sie unverändert , mit freiem Blick , mit liebevollem Lächeln zu sehen . Ihm war ' s , als müßte sie ganz verändert sein , wenn inzwischen sich etwas ereignet hätte - er verfiel in der Wiedersehensfreude in die thörichte Logik , daß , weil sie ihr selbes Lächeln habe , sie auch noch ihr unbefangenes Herz haben müsse . Graf Taiß führte Fanny auf ihr Zimmer , wo die Gräfin und Lucy von Grävenitz ihrer warteten ; Joachim sah sich von einem jungen Vetter des Grafen in Beschlag gelegt . Die ganze Halle wimmelte von Menschen , es mochten gegen zwanzig Gäste in der Taißburg sein . Und die Halle , in deren Tiefe in einem Riesenkamin den ganzen Tag Holzklötze flammten , diente allen wie den Gästen eines Hotels zum Rendezvous und Geschäftsplatz . Hier war der Briefkasten , hier traf man den Hausmeister , wenn man von ihm etwas wollte , hier gingen die Herren rauchend auf und ab , wenn das Wetter eine Promenade im Freien verbot , hier schäkerten die jungen Damen miteinander , wenn sie ihren Uebermut in Gegenwart der zarten Gräfin oder der alten Mutter des Grafen nicht genug auslassen konnten . Joachim übersah sogleich , daß bei dem Hinundher von Menschen in diesem Hause Fanny ihm so gut wie verloren sei . Nur mit einem einzigen Blick konnten sie sich darüber verständigen - er sah , daß auch Fanny unter dem Gedanken litt . In dem Turme rechts waren die Fremdenzimmer für die Damen , in demjenigen links für die Herren . In den wenigen , aber geräumigen Gastzimmern , die im Mittelbau noch neben den Schlafräumen der gräflichen Familie übrig waren , hatte man die Ehepaare untergebracht . Diese , auf der Taißburg schon lange übliche Einteilung rief alljährlich einige wohlfeile Witze über diese Scheidung und die bekannte beim jüngsten Gericht hervor , die auch Joachim hören und belachen mußte , als der Vetter ihn nach dem Zimmer brachte , wo er wohnen sollte . Dann unterhielt ihn der » Vetter Heini « , wie alle Welt diesen nannte , noch von den jungen Damen , sagte ihm , daß die beiden Comtessen Sieburg » kalberig « seien , insbesondere Lulu mit den Sommersprossen und den wässerigen Augen , während Fifi noch manchmal ein vernünftiges Wort rede ; daß Fräulein von Meerheim eine verteufelte Hexe sei , ein pikanter , kleiner , schwarzhaariger Mops , und daß ... Joachim hörte noch allerlei Namen und noch allerlei Unterweisungen , dankte aber seinem Schöpfer , als Vetter Heini ging . Vetter Heini ging in seinen großen englischen Schuhen - er trat natürlich mit den Hacken zuerst auf - und seinem nachlässig eleganten Gang , die Hand in der Hosentasche , zu den jungen Damen hinab , um ihnen zu sagen , daß Herr von Herebrecht ein liebenswürdiger Mensch scheine . Vetter Heini hatte einen steifen Halskragen von ungewöhnlicher Höhe um , trug einen weißseidenen Plastron , kurz geschorenes Haar und zwei » Landwehrstrippen « - jene schreckliche Bartform , welche für einen Gommeux unerläßlich ist . In dieser Zustutzung , die er für seine magere weißblonde Erscheinung unwiderstehlich vorteilhaft glaubte , spielte er immer inmitten der Damen den Unentbehrlichen , Vielgeliebten , aber philosophisch Abgehärteten . Er hatte es für seine Pflicht gehalten , Joachim das fühlen zu lassen . Joachim aber hatte nur die Störung empfunden . Eine rasende Ungeduld bemächtigte sich seiner , als er allein war . Alles in ihm drängte zu Fanny hin . Welch erbärmliches Dasein , dieses Leben in der Konvention der Gesellschaft ! Ob Fanny sich nicht auch nach ihm sehnte ? Wenn sie doch hätten weiter durch die stillen Lande fahren können - so wie vorhin . Immer weiter und die Welt und alle Erinnerungen vergessen und die süße Gegenwart ganz , ganz auskosten . Nicht voraus denken - nicht fragen : » Was kommt morgen ? « Heute nur , heute die schönsten Augen liebevoll auf sich ruhen fühlen , heute nur an dem gewährenden Munde hängen . Wenn sie , anstatt nach der Taißburg zu den vielen Menschen , lieber nach Berlin gefahren wären , dort im Gewühl unterzutauchen , und , einsam mitten im Lärm , selige Tage verlebt hätten ? Warum war ihm der Gedanke nicht im Schlitten gekommen ? Fanny hätte eingewilligt - sie hatte ja niemand von ihrem Kommen und Gehen Rechenschaft zu geben . Diese Vorstellung ergriff ihn wie ein Fieber . Gewiß , in dem ungestörten Beisammensein hätte er auch die Stunde und den Mut gefunden , ihr von Severina zu beichten , und alles wäre klar gewesen , ehe sie nach Mittelbach zurückkehrten . Fanny hätte entscheiden können , welcher von beiden er gehören solle . Nun däuchte er sich ein Opfer der Verhältnisse . Hier konnte er Fanny nichts beichten ; hier mußte er froh sein , wenn sich überhaupt nur eine heimliche Stunde für sie beide fand . Plötzlich hörte er nebenan laut sprechen ; es war Lanzenaus Stimme . Die Wände waren dünn , man hatte sie in dem großen Raum aufgeführt , um kleine Gemächer aus dem gewaltigen Turmrund zu schaffen . » Fragen Sie , ob die gnädige Frau mich empfangen will , « hörte er Lanzenau sagen . Joachim horchte gespannt . Nach einer ganzen Weile , die genügt haben mochte , daß ein Diener vom linken zum rechten Turm hin und her ging , trat jemand bei Lanzenau ein und eine höfliche Domestikenstimme sagte : » Die gnädige Frau bedauert . Sie wünschen bis zum Déjeuner zu ruhen . « Ohne Zweifel , die Frage war an Fanny ergangen , die Antwort kam von ihr . Armer Lanzenau ! Meinetwegen wirst Du nicht empfangen , dachte Joachim mit unsäglichem Triumphgefühl . » War Frau Förster allein ? « fragte Lanzenau wieder . » Nein , die Jungfer kramte im Schlafzimmer der Gnädigen den Koffer aus und Fräulein von Grävenitz war bei Frau Förster im Salon . « » Es