur einen Tag lang schön , in der Seele und am Körper , um sich dann wegzuwerfen für eine vorüberrauschende Stunde . So dachte er oft über die Menschen , indem er sie in der Vergangenheit wirken , oder in einer bestimmten , von ihm selbst erfundenen Situation handeln sah . Mit Sema wußte er nichts anzufangen . Voll ängstlicher Fürsorge achtete der Knabe auf alles , was Agathon tat , suchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen , schleppte einen Stuhl herbei , wenn Agathon stand , brachte ihm den Löffel , der bei der Suppe fehlte , schlich in eine Ecke , um zu weinen , wenn ihm jener etwas abschlug , und als Gedalja und Frau Jette einmal in Agathons Abwesenheit ernstlich über seinen Lebensberuf Rat hielten , hörte Sema zu und fing auf einmal an zu schluchzen . Es war mehr als eifersüchtige Verliebtheit in ihm , es war Anbetung , ein Sichverlieren und Sichauflösen , der Wunsch , nichts zu sein vor dem vergötterten Freund . Einmal wanderten beide von der Stadt nach Hause , als sie einem der Waisenhauszöglinge begegneten , einem etwas verwachsenen Knaben mit äußerst abgehärmtem Gesicht . Er blieb eine Weile bei Sema und Agathon stehen , betrug sich aber sehr einsilbig und schrak ein paarmal grundlos zusammen . Später erzählte Sema , daß dieser Knabe oft gezüchtigt werde , weil er die Gebete nicht auswendig behalten könne ; dabei erfuhr Agathon erst , daß Sema einige Wochen im Waisenhaus zugebracht habe und daß es ihm dort schlimm ergangen sei . » Sind viele Knaben dort ? « fragte Agathon . » Vielleicht dreißig . « » Und sehen alle so unglücklich aus wie der , den du eben gesprochen hast ? « » Fast alle . « » Werden sie denn hart bestraft ? « » Das nicht , aber sie müssen beständig beten und beten . Im Winter sind die Zimmer kalt . Zu essen gibt es nicht viel , die Lehrer sind lieblos und das Schrecklichste ist , daß man schon um sechs Uhr früh aufstehen muß . « Agathon schwieg lange . Dann sagte er mit vertieftem Ausdruck des Gesichts : » Man müßte mit den Knaben sprechen . Man müßte ihnen gute Bücher geben . Man müßte sie mit Hoffnung füllen . Worte sind mächtig . Man müßte ihnen beweisen , wie herrlich das Leben ist . Kennst du den Ältesten der Knaben ? « » Ja . « » Könntest du es möglich machen , daß er und vielleicht ein zweiter in der Nacht mit uns kommen , wenn alle schlafen ? « » Ist das nicht gefährlich , Agathon ? « » Gefährlich ? Gewiß . Alles ist gefährlich , wobei man sich ein bißchen opfern muß . Bei Tag werden doch wahrscheinlich die Knaben überwacht ? « » Ja , sie müssen über jede Stunde Rechenschaft ablegen . « » Willst du mir also helfen ? « » Ja , Agathon . « » Ich weiß ein leeres Haus am Engelhardtspark , wo seit einiger Zeit ein Trockenofen gebrannt wird . Dort wollen wir uns treffen . Du müßtest die Knaben verständigen und sie hinführen . « » Ich tue , was du willst , « sagte Sema , beugte sich herab , suchte Agathons Hand und drückte sie an seine Wange . Agathon erschrak . Als sie durch das Dorf gingen , sah er seinen Vater im Wirtshaus sitzen und mit Schmerz dachte er des üblen Geredes , das über den Vater an sein Ohr gedrungen war . Ja , man sprach Schlimmes über Elkan Geyer , nicht nur wegen des verhafteten Enoch , nicht nur wegen des heidnischen Agathon ; Elkan mußte eine unheimliche Schuld in der Brust tragen , daß er halbe Tage lang in der Kneipe hockte , sein Geschäft vernachlässigte , der Frau alle Sorgen aufbürdete und dunkle Worte und Klagen verlauten ließ . Zu Hause fand Agathon seine Mutter in gewaltiger Erregung . Keines Wortes mächtig , zeigte sie nach dem Garten und er ging hinaus . Auf dem Nebengrundstück befand sich die Estrichsche Ziegelei , die der neue Besitzer vergrößern ließ . Es sollten Trockenschuppen gebaut werden , die Erde wurde ausgegraben und die Arbeiter nahmen keine Rücksicht auf den Geyerschen Garten , beschädigten den Zaun und warfen Steine herüber . Frau Jette war schimpfend unter sie gefahren , wurde aber verhöhnt und nun geschah , was anfangs Achtlosigkeit gewesen , in böswilligem Trotz . Als Agathon hinaustrat , schleuderte gerade ein junger Bursche lachend einen Ziegelstein herüber