mit beiden Händen einen großen Strauß weißer Rosen festhielt . » Der Gärtner hat mir gesagt , ich soll das dem Hermann bringen « , sprach er zu seiner Mutter . » Hermann , da hast du . « Er legte die Blumen auf das Bett , und auf dessen Rand gestützt , hob er sich , so hoch er konnte , und streckte den Hals und spitzte die Lippen , um seinen Bruder zu küssen . Doch erreichte er ihn nicht und fragte : » Warum hast du heute nicht bei mir geschlafen ? « - Jetzt erblickte er den Vater , der sich auch nicht rührte , dessen Augen auch geschlossen waren ... Ganz bestürzt trat er zurück . » Warum schlafen sie so lange ? « rief er plötzlich aus . » Sie sollen aufwachen , Mutter , sag ihnen , daß sie aufwachen sollen ! « Maria beugte sich zu ihm nieder und schloß ihn in ihre Arme . Die ersten Tränen , die sie seit gestern geweint hatte , fielen auf das Haupt ihres Söhnchens . Wilhelm nahm es auf sich , Gräfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes , den sie erlitten hatte , selbst mitzuteilen . Helmis Bitten brachten ihn dazu . Sie wollte ihn fort haben von der Unglücksstätte , ihn zwingen , in der Ausübung einer schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu werden . Früher , als man gedacht hatte , kehrte er zurück . Er war Tag und Nacht gefahren , teils Lokalbahnen benutzend , teils mit Bauernpferden , und meldete die Ankunft der Gräfin für den nächsten , den Morgen der Beisetzung an . » Wie hast du sie gefunden ? « fragte Maria abgewandten Blickes . » Rätselhaft - eine Heilige oder ein Stein « , erwiderte Wilhelm und erzählte , daß die Gräfin noch in der Kirche war , als er um neun Uhr früh in Dornachtal ankam . Der neue Beichtvater , ein junger , hochgewachsener , streng aussehender Herr , empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft mit kaltem Erstaunen auf . Er hatte den Herrn Grafen nicht gekannt , nur von ihm gehört . In dem Moment haßte ihn Wilhelm ; im nächsten hätte er ihm um den Hals fallen mögen , weil er sich anbot , die alte Dame auf die Nachricht des Unglücks , das sie getroffen hatte , vorzubereiten . Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen , der ihn rufen lassen sollte , sobald es Zeit war ... Das geschah nach einer halben Stunde ... Großer , guter Gott ! - Sie saß ruhig in einem hochlehnigen Fauteuil , der Geistliche auf einem Sessel neben ihr , die Augen gesenkt , ein triumphierendes Lächeln auf seinen kargen Lippen . Die Gräfin , weiß wie ein Linnen , hielt einen Rosenkranz zwischen ihren Fingern , die völlig leblos aussahen . » Dank « , sprach sie , » daß du dich selbst hierherbemüht hast « , ließ Maria bitten , sie zu erwarten , und ersuchte ihn , sich nicht aufzuhalten , sie wisse , wie notwendig er in Dornach sei . Ihr Wagen , der ihn nach dem Frühstück zur Bahn bringen solle , sei bereit . Kein Wort von ihrem Sohne , von ihrem Enkel . Erst als Wilhelm Abschied nahm , fragte sie nach Erich und flüsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen zum Himmel : » Den hat mir Gott gelassen ! « Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht . Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen , gebeugt , gealtert . Wenige Menschen durften sich rühmen , seine Liebe zu besitzen ; die beiden , die morgen begraben werden sollten , hatte er geliebt . Aber auch die Veränderung , die mit seiner Tochter vorgegangen war , ergriff und erschütterte ihn . Er hörte nicht auf sie angstvoll zu betrachten , erwies sich hilfreich , stand ihr bei in ihrem traurigen Totendienst . Einmal zog er sie plötzlich an sein Herz , so zärtlich wie am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus : » Lebe « , sprach er , » du hast auf Erden noch etwas zu tun . « Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen : » Ja , Vater , ja ! « Gräfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet . Sie stieg aus dem Wagen und nach stummer Begrüßung , jede Unterstützung abwehrend , die Treppe hinauf . Oben wandte sie sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu , in dem seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre letzte Rast hielten . Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefüllt mit weinenden , schluchzenden Menschen . Als die alte Dame eintrat , war ' s , als ob ein Eishauch die Luft durchwehe ; alle Tränen stockten , nicht eine Klage mehr wurde laut . Aufrechten Ganges , hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zügen , wohnte die Gräfin den Trauerfeierlichkeiten bei . Erstarrt in ihrem Gram , klagte sie nicht , verlangte nicht nach einer Schilderung des Ereignisses , das ihr den Sohn und den Enkel geraubt hatte . » Der Herr hat sie gegeben , der Herr hat sie genommen , der Name des Herrn sei gelobt « , war alles , was sie sich und ihrer Schwiegertochter zum Troste sagte . Aber sie setzte hinzu : » Der gleiche Schmerz verbindet . « Sie ließ Maria fühlen , daß die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen Tode wert geblieben war . Tante Dolph hatte sich in den jüngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht . Doktor Weise mußte ihr absolute Ruhe und Luftveränderung verordnen . In ihr ging etwas Ungewöhnliches vor - sie wurde bei der Erinnerung an den kleinen Hermann von Wehmut erfaßt , nicht heftig allerdings , aber doch beängstigend für die alte Egoistin , wie ein Unwohlsein für einen Menschen , der immer gesund war . Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte ihm auch nicht ihren leisen