gestrahlt , als sei sie gewillt , von dieser Reise ein langersehntes Glück mit heimzubringen . Es war der zweite Nachmittag , den Felicitas mit Aennchen allein im Garten verbringen durfte - das waren nicht bloß friedliche Stunden , sie hatten ihr auch Angenehmes - Wunderbares , wie sie es nannte - von außen her gebracht . Der Nachbargarten , den nur ein lebendiger Zaun von dem Hellwigschen Grundstück trennte , war vor einigen Tagen in den Besitz der Frankschen Familie gekommen . Gestern hatte der Rechtsanwalt über den Zaun hinweg in seiner liebenswürdigen , vertrauenerweckenden Weise freundliche Worte mit ihr gewechselt , und heute hatte plötzlich eine alte Dame in schwarzem Seidenkleide , das liebe , gütevolle Gesicht von einem weißen Häubchen umrahmt , dort gestanden und sie angeredet . Es war die Mutter des jungen Frank gewesen . Sie lebte äußerst zurückgezogen nur für ihren Mann und den einzigen Sohn und war eine in der Stadt hochgeachtete Persönlichkeit . Sie hatte im Hinblick auf Felicitas ' baldiges Scheiden aus dem Hellwigschen Hause dem jungen Mädchen Rat und Beistand angeboten - ein ungeahnter Sonnenstrahl im Leben des mißachteten Spielerskindes ! ... Und dennoch lehnte Felicitas , jetzt in ernstes Sinnen verloren , da am alten Nußbaume . Ueber ihr zog es leise durch den dunklen Wipfel - sie lächelte trübe - in dem Geflüster hörte sie Nachklänge eines versunkenen Paradieses . - Ihre halbzertretene erste Jugend zog an ihr vorüber , und jetzt klang ihr das leise Rauschen anders in der finsteren Prophezeiung : sie sei berufen zu kämpfen , zu leiden bis zum letzten Atemzug ... Daß aber das Verhängnis in diesem Augenblick bereits über ihre schwachen Lebenshoffnungen zermalmend hinschreite - das hörte sie doch nicht . Heinrich war vor wenigen Augenblicken zur Gartenthür hereingekommen ; es hatte ausgesehen , als wolle er auf Felicitas in stürmischer Eile zulaufen , dann aber war er hinter einer Taxuswand verschwunden . Jetzt kam er langsam hervor . Mit dem ersten Blick auf dies breite , ehrliche , aber furchtbar verstörte Gesicht wußte das junge Mädchen , daß er Unheil bringe - von welcher Seite kam es ? Sie sprang ihm entgegen und faßte angstvoll seine Hand . » Ja , Feechen , ich kann dir nicht helfen - erfahren mußt du ' s doch einmal , « sagte er tonlos , während er sich mit der verkehrten schwieligen Hand über die erhitzte Stirn strich und die Augen wegwandte . » Siehst du , armes Ding , das ist ja nun einmal so der Welt Lauf - « » Weiter ! « unterbrach sie ihn rauh , fast aufschreiend ; dann biß sie krampfhaft die Zähne zusammen . » Ja doch - daß Gott erbarm , wenn du so bist , wie soll ich dir ' s denn da beibringen ? ... Die alte Mamsell - « » Ist tot ! « vollendete sie in gellenden Tönen . » Noch nicht , Feechen , noch nicht ; aber freilich - so gut , als wär ' s schon vorbei , sie kennt schon niemand mehr - der Schlag hat sie gerührt ... Ach du lieber Gott , und so mutterseelenallein ist sie gewesen ! Die Aufwartefrau hat sie gefunden , in der Vogelstube , auf dem Boden hat sie gelegen - hat erst noch für die armen Kreaturen gesorgt - « Die Stimme versagte ihm , er weinte wie ein Kind . Felicitas stand im ersten Augenblick erstarrt , der letzte Blutstropfen war aus ihrem weißen Gesichte entwichen ; mechanisch preßte sie die schmalen Hände gegen die klopfenden Schläfen , aber keine Thräne kam aus ihrem Auge . Nur einen Moment irrte ein unsäglich bitteres Lächeln um ihre Lippen , dann griff sie mit unheimlicher Ruhe nach ihrem Hute , der auf einem Heuhaufen lag , rief Rosa herbei , die arbeitend unter den Akazien saß , und übergab ihr das Kind . » Sind Sie unwohl ? « fragte das Kammermädchen . Das bildsäulenartige Aussehen , die unheimliche Starrheit in dem aschbleichen Gesichte des jungen Mädchens erschreckte sie . » Ja , sie ist krank , « antwortete Heinrich an Felicitas ' Stelle , die rasch nach der Gartenthür zuschritt . » Feechen , nimm dich zusammen , « mahnte er , ein Stück Weges neben ihr herschreitend , » die Madame ist bei ihr - gut , daß das die arme Mamsell nicht weiß ! ... Doktor Böhm ist schon wieder fort - er kann nichts mehr thun ... Ach , und gerade heute , gerade heute ! Du bist nun einmal ein Unglückskind ! « Felicitas hörte nicht , was er sagte ; die Worte schwirrten unverstanden an ihren Ohren vorüber , wie sie auch die Menschen auf den Straßen nicht sah , die ihr begegneten . Von Friederike ungesehen , betrat sie das Haus und stieg die Treppe hinauf . Auf dem Vorplatze der Mansarde warf sie ihren Hut in eine Ecke . Die Thür der Vogelstube klaffte , ein wildes Geschrei scholl heraus . Wie war diese Thür sonst gehütet worden , damit kein Flüchtling entschlüpfe ! Jetzt ging das junge Mädchen vorüber , ohne die Hand zu bewegen - mochten diese verlassenen Geschöpfe ihre Nahrung unter Gottes freiem Himmel suchen , sie hatten ja keine Pflegerin mehr . Sie trat in die große Wohnstube ; aus dem anstoßenden Schlafkabinett scholl das unbiegsame , eintönige Organ der Frau Hellwig herein in den Raum , der seit vielen Jahren nur die Sprache der Musik oder den seltenen Wohllaut einer unsäglich milden , seelenvollen Frauenstimme gehört hatte . Die große Frau las eines jener sogenannten alten Kernlieder , welche , für die Anschauungen eines noch auf niederer Bildungsstufe verharrenden Volksgeistes gedichtet , in ihrem leitenden Gedanken , ihrer Ausdrucksweise den Zweck als Vermittler zwischen dem Himmel und der Menschenseele für unsere Zeit völlig verloren haben . Diese grob zugehauenen , von gemein sinnlichen Ausdrücken strotzenden Verse vor den Ohren einer Sterbenden , die ihr ganzes Leben lang dem