es spät werden wegen Mamas Teegesellschaft . Wir rauchen , wir spielen Karte , wir sind fidel . Die anderen trinken Bier . Es sind lauter arme Schlucker . Aber ich mag kein Bier ; ich trinke Wein . Ich bin auch der einzige Edelmann in dem Korps . Und da haben wir es geschworen : Der Tag der Freiheit , oder die ewige Nacht ! Wenn du größer wärst , Dezimus , ich meine , wenn du schon auf der Schule wärest , führte ich dich ein als Gast . « Ei nun ! Held Dezimus dachte es sich gar nicht uneben , wenn er erst groß geworden sein werde , in einem fidelen Werdetag mit fidel zu sein , obschon , als armer Schlucker , nur mit Biergenuß . Vor der Hand beschäftigte ihn indessen vorzugsweise die Frage , was der schöne junge Herr werden wolle , wenn er binnen kurzem das Präsidium des Werdetags in weniger würdige Hände niederlegte ? Und diese Frage stellte er denn auch ganz unumwunden , indem er zuversichtlich die Antwort erwartete : ein Sternenforscher ! und begierig war zu erfahren , welcher Weg zu diesem einem so herrlichen Junker einzig geziemenden Ziele eingeschlagen werden müsse . Als der herrliche Junker nun aber einfach antwortete : » Gar nichts ! « da starrte er ihm verblüfft in das Gesicht ; denn einen Menschen , der gar nichts war , hatte der Zögling Konstantin Blümels sich bisher nicht denken können . » Nichts oder alles ! Ein freier Mann ! « verdeutlichte Junker Max . » Mein eigener Herr . Wenn der alte Mehlborn tot ist , sind Sidi und ich Millionäre ; denn Mama will er enterben . Wir werden aber nie vergessen , daß sie unsere Mutter ist , wenn sie auch Madame Zacharias heißt . Und von der römischen Tante erben wir auch alles ; denn die pröpstlichen Hartensteins sind ihr zu fromm . Vor der Hand sorgt Sidi ; sie hat viel in ihrer Sparbüchse . Wirds vor der Zeit alle , gehe ich unter die Kunstreiter . « Dezimus fragte , was Kunstreiter seien , und wurde berichtet : die einzigen freien Menschen in diesem geknechteten Jahrhundert ; die Schauspieler ausgenommen , deren Kunst aber lange nicht so nobel sei . » A propos ! « unterbrach sich der junge Herr , » du kommst ja über X. Hast du nicht gehört , ob der Le Voisin in der Kürassierreitbahn noch Vorstellungen gibt ? Ich bin schon ein paarmal drüben gewesen ; versteht sich heimlich . Heute wollte ich auch wieder hin . Wenn aber Mama Gesellschaft hat , muß ich die Honneurs machen . « Dezimus wußte , daß le voisin in Frankreich der Nachbar heiße ; von einem Le Voisin in X. wußte er nichts ; und da sie just vor Frau von Hartensteins Hause standen , konnte der Junker ihm nur noch einschärfen , auch wenn er gefragt werde , nichts von ihrer Begegnung zu verraten . » Mucksmäuschenstill , Junge ! hörst du ? und so ein Schafsgesicht gemacht wie jetzt ! « Damit sprang er , je zwei Stufen auf einmal nehmend , die Treppe hinan , um vor dem ästhetischen Zirkel den Geist des Sekts noch ein Stündchen auszuschlummern . » Wenn sie nach mir fragen , mache ich meine Pensa , du weißt schon , Schwesterchen , « sagte er zu der kleinen Sidi , die ihm auf dem Flur entgegenkam . Sie nickte und nahm dann Dezimus , der auf des Junkers Geheiß ihm langsam nachgefolgt war , bei der Hand , um ihn der Mutter vorzuführen . Das hätte der abenteuernde Schäfersohn in seinem staubigen Leinenkittel sich aber nicht träumen lassen , daß er in dem vornehmen Hause aufgenommen werden würde wie ein Prinz ! Ja , Heimat bleibt Heimat , der reinsten Vernunft zum Trotz . Frau Brigitte fragte nach den Bewohnern von Schloß und Pfarre , von Pächter- und Schulhaus , nach Hinz und Kunz . Sie fragte mit Anteil , wennschon nicht mit Wärme . Nur nach ihrem Vater fragte sie nicht , und das wäre ja auch die einzige Frage gewesen , auf welche Dezimus keinen Bescheid hätte geben können . Endlich fragte sie denn auch , ob ihr kleiner Gast Hunger habe und etwas genießen möchte , auf welche Fragen der kleine Gast ehrlich : » Ja « und höflich : » Wenn ich bitten darf « antwortete , demzufolge in die Küche geführt ward und eine gewärmte Mittagsschüssel vorgesetzt erhielt , die er bis auf den Grund leerte . Die kleine Sidi , die von wenig mehr als der Luft und ein bißchen Zuckerwerk oder Obst lebte , sah mit Wunderaugen , welche Stoffmassen solch ein neunjähriger Hirtenmagen unterzubringen vermöge . Gehört ein guter Magen denn aber nicht zu den Grundbedingungen eines Glücklichen ? » Eure neue Gutsherrin , Fräulein von Werben , wünscht dich zu sehen , Dezimus , « sagte Frau von Hartenstein darauf . » Reinige dich daher und kleide dich um . Meines Sohnes Zeug wird dir passen . « Die kleine Sidi , welche ihr Mäxchen bei seinem Pensum von keinem Dritten stören lassen wollte , war flink bei der Hand , Wäsche und Kleider herbeizuholen und den Dezem in eine Hinterstube zu führen . » Erst nimm ein Bad , « sagte sie , indem sie einen Schrank öffnete . In der Werbener Pfarre wurde , sobald es im Flusse zu kalt wurde , regelmäßig Sonnabend nachmittags im Waschhause gebadet . Aber da setzte man sich in eine Wanne . Daß einer stehend in einem Schranke baden sollte , dünkte dem Dezem wider alle Naturordnung . Die kleine Sidi lachte ihn jedoch aus , drehte die Hähne auf , ließ kalten und warmen Regen sprühen und verlangte , daß Dezimus sich in ihrer Gegenwart unter die Traufe stelle . Er wurde feuerrot ; die Kleine kicherte wie ein Kobold . » Dummer Dezem , « sagte sie .