könnten , bis der eine auf den Einfall geriet , seine Gesinnung zu verwerten , die noch irgendwo vorhanden sein müsse , da er sie nie gebraucht . » Gesinnung ? « schrie der andere , » eine solche muß ich ja auch noch haben , eine wie ein neugeborenes Kind ! « Sogleich nahmen sie die Reisebündel vom Rücken , schnürten sie auf und wühlten in dem unhabseligen Schunde herum , fanden aber lange nichts . » Halt , « rief der eine , » da muß was sein ! « und brachte ein hölzernes Nadelbüchslein zum Vorschein . Behutsam hob er das Deckelchen zur Hälfte ab und guckte mit einem Auge in die Höhlung . » Ja , da drin sitzt es « , rief er , und machte stracks wieder zu . Der andere Rüpel fand ein winziges Pillenschächtelchen , öffnete es ebenso vorsichtig wie jener sein Nadelbüchslein , verschloß es ebenso schnell und schrie , da sitze seine Gesinnung auch ganz wohlbehalten drin . Da nun jeder dieser Habseligkeit sicher war , hieß es , was damit anfangen ? Plötzlich erinnert sich der eine Rüpel , daß ehestens in der Gegend eine glänzende Hochzeit zwischen der reinen Jungfrau Demokratie und dem alten Herrn Liberalismus gefeiert und bei diesem Anlasse ein großer Vorrat von Gesinnung benötigt werde , und zwar von beiden Arten , von der liberalen und von der demokratischen . Jeder , der damit versehen sei , und auch kleinere Beiträge sind willkommen , werde trefflich verpflegt , und wenn er tapfer fresse und saufe , so sei er einer gut besoldeten Anstellung mit permanentem Urlaub sicher usw. Sie wurden einig , an die Hochzeit zu gehen und ihre Gesinnung anzubieten . Um sich aber nicht selber hinderlich zu sein , beschlossen sie , sich auf beide Seiten zu verteilen und der eine bei der Braut , der andere beim Bräutigam sich zu melden . Sie besahen nochmals die kleinen Habseligkeiten im Büchschen und im Schächtelchen , ob sie nicht eine Wegleitung daran zu erkennen vermöchten . Allein sie konnten durchaus nichts erraten und erfanden daher den Ausweg , auszuwürfeln , wessen Gesinnung liberal und wessen Gesinnung demokratisch sein solle . Sie setzten sich also auf den Boden , zogen einen schmutzigen alten Lederbecher mit Würfeln hervor und würfelten die Parteien unter sich aus , natürlich wieder mit allerhand Schnurren und Possen . » Es ist doch ein lausiges Spiel , « schrie der eine , » wenn man kein Bier dazu hat ! « - » Wir wollen uns ein paar frisch gefüllte Töpfe denken , « rief der andere , » sieh den schönen Anstich ! Trink ! « Endlich wurden sie mit dem Würfeln , das sie mit vielen Mogeleien lustig zu verlängern gewußt hatten , fertig . Jeder prägte sich seinen Parteinamen wiederholt ins Gedächtnis und machte zur größeren Sicherheit einen Knoten in das alte Schnupftuch , welches der eine von ihnen besaß , so daß dieser beide Versicherungen mit sich trug . Dann gingen sie mit Hallo und Juhe hinter die Bühne und verschwanden , wie sie gekommen . Die ganze Zeit über waren die Notare mit den Bräuten vor der Bühne gestanden und hatten stumm hinaufgeschaut . Jetzt sahen sie sich mit roten Gesichtern an , durften aber nicht miteinander reden . Glücklicherweise war es für sie die höchste Zeit , nach der Station zu gehen , wozu sie bereits gemahnt wurden . Von den Eltern begleitet , begaben sie sich , nach Vornahme des nötigen Kleiderwechsels , unbemerkt hinweg . Beide Bahnzüge waren zum Ausfahren bereit . Die Brüder fanden einen Augenblick Zeit , einander zu fragen , welcher von ihnen die Würfelgeschichte ausgeschwatzt habe ; jeder beteuerte , daß er mit keiner Silbe das getan . » Dann muß uns damals einer beobachtet haben , der uns kannte ! « fanden sie einstimmig und trugen von der schönen Hochzeit das unangenehme Bewußtsein hinweg , mit einem Gerüchte behaftet in den Ehestand einzugehen . Als der erste Bahnzug bestiegen werden mußte und die Schwestern Setti und Netti sich zum ersten Male in ihrem Leben trennten , befiel auch sie eine traurige , wie ahnungsvolle Stimmung ; sie fielen sich weinend um den Hals und wußten vor Schluchzen sich beinahe nicht zu fassen . In dem Hochzeitsgarten wurde inzwischen nichts verspürt , daß der Schwank der zwei Rüpel verstanden worden und seine Bedeutung bekannt sei ; er wurde als eine harmlos satirische Hochzeitsposse aufgefaßt und belacht . Man wunderte sich nur , wer die beiden Burschen gewesen seien . Der vielen jungen Frauensleute wegen wurde im Wirtshaussaale nun doch noch ein Tanz angeordnet , und als Salanders Extrazug um Mitternacht den von Münsterburg gekommenen Teil der Gäste wieder abholte , blieben dennoch Haus und Baumgarten ganz erhellt und voll Gesang und Musik in der schönen Juninacht zurück . XII Martin Salander war zur volksmäßig politischen Feier einer Hochzeit , welche bald überall von sich reden machte , durch den Brief seines Sohnes von neuem gereizt worden ; er hatte dessen blasierte Weisheit , wie er es nannte , lakonisch mit einer Fortschrittstat beantworten wollen , so wortreich sie in der Ausführung geriet . Nun stellte sich unvermutet eine Folge ein , an die er nicht gedacht . In der Gegend , wo das Fest stattgefunden , erklärte ein Mitglied des Großen Rates wegen häuslicher Zerrüttung mitten in der Amtsdauer den Rücktritt und mußte durch eine Neuwahl ersetzt werden . Indem sie sich nach dem Manne umschauten , verfielen die Leute auf den Volksfreund Salander , und weil er schon einmal abgelehnt hatte , sandten sie ein paar Männer , die ihn bewegen sollten , dem Rufe zu folgen . Überrascht bat er um kurze Bedenkzeit , sosehr sie in ihn drangen ; denn er war aufrichtig gesinnt , nochmals ernstlich zu überlegen , ob er den Schritt tun solle und sich über dessen Bedeutung für seine Person insbesondere Rechenschaft zu geben . Martin gehörte nicht zu den Befreiern oder