Das Tuch ist ein notwendiges Requisit . Die Augen hält der Priester geschlossen , die verraten nichts , die untere Hälfte seines Gesichtes aber deckt das Tuch ; gut , wenn es nichts zu verhüllen hat als etwa das Lächeln über naive Geständnisse kindlicher Seelen und nicht das starre Erstaunen , das jähe Erschrecken , den fröstelnden Ekel über ungeahnte Laster , Missetaten und Gemeinheiten . Bei seinen bisherigen Beichtkindern hätte Kaplan Sederl allerdings des Tuches nicht bedurft . Man hatte ihm jene alten Frauenzimmer zugewiesen , die ihres chronischen Seelenleidens halber allwöchentlich in die Kirche gelaufen kamen und manchen wackern Priester ärgerten ; ferner mußte er aushelfen , wenn man die Schulkinder zur österlichen Beichte führte . Die Sündenbekenntnisse , welche er zu hören bekam , waren daher keineswegs aufregender Natur , er war aber auch anderseits ein sehr ernster Mann , der kein Geständnis leichtzunehmen vermochte und jedes in aller Weit- und Breitschweifigkeit behandelte , darum drängten sich die alten Weiber an ihn heran , während Knaben und Mädchen , nur vom Lehrer hingewiesen , sich vor seinem Beichtstuhle anreihten und , wenn es irgend anging , sich sachte wieder davonstahlen ; es galt für eine Art Schulstrafe , bei Kaplan Sederl beichten zu müssen . Was sich nun aber hier , wo er zum ersten Male in der kleinen Dorfkirche zur Beichte saß , an die vorgeschriebene Reue- und Leiderweckung anschloß , war nicht das herabgeleierte , aus dem Beichtspiegel « zusammengesuchte Geständnis eines Kindes , nicht das selbstquälerische , von Seufzern begleitete Geschwätz einer hysterischen Alten , es war das Bekenntnis eines reifen Wesens , das sich bewußt war , gesündigt zu haben , eine Selbstanklage , die in allen Punkten zu Recht bestand und , obwohl stotternd , doch im Tone trockenster Aufzählung vorgebracht wurde . Heiß und kalt überlief es den jungen Geistlichen . Ihn empörte diese von keiner Regung der Scham begleitete Aufdeckung moralischer Gebreste und Schäden , er vergaß , daß die Vorschrift dem Beichtkinde auftrug , sich dem Beichtiger gegenüber von der Scham nicht beeinflussen zu lassen . Zum ersten Male hatte er Gelegenheit , in die Tiefen eines menschlichen Herzens zu blicken , und er fand da nicht Verlaß noch Treue , ohne daß er ahnte , wie wenig überhaupt davon in der Welt vorkam und fortkam und , schon als zarter Schößling roh unter fremde Füße getreten , mit eigenen Händen , leichtfertig oder verzweifelnd , ausgerauft wurde , da es ja doch keinem zu Nutz noch zu Genuß gedieh . Er ließ die Hand mit dem Tuche sinken , mit zornigen Augen sah er durch das Drahtgeflechte des Gitters und begann zu eifern . Damit hatte er es versehen , und doch machte dieses Versehen die Beichte ihm lehrreich und verhalf ihm zu einem der bleibendsten Eindrücke in seiner Erinnerung . Helene starrte ihn erst erschreckt an , dann begannen sich ihre Augen mit Tränen zu verschleiern . In stammelnder Erregung brachte sie Aufklärungen und Erläuterungen über ihr Tun und Lassen vor , durch welche dasselbe entschuldigt werden , in milderem Lichte erscheinen sollte , immer aber fand sie sich zuletzt einem schlechten Willen , einer sträflichen Schwachheit gegenüber , denen sie nachgegeben hatte , welche ihr selbst unerklärlich waren und nun geradezu wie Eingebungen des Bösen erschienen . Jammernd rang sie die Hände , brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und stieß sich die Stirne an dem geschnitzten Zierat des Beichtstuhles blutig . Da überkam , jäh wie eine Offenbarung , den jungen Priester die Erkenntnis , warum der , an dessen Statt er nun des Amtes zu walten vorgab , nicht jene , die vertrockneten oder reinen , unberührten Herzens auf den Höhen des Lebens wandelten , zu sich berufen hatte , sondern die der Führung und des Trostes Bedürftigen , die Kinder , die Mühseligen und Beladenen und die Sünder , und warum die alte Welt bis in ihre Grundfesten erschüttert wurde durch die neue Botschaft , welche an Stelle des starren Gesetzes die Liebe , an Stelle der Strafe die Gnade zu setzen verhieß . Und nun begann der Kaplan beruhigend und tröstend zuzusprechen , und je leiser das Stöhnen der vor ihm Knienden wurde , je mehr ihre geknickte Gestalt sich aufrichtete , je inniger und vertrauender ihr Blick auf ihm haftete , je überzeugender und eindringlicher ward seine Rede , und nie hatte er , so ganz eingedenk ihres Gewichtes , die Lossprechungsformel feierlicher und andächtiger ausgesprochen . Als er aus dem Beichtstuhle trat und das junge , schöne Weib zu ihm aufsah mit dem bleichen , reglosen , frommen Antlitze , da meinte auch er sagen zu dürfen : » Wer sich rein fühlt , der werfe den ersten Stein auf sie ! Gehe hin und sündige nicht mehr ! « Mächtig hob sich seine Brust . Er reckte sich empor . Heiliger Ernst lag über seinen Zügen , und aus seinen Augen blickte eine milde und gelassene Ruhe , als sähe er die Dinge in dem Lichte einer weltentlegenen Sonne , in all ihrem dürftigen Scheine und ewigen Wandelbarkeit . Zu der Stunde war dieser häßliche Mensch schön ; schön , wenn es je eine durchgeistigte Form über eine leere vollendete davontrug . Er trat an die Dirne heran . Die Worte seines Herrn und Meisters zu gebrauchen schien ihm doch eine Entwürdigung . Er berührte flüchtig mit der Hand ihren Scheitel und hieß sie mit leiser Stimme aufstehen und gehen . Helene raffte sich rasch auf und lief nach der Kirchenpforte , der Kaplan schloß hinter ihr ab , begab sich in die Sakristei , wo er hastig seinen Ornat ablegte und dann durch ein kleines Pförtchen hinaus ins Freie trat . Es begann zu dämmern . Hinter der Kirche lief durch dichten Busch ein schmaler Pfad , wenige Schritte lang , bis zur Ecke der niederen Friedhofmauer , dort lehnte sich der junge Geistliche an das Gestein und sah über die Ruhestätte der Toten hinweg , in die