in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen , bürgerlichen Ruhe , in ein titanisches Gewühl von Höllengeistern ... Aber mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mühsam kann ich mich in die Empfindungen zurückdenken , wie sie mir der junge Tessow geschildert . Ich habe es zu früh erkannt , daß der Schlachteneifer nichts Übermenschliches , sondern - Untermenschliches ist ; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers , sondern eine Reminiscenz aus dem Reiche der Tierheit - ein Wiedererwachen der Bestialität . Nur wer sich bis zur wilden Mordlust berauschen kann , wer - wie ich das bei Manchen unter uns gesehen - mit weit ausgeholtem Hiebe den Schädel eines entwaffneten Feindes spaltet ; wer zum Berserker - tiefer noch - zum blutdurstigen Tiger herabgesunken , der hat für Augenblicke des Kampfes Wollust genossen . Ich nie - mein Weib - glaube es mir , ich nie . Gottfried ist entzückt , daß wir Österreicher für dieselbe gerechte Sache ( was weiß denn er ? Als ob nicht jede Sache im Armeebefehl als die gerechte hingestellt würde ) wie die Preußen eingetreten sind . Ja , wir Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brüdern . - Das hat sich schon im dreißigjährigen Krieg - und auch im siebenjährigen Krieg gezeigt , schaltete ich halblaut ein . Gottfried überhörte mich und fuhr fort : Füreinander , miteinander besiegen wir jeden Feind . - Wie dann , mein Junge , wenn heute oder morgen die Preußen mit den Österreichern kämpfen und wir zwei als Feinde gegeneinander gestellt werden ? - Nicht denkbar . Jetzt , nachdem unser beider Blut für eine Sache geflossen , jetzt kann doch nie mehr ... - Nie mehr ? Ich warne Dich vor den Ausdrücken nie und ewig in politischen Dingen . Was die Eintagsfliegen im Reiche der Lebewesen , das sind die Völkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche der geschichtlichen Erscheinungen . Ich schreibe das alles nieder , Martha , nicht , weil ich glaube , daß es Dich - arme Kranke - interessieren könne ; noch , weil ich Dir gegenüber Betrachtungen anstellen will : aber ich habe eine Idee , daß ich bleiben werde und da will ich nicht , daß meine Gefühle unausgesprochen mit mir ins Grab versinken . Mein Brief kann - auch noch von anderen als Dir - gefunden und gelesen werden . Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht bleiben , was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich fühlender Soldaten regt . Ich hab ' s gewagt , war Ulrich von Huttens Wahlspruch . Ich hab ' s gesagt - : mit dieser Gewissensberuhigung will ich aus dem Leben geschieden sein . « Die jüngste der vorhandenen Nachrichten war vor fünf Tagen abgesendet worden und vor zwei Tagen angekommen . Was kann in fünf Tagen - fünf Kriegstagen - nicht alles geschehen sein ? Sorge und Bangen ergriff mich . Warum war gestern , warum heute kein Zeichen angelangt ? O diese Sehnsucht nach einem Briefe - lieber noch Telegramme - : ich glaube , kein von Fieberdurst Gequälter kann so nach Wasser lechzen , wie ich damals nach einer Nachricht lechzte . Ich war gerettet ; ihm sollte die große Freude werden , mich lebend zu finden , wenn - - immer dieses » wenn « - dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende » wenn « ! Mein Vater mußte wieder abreisen . Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen - die Gefahr war vorüber und er hatte schon dringend in Grumitz zu thun . Ich sollte , sobald ich hierzu die nötigen Kräfte zurückerlangt , ihm dorthin mit meinem kleinen Rudolf folgen . Der Aufenthalt in der frischen Landluft würde mich erst vollständig herstellen können , und auch dem Kleinen förderlich sein . Tante Marie blieb zurück ; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich nach Grumitz fahren , wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren . Ich ließ sie reden und für mich Pläne machen . Im Stillen nahm ich mir vor - sobald ich nur halbwegs dazu fähig sein würde - nach Schleswig-Holstein abzureisen . Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand , wußten wir nicht . Es war unmöglich , ihm eine Depesche zukommen zu lassen , und am liebsten hätte ich jede Stunde telegraphiert , um zu fragen : » Lebst Du ? « » Du mußt Dich nicht so aufregen , « predigte mein Vater , als er von mir Abschied nahm , » sonst bekommst Du gar noch einen Rückfall . Zwei Tage ohne Nachricht : was ist das ? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis . Im Felde findet man nicht überall Briefkasten und Telegraphenstationen - abgesehen davon , daß man während des Marsches und des Schlagens und des Ruhens gar nicht im stande ist , zu schreiben . Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmäßig ; da kann man leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben , ohne daß dies Schlimmes bedeutet . Zu meiner Zeit habe ich oft noch länger nicht nach Hause geschrieben und man war darum nicht besorgt um mich . « » Wie weißt Du das , Papa ? Ich bin überzeugt , die Deinen haben für Dich ebenso gezittert , wie ich für Friedrich zittere . Nicht wahr , Tante ? « » Wir waren gottvertrauender als Du , « antwortete diese ; » wir wußten , daß , wenn die gütige Vorsehung es so lenken wollte , daß - ob wir nun Nachrichten erhielten oder keine - Dein Vater zu uns zurückkehren würde . « » Und wäre ich nicht zurückgekehrt , alle Kuckuck , so waret ihr auch vaterlandsliebend genug , um einzusehen , daß eine so geringe Sache , wie eines einzelnen Soldaten Leben in der großen Sache , für die er es gelassen hat , gänzlich verschwindet . Du , meine Tochter , bist lange nicht patriotisch genug gesinnt . Aber ich will jetzt