- hier lag doch etwas vor , er mußte Gewißheit haben . Sein ganzer Stolz bäumte sich auf . Ihm war , als ob er auf tausend Nägel und Nadeln trete , als ob seine Nervenstränge blutig entzweirissen . Morden oder selbstmorden , sich umbringen oder einen Andern - - sein Zustand grenzte aus Hysterische . Ein ekelvoller Dunst und Brodem schien vor seinem Hirn zu schwimmen , halb ohnmächtig fiel er aufs Sopha zurück - - Othellos wirres Lallen von den » Verfinsterungen « fiel ihm ein . Aber diese halb unbewußte Ideen-Association wirkte zugleich als Gegengift . Wie ein Rasender sprang er auf und reklamirte dumpfknirschend vor sich hin , mit stoßweisem Herausströmen des rhetorischen Flusses , daß Salvini und Rossi an ihm ihre Freude gehabt hätten : » So soll mein blutiger Sinn in wüthigem Gang Nie rückschaun noch zur sanften Liebe ebben , Bis eine vollgenügend weite Rache Dies Weib verschlang . « Sein Brief strotzte von Beleidigungen mitleidiger Verachtung . Zugleich aber beging er in der Raserei den groben Fehler , schwere Injurien gegen Kohlrausch - er nannte ihn » Louis « - und größenwahnsinnige Betonungen seiner Würde einzuflechten . » Die Liebe ist ja ganz nett , « schloß diese verrückte Epistel , » aber der Ruhm steht mir doch noch höher . « Der Ruhm des guten Eduard Rother ! - Aber sobald der Brief abgesandt , befielen ihn wieder Skrupel . Sollte es wirklich wahr sein ? Konnte sie so rasch vergessen ? War ihr Fuß so glitschrig geworden auf ihrer schlüpflichen Laufbahn , daß sie unaufhaltsam dem Abgrund entgegentrieb ? Daß er sich umsonst dagegenstemmte ? Daß sie gleichgültig über ihn wegtrat ? Hat sie wirklich vergessen , daß ein Mensch lebt , der sie retten möchte ? Ja , möchte sie denn gerettet sein ? Und weshalb will sie nicht ? Ist sie denn ganz verderbt ? Nein , das kann ich Niemandem zugestehn . Wenn ich es glaubte , würde ich wahnsinnig werden . Nein , es ist nicht so . Ich muß das wissen . Denn warum liebe ich sie sonst so übermächtig , mit so unzähmbarem Instinkt ? Warum , ja warum ? doch liebe ich sie , werde sie ewig lieben . So wurde diese schwache sinnliche Natur hin- und hergerissen . Bald sah er sie in seinen Armen mit lüstern brutalem Ausdruck und malte sich ' s herrlich aus , diese rüde Urnatur zu einer » Dame « wenigstens äußerlich zu entwickeln . Dann sah er sie wieder in ihrer naiven Anmuth , ihn neckisch und liebenswürdig gängelnd . Was konnte nun geschehn ! Sein Brief mußte Alles entscheiden . Er befand sich in fieberhafter Erregung . Die nächste Post kam - richtig , ein Brief von ihr . Eine gepreßte Resedablüthe lag dabei . » Ihre beiden Briefe habe ich erhalten , daß Sie so lange keine Antwort erhielten darf Sie wohl nicht wundern wenn Sie wie Sie oft sagten mit mir fühlen - - - mir geht es bis jetzt hier ganz gut , was die Zukunft bringt weiß ich nicht ; mein Sinn ist stets veränderlich ; bitte thun Sie mir den einzigen Gefallen und horchen Sie auf keinen Klatsch ! Die Wahrheit habe ich Ihnen gesagt und hoffentlich glauben Sie mir mehr als bewußten klatschsüchtigen Zungen ; Bescheid über meine Gesinnungen kann ich Ihnen bis jetzt noch nicht geben . Denn wenn ich auch nicht an die Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen zweifele , kann ich mir bis jetzt doch noch nicht recht vorstellen , daß dies - bald zur Wahrheit werden könnte . Doch Schicksalsbestimmung erfüllt sich auch ohne menschliche Mühe ( daran glaube ich ) hoffentlich auch Sie . Ich will Ihnen nun nicht mehr länger Ihre kostbare Zeit rauben und grüße Sie auf weiteres bestens . Kathi K. « Lange starrte er auf den Brief . Er suchte zwischen den Zeilen zu lesen . Jedenfalls stand ihm eins fest : Die Berichte Wurstelers konnten unmöglich Wahrheit sein . Denn falls sie dann immerhin zu einem solchen Briefe fähig war , so hätte in ihr jedes Schamgefühl erstickt sein müssen . Sie hatte also seinen letzten Brief noch nicht erhalten . Was nun thun ? Was wird sie nun schreiben ? Sollte er bereuen , was er geschrieben ? Nein . Das mußte die Entscheidung bringen . Ah , da kam sie . Er brauchte nur einige Stunden zu warten , als ein andrer Brief von ihr eintraf . » Vor allem Andern bitte meinen gestrigen Brief als nicht empfangen zu betrachten und dann theile ich Ihnen in diesem meinem letzten Schreiben mit , daß ich keinen Brief mit Ihrer Handschrift je mehr annehmen werde , denn ich wüßte wahrhaftig nicht warum ich stets die Zielscheibe Ihrer Grobheiten sein soll , oder glauben Sie etwa durch Ihren ehrenwerthen Antrag ( auf den ich aber schon im Stillen verzichtet hatte , nebenbei bemerkt ) dieses Recht erworben zu haben ? Nein , mein lieber Herr , hier haben Sie sich in der Adresse geirrt , ich bin gar nicht heirathslustig , namentlich in diesem Falle - - beruhigen Sie sich und denken Sie so wenig an mich , wie ich an Sie , dann erlösen Sie eine arme Seele aus ihrer Qual . Sie sagten , Sie wollen mich retten - - ängstigen Sie sich nicht um mich und verwerthen Sie Ihre Menschenfreundlichkeit zu besseren Zwecken - wenn ich auch untergehe wie Sie meinen , haben Sie jedenfalls die Beruhigung , nicht zu meinem Untergang beigetragen zu haben . Zu guter Letzt sage ich Ihnen nur noch : Wer niemals hinter der Thür gestanden , sucht keine Anderen dahinter , ich nehme bestimmt an , daß Sie Herrn Kohlrausch gar nicht kennen und bringen es fertig solche Beleidigungen auszustoßen - - wenn Sie Etwas zurückhaltender wären , würde man von dem guten Ton , den Sie so sehr rühmen , eine bessere Meinung haben ; nun gut , Alles rächt sich auf