? Die Offiziere schreien Zeter über den Braunschweiger . Mit abgewandten Gesichtern schleichen sie aneinander vorüber , sie , die gestern so stolz und sicher wie zur Parade ausgezogen waren ! Weinen habe ich ihrer sehen vor Zorn und Scham . Wären Sie ein Preuße wie ich , sagte mir ein alter Major , hätten Sie noch unter Friedrichs Fahne gedient , Sie beneideten Ihren gefallenen Prinzen . « Was soll ich weiter sagen ? Äußerlich hielt ich stand . Lautlos legte ich den Brief in des Vaters Hand zurück . Er schluchzte wie ein Kind und die Tränen rieselten über seine Wangen in den ergrauenden Bart. Die Mutter saß lange Zeit still mit gefalteten Händen . Endlich erhob sie sich . » Wir alle bedürfen der Sammlung . Geh zur Ruhe , liebe Tochter , « sagte sie , indem sie mich auf die Stirn küßte . Der Vater führte mich bis zur Tür , preßte meine beiden Hände und sprach : » Gott muß es am besten wissen , mein gutes Kind . « » Gott muß es am besten wissen ! « Wie oft habe ich in ruhigeren Stunden dieses Wortes gedacht , das so alltäglich verhallt , und doch das einzige ist , dessen wir uns in unbegreiflichen Schickungen getrösten . Diese lebensgierige Natur , ohne Halt in der Außenwelt , zügellos in der inneren , würde sie sich behauptet haben während der zwanzig . Jahre des Verfalls , welche der Spiegelfechterei von Valmy folgten , bis zur tiefsten Schmach und hart an die Grenze der Vernichtung ? Würde sie ihre Kraft zusammengehalten haben für die büßende Mannestat ? Oder nach welcher Richtung hin sie verschleudert und sich selbst verloren ? Gott hat es am besten gewußt , mein braver Vater ! In dieser Stunde freilich , da war dein Trostspruch mir ein leerer Schall , und ich hörte nur das eine hoffnungslose : tot , dahin , was meiner Augen Licht und meiner Seele Stolz gewesen . Aller Halt war gebrochen , sobald ich - endlich allein ! - die Treppe erreicht hatte . Ich ließ mich auf die Stufen niedersinken , der Leuchter entglitt meiner Hand . So lag ich , ich weiß nicht , wie lange ; das Leben dünkte mich eine Nacht , undurchdringlich wie die , welche mich umfing . Endlich raffte ich mich auf und tastete mich nach meiner Tür . Da sah ich einen hellen Streifen durch die Spalte der Nebenstube fallen , und Törin , die ich gewesen ! sah mich aus der Öde des Grabes schon wieder inmitten der bewegenden Flut . Denn ich erinnerte mich an eine , der wahrhaftiger als mir des Lebens Leuchte erloschen war . Es war die Todespost , die ihr der alte Freund als eine Freudenpost gereicht hatte , und tödlich schien der Streich , der sie so jach getroffen . Sie lag kalt und steif am Boden ausgestreckt ; in der krampfhaft geballten Hand den Brief Siegmund Fabers . Die tiefe Schnuppe des Lichtes zeigte , wie lange sie in dieser Erstarrung hingebracht hatte , und wohl ahnete mir das jammervolle Dasein , zu welchem ich sie erwecken sollte . Eine dunkle Stimme warnte mich , die Eltern oder Diener um Beistand herbeizurufen . Ich trug sie auf ihr Bett , löste die Kleider , und - - Und was empfand die keusche , achtzehnjährige Ehrenhardine vor der Enthüllung , die sie nicht vermutet hatte und doch mit Blitzesschärfe verstand ? Erbarmen , Empörung , Haß ? Schrie sie Wehe über die Sünderin ? Nichts von alledem ist ihr bewußt ; aber heute noch fühlt sie den Schauer , der sie in jenem Augenblicke überrieselte , den Schauer neuerwachenden Lebens nach dem gellenden Todesschrei . Nein , er war nicht tot , nicht völlig tot : eine Spur von ihm lebte , und ich beneidete , ja ich beneidete das glückselige Weib , dem seine Liebe sie eingeprägt hatte ! Ich öffnete das Fenster , benetzte die Erstarrte mit Kölnischem Wasser , hauchte meinen Atem auf ihre Lippen ; in Todesangst fühlte ich ihren Puls und hätte aufschreien mögen vor Entzücken , als ich den ersten matten Schlag spürte . Endlich schlug sie die Augen auf und schaute wirr umher , wie beim Erwachen aus einem entsetzlichen Traum . Jetzt fiel ihr Blick auf mich , und es war ein markerschütternder Schrei , der das rückkehrende Bewußtsein verkündete . Gleich einer Wahnsinnigen sprang sie aus dem Bett , wand sich am Boden mit entblößtem Busen und zerrauftem Haar . » Töte mich , töte mich , Hardine ! « kreischte das verzweifelnde Weib . Aber die böse Stunde verrann . Ein erwärmendes Feuer prasselte im Ofen , die Lampe brannte ruhig auf dem Tisch . Dorothee lag eingehüllt im Bett ; ihre Tränen rieselten über die bleichen Wangen , und : » Retten Sie mich , retten Sie mich , Fräulein Hardine ! « wimmerte eine Kinderstimme in mein Ohr . Und die ermatteten Lider fielen zu ; die Brust hob sich in gleichmäßigen Atemzügen ; sie schlummerte ein . Auch ich wollte Ruhe suchen . Da bemerkte ich den Brief , den ich vorhin ihrer Hand entwunden hatte , und den zu lesen ich ein Recht zu haben glaubte . Mein erster Blick fiel auf die folgende Nachschrift : » Gestern hatte ich ein Erlebnis , das mich seltsam bewegte und das den Anteil Ihrer verehrten Hausgenossen erwecken wird . Seien Sie mit der Kundmachung vorsichtig , liebe Dorothee . Ich befand mich bei den Vorposten unseres Regiments , als ich im Namen meines durchlauchtigen Chefs zu schleuniger Hilfeleistung entboten ward . Ein hoher Anverwandter seines Hauses , als Volontär erst vor einer Viertelstunde bei der Truppe eingetroffen , war während eines kühnen Erkundigungsrittes schwer verwundet und in ein unfernes Vorwerk gerettet worden . Ich hatte das unglückliche Begebnis mit angesehen und war bereits auf dem Wege zu helfen . Gottlob , da ist Faber ! riefen der Herr