Blicke , und ich kam mir nun vor wie ein wirklicher Taugenichts , mit welchem wenig anzufangen sei . Ich brach verzagt und weinerlich auf , mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande suchend , welcher sich barmherziger gegen mich erwiese . Allein die Natur , mehr und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend , ließ mir kein Almosen ab ; in meiner Bedrängnis tat sich mir das Wort kund » Aller Anfang ist schwer « und damit die Einsicht , daß ich ja erst jetzt anfange und diese Mühsal eben den Unterschied von dem frühern Spielwerke begründe . Aber die Einsicht stimmte mich nur trauriger , da mir Mühseligkeit und saurer Fleiß bisher unbekannte Dinge gewesen waren . Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal zu Gott , der mir im Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende wieder nahe getreten , und bat ihn flehentlich , mir zu helfen um meiner Mutter willen , deren sorgenvoller Einsamkeit ich nun auch gedachte . Da traf ich auf eine junge Esche , welche mitten in einer Waldlücke auf einem niedrigen Erdwalle emporwuchs , von einer sichernden Quelle getränkt . Das Bäumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine zierliche Laubkrone , deren regelmäßig gereihte Blätter zu zählen waren und sich , so wie der Stamm , einfach , deutlich und anmutig auf das klare Gold des Abendhimmels zeichneten . Weil das Licht hinter der Pflanze war , sah man nur den scharfen Umriß des Schattenbildes ; es schien wie absichtlich zur Übung eines Schülers hingestellt . Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stämmchen mit zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen ; aber noch einmal wurde ich gehöhnt , indem der einfache , grünende Stab im selben Augenblicke , wo ich ihn zu zeichnen und genauer anzusehen begann , eine unendliche Feinheit der Bewegung annahm . Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten sich in allen kaum merklichen Biegungen so streng aneinander , sie verjüngten sich nach oben so fein , und die jungen Äste gingen endlich in so gemessenen Winkeln daraus hervor , daß um kein Haar abgewichen werden durfte , wenn das Bäumchen seine schöne Gestalt behalten sollte . Doch nahm ich mich zusammen und klammerte mich ängstlich und aufmerksam an jede Bewegung meines Vorbildes , woraus endlich nicht eine sichere und elegante Skizze , sondern ein zaghaftes , aber ziemlich treues Gebilde hervorging . Ich fügte , einmal im Zuge , mit Andacht die nächsten Gräser und Würzelchen des Bodens hinzu und sah nun auf meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen Stengelbäumchen , welche auf den Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer heutigen Epigonen den Horizont so anmutig und naiv durchschneiden . Ich war zufrieden mit meiner bescheidenen Arbeit und betrachtete sie noch lange abwechselnd mit der schlanken Esche , die sich im leisen Abendhauche wiegte und mir wie ein freundlicher Himmelstote erschien . Als ob ich wunder was verrichtet hätte , zog ich hochvergnügt dem Dorfe zu , wo meine Verwandten begierig waren , die Früchte meiner mit soviel Anspruch unternommenen Waldfahrt zu sehen . Nachdem ich aber mein Bäumlein mit seinen höchstens vier Dutzend Blättern hervorgezogen , löste sich die Erwartung in ein allgemeines Lächeln auf , welches bei den Unbefangensten zum Gelächter wurde ; nur dem Oheim gefiel es , daß man doch gleich ein junges Eschchen erkannte , und er munterte mich auf , unverdrossen fortzufahren und die Waldbäume recht zu studieren , wozu er mir als Forstmann behilflich sein wolle . Er besaß noch so viel städtische Erinnerung , daß ihm dergleichen nicht lächerlich vorkam ; auch mochten leidenschaftliche Jäger von jeher die Malerei wohl leiden , insofern sie den Schauplatz ihrer Freuden und ihre Taten selbst verherrlicht . Daher begann er nach dem Abendessen noch sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den Eigentümlichkeiten der Bäume und von den Stellen , wo ich die lehrreichsten Exemplare finden würde . Zuvörderst aber empfahl er mir , die Studien des Junkers Felix zu kopieren , was ich an den folgenden Tagen mit großem Eifer tat , indessen wir an den schönen Abenden unsere Spürgänge für die nächste Jagdzeit fortsetzten und dabei die reizendsten Gründe und Höhen durchstreiften , umgeben und begleitet von der reichen Baumwelt . So ging die erste Woche meines ländlichen Aufenthaltes angenehm zu Ende , und um diese Zeit wußte ich schon etwelche Bäume voneinander zu unterscheiden und freute mich , die grünen Gesellen mit ihren Namen begrüßen zu können ; nur hinsichtlich der Kräuterdecke des feuchten oder trockenen Bodens bedauerte ich erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung der botanischen Anfänge in der Schule , da ich wohl fühlte , daß für die Kenntnis dieser kleinen , aber weit mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht genügten ; und doch hätte ich so gern die Namen und Eigenschaften aller der blühenden Dinge gekannt , welche den Boden bedecken . Einundzwanzigstes Kapitel Sonntagsidylle . Der Schulmeister und sein Kind Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet worden , welchen wir jungen Leute hinter dem Walde abstatten wollten . Dort wohnte auf einem einsamen und abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Tante mit einer jungen Tochter , welche mit meinen Basen eine eifrige Mädchenfreundschaft pflag . Ihr Vater war früher Dorfschulmeister gewesen , hatte aber nach dem Tode seiner Frau sich in jenen beschaulichen Waldhof zurückgezogen , da er ein hinlängliches Vermögen besaß und das grade Gegenteil meines Oheims darstellte . Während dieser , von städtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen , dieses alles hinter sich geworfen und vergessen hatte , um sich ganz der braunen Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben , strebte jener , von bäuerischem Herkommen und bescheidener Bildung , allein nach milden und feinen Sitten , nach dem Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in beschauliche geistliche und philosophische Spekulationen , betrachtete die Natur nach Anleitung einiger Bücher und freute sich , vernünftige Gespräche anzuknüpfen , sooft sich hiezu die