und geradezu - - « » Ach bitte , Herr Doctor ! Uebrigens ... sagten Sie nicht selbst , daß es keine Brücke zwischen dem Alter und der Jugend gebe - da mußten Sie doch offen und geradezu sein - nicht ... ? « » Sie zürnen mir doch , mein Fräulein ... Ich höre es aus Ihren Worten heraus - ich bedauere sehr - aber Geschichten , die Einem am Herzen liegen ... und die Einem so sonnenklar sind - und die doch - - aber - - und dann nimmt man ja immer nur ein winziges Moment aus der ungeheuren Fülle der Gegensatzmotive heraus - gerade das Moment , auf welches man durch eine , allerdings nur scheinbar zufällige Ideenassociation trifft - so macht sich dem überall eine gewisse Willkür breit - eine Willkür , die aber andrerseits auch wiederum das Leben in allen seinen Aeußerungen bunter und reizvoller stimmt . Leider giebt es Naturen , welche das Bewußtsein , daß Alles in der Welt nur successiv und Nichts simultan geschieht , einfach wahnsinnig machen kann . Vielleicht gehöre ich zu diesen Naturen . Man hat sich für ein Moment entscheiden müssen - man nimmt es heraus - tausend andere drängen nach - die nächsten hat man schon in ' s Auge gefaßt - das erste ist bewältigt - man will zum zweiten , das Einem schon entgegenblitzt , greifen - und trifft auf ein ganz fremdes - : die Kombination ist unterweilen eben eine völlig andere geworden . Das ist Tragik . Es läßt sich nichts in der Welt ganz erfassen - nichts erschöpfen ... « Eine kleine Pause entstand . Hedwig lehnte am Tische und nestelte gedankenversponnen an ihrem Garnknäuel herum . Auch Adam war an den Tisch getreten . Er sah dem Spiel ihrer weißen Finger zu . Bunte Gedanken flogen durch seine Brust . Und ein bezwingendes Träumen kam über ihn ... ein bezwingendes Träumen , das doch zugleich ein helles und klares Wachen war . Und es ergriff ihn , zu diesem Weibe zwanglos von dem zu reden , was ihn erfüllte ... zwanglos , so wie es in ihm aufstieg und von ihm sich löste . Närrisch dünkten ihn die Schranken , die sich die Menschen zwischen einander aufbauen . Mit einem leisen Fingerdruck stieß er sie nieder . Und er sprach zu dem Weibe , das neben ihm stand - : » Nicht , Hedwig , so sind wir zwei Kinder derselben Generation . Und wir müßten uns doch eigentlich recht gut verstehen . Eine Fülle gleichartiger Zeitkeime hat Dich und mich befruchtet . Und doch sind wir so sehr entfernt von einander . Ich stehe ja viel mehr im fließenden Leben , als Du . Deine Heimath ist enger - ich habe im Grunde keine Heimath mehr . So sollte ich keine Schranken spüren ... und spüre und finde allenthalben doch nur - Schranken . Das ist ein Widerspruch , an dem ich noch zu Grunde gehe . Das Leben ist so wahnsinnig komplicirt . Und doch hat Jeder , der sich nur ein Bissel in ' s allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt , das Gefühl , als müßte Alles ungeheuer einfach sein . Und - ja ! - ja ! - es wäre in Wirklichkeit auch Alles ungeheuer einfach - wenn es nur Menschen auf der Welt gäbe ... und nicht Zweibeinler , die ihr Menschenthum in die Zwangsjacke einschnürender Formen und Vorurtheile versteckten ... Du bist am Morgen vom langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach , welche Träume Dir in der Nacht erschienen waren . Die Erinnerung ist schroff und widerspenstig - und Du findest keine Anknüpfung . Der Tag nimmt von Dir Beschlag ... und er zwingt Dich ganz in seinen engen und doch so weiten Kreis hinein . Da plötzlich löst ein zufälliges Bild , das sich Dir vor ' s Auge schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge , die Erinnerung an eine Traumscene aus ... und sie fliegt an Dir vorüber ... langsam und doch zu schnell . Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem fließenden Wirrwarrwandel der Tagesdinge . Auch die Seele hat einmal von der Einfachheit und der Freiheit des Lebens geträumt . Aber dann kam das Leben selbst und löschte mit seinem bunten Zuviel alle diese vagen Träume aus . Nur manchmal flattert noch ein verlorener Traumfetzen durch Deine Welt der wirklichen Dinge und mahnt Dich an einstige Sehnsuchten , Hoffnungen , Erwartungen , an einstige Gewißheiten . Merkwürdig verstören diese Erinnerungen und stärken doch zugleich . Schmerzlich gebären sie Ideale . ... oder erneuern , vervollkommnen verblichene wieder und verkümmerte . Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten , sublimsten Nervenlebens ist es in Dir ... wie ein Erzittern , das aber immer weitere Kreise schlägt und immermehr hinein in den Fluthspiegel der realen Welt . So wird man wieder zum bewußten Kämpfer , wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war . Der , den sich die Welt unterworfen hatte , hat nun die Welt sich unterworfen . Und die Zeit ist wahrhaftig dazu angethan , daß man ein Kämpfer in ihr ist ! Wie oft habe ich sie schon packen wollen in ihrem innersten Nerv - diese merkwürdige Zeit - unsere Zeit ! Es gelingt mir nicht . Indizienkrumen sammeln ... Brocken ... Steinchen ... Steinchen auf Steinchen kleben - das kann ich nicht . Von ihren großen Strömungen lasse ich mich gar gern ergreifen . Vieles ... zu Vieles darf ... muß hier an uns rühren . Es gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr auszugleichen . Die moderne Wissenschaft ist für einen ästhetisch ... für einen künstlerisch veranlagten Geist ein Ungeheuer . Sie fordert stille , dauernde Arbeit ... ein stetes Bemühtsein ... ein Wachbleiben durch viele einsame Nächte hindurch und immer erfrischte Geduld . Wo sollen wir da hin mit unserem bis in ' s Feinste nüancirten Stimmungsleben ... mit unseren stürmischen Affekten ... mit den großen und kleinen - mit den ganzen und halben Wünschen unseres Blutes ? Und unser