ein Mensch wie Hollfeld neben Herrn von Walde Bedeutung gewinnen konnte für Helene ? « ... Jener , der sich hinter einer bedeutungsvoll scheinenden Schweigsamkeit verschanzt , weil er in der That nichts zu sagen weiß , und dieser , durch dessen edle äußere Ruhe ein Feuergeist blitzt , ein unerschöpflicher Quell von Gedanken , der jedoch gebändigt und geleitet wird durch einen mächtigen Willen ... Daher diese maßvolle äußere Haltung , die gewöhnlichen Naturen stets unverständlich bleiben wird . « Es fiel ihr wieder ein , daß Herr von Walde sie ganz besonders fixiert hatte , als sein Verdacht wach geworden war ... Hielt er sie für eine Mitschuldige , für eine Vertraute seiner Schwester ? und warf er nun auch seinen Groll auf sie , die doch am lebhaftesten wünschte , Herr von Hollfeld möge seiner plötzlich erwachten Passion für die Musik so schnell wie möglich wieder untreu werden ? ... Das konnte sie freilich niemand , am allerwenigsten aber Herrn von Walde sagen , und mußte somit schmerzlich büßen für das abscheuliche Erröten , das gerade in einem verhängnisvollen Augenblicke , so ganz zur Unzeit und ohne jeglichen vernünftigen Grund , ihr Gesicht überflammt hatte . 12 Die Eltern erklärten sich sofort mit Elisabeths Bitte und Vorschlag einverstanden , und diese eilte unverweilt wieder hinunter ins Schloß , Miß Mertens im Namen der Eltern einzuladen . Als sie in das Zimmer der Erzieherin trat , lehnte diese mit gefalteten Händen an der Wand . Zu ihren Füßen stand ein halb gepackter Koffer , Schränke und Kommoden standen offen , und die Stühle lagen voll Bücher , Kleidungsstücke und Wäsche . Das junge Mädchen eilte auf die Gouvernante zu , schloß sie in ihre Arme und hob das von Thränen überströmte Gesicht in die Höhe , aber unter den hellen Tropfen strahlte das Glück . » Ich bin durch die plötzliche Wendung meines Geschickes so überrascht , « sagte Miß Mertens , nachdem Elisabeth ihren Glückwunsch ausgesprochen hatte , » daß ich für Momente meine Augen schließen muß , um mich zu sammeln ... Heute morgen war es dunkel über mir und ich wußte buchstäblich nicht , wohin ich meine Schritte lenken sollte ... der Boden schwankte unter meinen Füßen ... und nun mitten in dieser Bedrängnis thut sich plötzlich eine Heimat vor mir auf . Ein Herz , das ich hochachte , dessen Neigung für diese arme Gouvernante mir aber bis dahin völlig unbekannt geblieben war , will mir treu zur Seite stehen und der heißeste Wunsch meines Lebens erfüllt sich , denn ich darf nun das gute alte Mütterchen selbst hegen und pflegen ... Was wird sie nur sagen , wenn sie die Nachricht erhält , sie , die mit der schmerzlichsten Mutterangst mich draußen wußte in Sturm und Wetter und mich doch nicht zurückrufen durfte an ihr Herz ! « Sie erzählte Elisabeth , daß Reinhard in einigen Wochen selbst nach England gehen und die Mutter holen werde . Sein Gebieter habe es also bestimmt und trage die Reisekosten . So oft Miß Mertens Herrn von Walde erwähnte , flossen ihre Augen über , und sie versicherte wiederholt , alles , was die Baronin an ihr verschuldet , sei tausendfach ausgeglichen durch ihn , der es nicht ertragen könne , daß in seinem Hause irgend eine Ungerechtigkeit ungesühnt bleibe . Mit ihrer Einladung machte Elisabeth das Maß der Freude voll . Miß Mertens hatte für den ersten Augenblick in das kleine Lindhofer Gasthaus gehen wollen , bis sich ein Unterkommen im Dorfe selbst für sie finden würde . » Nun wollen wir aber auch so bald wie möglich auf den Berg , « rief sie freudestrahlend . » Die Baronin hat mir vorhin meinen Gehalt herübergeschickt und sich jegliche Annäherung meinerseits verbitten lassen ... Bella ist durch mein Zimmer gegangen , ohne mich eines Blickes zu würdigen ; das thut wehe , schmerzlich wehe , denn ich habe sie gepflegt und behütet , wie meinen Augapfel . Sie war früher sehr kränklich , und während die Mutter die Hoffeste besuchte , saß ich daheim viele Nächte hindurch und bewachte die Fieberträume des Kindes ... Nun , das soll alles vergessen sein ... Ich wollte eigentlich auch nur sagen , daß ich des Abschiedes von beiden überhoben bin . « Während Miß Mertens , um sich zu verabschieden , zu Fräulein von Walde und einigen Leuten im Hause ging , die sie liebgewonnen hatte , packte Elisabeth ein . Die neue Bewohnerin von Gnadeck nahm nur das Nötigste mit , alles übrige wurde hinab in die Wohnung des zukünftigen Ehepaares geschafft . Es amüsierte Elisabeth , unten in einem Glasschranke - denn Herr von Walde hatte auch die ganze Einrichtung den künftigen Bewohnern zur Benutzung überlassen - sämtliche Bücher der Gouvernante aufzustellen . Das waren aber lauter Werke , die ihr Interesse lebhaft weckten ; es blieb nicht beim Aufschlagen des Titels , sondern ganze Kapitel wurden stehenden Fußes , bei offenen Thüren und Fenstern in aller Eile durchflogen . Miß Mertens und ihr Umzug versanken , als ob sie nie dagewesen , und die Gedanken des jungen Mädchens flatterten eben neben Goethes gewaltiger Erscheinung durch das Gewühl bei der Krönung Josephs des Zweiten , als über ihre Schulter herab eine frische Rose auf das Buch fiel . Elisabeth erschrak , aber gleich darauf lächelte sie und las ruhig weiter , mit einer leichten Wendung die Rose abschüttelnd . Miß Mertens , die ohne Zweifel hinter ihr stand , sollte den Triumph ihrer Neckereien nicht genießen ... Plötzlich aber stieß sie einen leisen Schrei aus - eine schöngeformte , weiße Männerhand kam neben ihr zum Vorschein und legte sich sanft auf die ihre . Sie drehte sich um , nicht Miß Mertens , sondern Hollfeld stand hinter ihr und breitete lächelnd seine Arme aus , als wolle er die Erschrockene auffangen . Sofort verwandelte sich ihr Schrecken in Zorn und Entrüstung , aber ehe sie noch ein Wort hervorbringen konnte , rief eine befehlende , rauh