zu große Angst , daß man ihm die » schwarze Suse « als unverbesserlich zurückschicken werde . Es ging ihm wie jenem Weib aus dem Volke , das ihren Mann lieber selbst zu Tode kurieren wollte , als daß es sich von einem Arzte sagen ließe : » Er ist unrettbar . « Wenn es dunkel geworden war und der Meister samt den Knechten Feierabend gemacht hatte , pflegte er noch ein Stündchen auf der Werkstätte herumzustöbern , ohne Zweck und Ziel eigentlich , nur weil er die » schwarze Suse « nicht verlassen wollte . Am liebsten hätte er bis zum Morgen als Nachtwächter neben ihr gestanden . Gerne mochte er hierbei eine Zeichnung oder ein paar seiner Bücher unter den Arm nehmen , ebenfalls ohne Zweck , denn es war ja finster - er wollte nur alles hübsch beieinander haben . Das geschah in der größten Heimlichkeit , denn niemand hatte eine festere Überzeugung davon , daß Paul ein vollkommener Narr war , als Paul selber . Eines Abends , als er im Dunkeln nach einem Buche kramte , das er mit hinunternehmen könnte , fiel ihn in dem hintersten Winkel seiner Schublade etwas Längliches , Rundes in die Hand , das fein in Seidenpapier gehüllt war . Er fühlte in der Finsternis , wie er errötete . Es war Elsbeths Flöte . Wie war es nur möglich , daß er ihrer und der Geberin so selten gedacht hatte ? Das Schattenreich seines Schmerzes hatte die lichte Gestalt verschlungen , die ihm an jenem dunkelsten der Tage zum letztenmal erschienen , nun war sie ihm über allem Sorgen und Mühen selber zum Schatten geworden . Im ersten Momente vermochte er kaum , sich ihre Züge vor die Seele zu rufen , erst allgemach erstand ihr Bild aufs neue in seinem Innern . Er nahm die Flöte statt des Buches unter den Arm , schlich sich hinter den Schuppen und setzte sich auf den Dampfkessel . - Neugierig tastete er an den Klappen herum , er setzte auch das Mundstück an die Lippen , aber er wagte nicht einen Ton hervorzubringen , denn er wollte niemanden aus dem Schlafe stören . » Es wäre wohl schön , « sagte er vor sich hin , » wenn ich allerhand liebliche Melodien blasen und dabei an Elsbeth denken könnte . Ich würde mich dann wieder einmal mit ihr aussprechen können und wissen , daß ich auch für mich selber auf der Welt bin ! Aber bin ich denn für mich selber auf der Welt ? « fragte er , indem er sinnend eine Kurbel erfaßte . » Wie diese Kurbel sich dreht und dreht , ohne zu wissen , warum ? und für sich selber nichts ist wie ein totes Stück Eisen , so muß ich mich auch drehen und drehen und nicht fragen : warum ? - - Es soll ja Menschen auf der Welt geben , die das Recht haben , für sich selber zu leben und die Welt nach ihren Wünschen zu bilden , aber die sind anders geartet wie ich , die sind schön und stolz und kühn , und um sie herum scheint immer die Sonne . Die dürfen sich auch die Freude erlauben , ein Herz zu haben und nach diesem Herzen zu handeln . Aber ich - ach , du lieber Gott ! « Er hielt inne und besah in trübseligem Sinnen die Flöte , deren Klappen in mattem Lichte durch die Dämmerung schimmerten . » Wenn ich so einer wäre , « fuhr er nach einer Weile fort , » dann würde ich ein berühmter Musiker geworden sein - ich weiß wohl , da drinnen sind viele Melodien , die noch kein anderer gepfiffen hat - und wenn ich mein Ziel erreicht hätte , dann würde ich Elsbeth geheiratet haben - und Vater würde reich und Mutter glücklich geworden sein . Nun aber ist die Mutter gestorben - der Vater ein armer Krüppel - Elsbeth wird einen anderen nehmn - und ich seh ' mir die Flöte an und kann sie nicht blasen . « Er lachte laut auf , und dann rutschte er nach dem Vordergrunde hin , so daß er den Schornstein erreichen konnte . Er streichelte ihn und sagte : » Aber diese Flöte , die will ich spielen lernen , daß es ' ne Freude ist . « Wie er so da saß , war ' s ihm , als hörte er vom Garten her halbunterdrücktes Kichern und Geflüster . Er lauschte . Kein Zweifel . Dort koste ein Liebespärchen oder gar mehr als eines , denn es tönten die verschiedensten Stimmen durcheinander wie aus einem Spatzenhäuflein . » Die Mägde halten sich Liebhaber , wie mir scheint , « sagte er , » denen will ich den Weg weisen . « Er holte sich eine Peitsche , die an der Stalltür hing , und kletterte leise über den hinteren Gartenzaun , um den fremden Katern den Weg zu verlegen . Da plötzlich blieb er wie versteinert stehn , seine Augen quollen hervor , und der Peitschenstiel zitterte in seinen Händen . Er hatte die Stimmen der Schwestern erkannt . Er lehnte sich an einen Baumstamm und lauschte . » Läßt er euch jetzt in Ruh ' ? « fragte eben einer der Liebhaber im Flüsterton . » Er hat jetzt zuviel mit seiner Maschine zu tun , « erwiderte die Stimme Gretens , » selbst seine ungesalzenen Predigten erspart er uns ... « » Ihr habt euch doch nie viel daraus gemacht ? « Grete kicherte . » Er ist ja trotz seiner Würde doch bloß ein dummer Junge . Und von Liebe versteht er gar nichts . Solange ich denken kann , schleicht er um die Elsbeth Douglas herum , aber glaubst du , daß er schon je gewagt hat , ein Auge zu ihr aufzuschlagen ? Die wird sich natürlich schön bedanken , so ' nen Schmachtlappen zu nehmen - da ist ihr Vetter , der