ich sie für diesmal nicht sehe von wegen Aufgeregtheit und mangelhafte Selbstbeherrschung . Ich bedanke mir , Base Schlotterbeck , für die angenehme Unterhaltung und wünsche , wenn ' s möglich ist , ein sanftes Gewissen und eine gute Nachtruhe ! « Die Base umgab in dieser traurigen Zeit unsern Hans womöglich noch mit mehr Liebe und sorglicher Aufmerksamkeit als sonst . Das Wunderbare , das sich in ihre Tröstungen mischte , konnte nicht stören . Diese Erscheinungen der Abgeschiedenen , von denen sie wie von etwas Wirklichem sprach , hatten nichts Schreckhaftes , nichts Verwirrendes ; - stundenlang konnte Hans Unwirrsch sitzen und zuhören , wie die Base der kranken Mutter von ihren Phantasmen sprach und wie die Mutter bei mancher Einzelheit nickte und sich an lang Vergangenes und Vergessenes erinnerte . Den guten Meister Anton sah die Base jetzt sehr häufig , und die schlimmsten Schmerzen der Kranken sänftigten sich , wenn die Base von ihm berichtete . - Es war ein sehr strenger Winter . Weder die Base noch die Mutter , welche doch schon so manchen Winter erlebt hatten erinnerten sich eines ähnlichen . Wenn Hans halb gezwungen einen Gang ins Freie machte , um einmal gesunde Luft zu schöpfen , so war es ihm zumute , als werde das alles ringsumher in Ewigkeit so tot , so starr , so kahl und bleich bleiben , als sei es unmöglich daß in wenig Wochen die Bäume wieder grün würden . Mehr als einmal brach er mechanisch einen Zweig ab , um die fest geschlossenen braunen Blattknospen vorsichtig aufzuwickeln und sich zu vergewissern , daß der Frühling wirklich nur schlafe und nicht tot sei . Der Schnee zerfloß aber zu seiner Zeit , und die ausgefrornen Wasser brachen triumphierend ihre Bande . Hans Unwirrsch vollendete seine Arbeiten und legte eines Abends die Feder nieder , trat leise zu dem Bett der Mutter und flüsterte , indem er sich niederbeugte und sie küßte : » Liebe Mutter , ich hoffe , das ist gelungen . « Da zog die Mutter mit den beiden kranken Händen das Haupt des Sohnes zu sich hernieder und küßte ihn ebenfalls . Dann schob sie ihn sanft von sich und faltete die Hände . Sie bewegte die Lippen , aber Hans konnte nicht alles verstehen , was sie sagte . Nur die letzten Worte vernahm er : » Wir haben es fertiggebracht , Anton ! Nun kann ich zu dir kommen ! « - - - Am Anfang des neuen Frühjahrs kam der Sonntag , an welchem Hans seine Prüfungspredigt halten sollte . Es war ein Tag , an dem die Sonne wieder schien . Ein Glas mit Schneeglöckchen stand neben dem Bett der Kranken , und feierlicher als heute hatten die Kirchenglocken nie geklungen . Im schwarzen Chorrock beugte sich der Sohn über die Mutter , und sie legte ihm die Hand auf das junge Haupt und sah ihn lächelnd und mit glänzenden Augen an . Tief , tief blickte Johannes Unwirrsch in diese Augen , die mehr sagten , als hunderttausend Worte gesagt haben würden ; dann ging er , und die Base und der Oheim folgten ihm . Die Mutter wollte es so , sie wollte allein sein . Da lag sie still und hatte keine Schmerzen mehr . In Gedanken verfolgte sie ihr Kind durch die Gassen über den Markt , über den alten Kirchhof zu der niedern Tür der Sakristei . Sie vernahm die Orgel und schloß die Augen . Nur noch einmal öffnete sie sie verwundert und sah nach der Glaskugel über dem Tische ; es war ihr , als habe dieselbe plötzlich einen hellen Klang gegeben und als sei sie durch den Klang erweckt worden Sie lächelte und schloß die Augen wieder , und dann - - Und dann ? Es kann niemand sagen , was darauf folgte ; aber als Hans Unwirrsch heimkehrte aus der Kirche , war seine Mutter gestorben , und alle , die sie sahen , sagten , daß sie einen glückseligen Tod gehabt haben müsse . Dreizehntes Kapitel Vergeblich hatte die Frau Tiebus , die auch noch lebte , aber längst ihrer stumpfen Augen wegen aus einer Hebamme eine Totenfrau geworden war , einen hartnäckigen Angriff auf die Leiche in der Kröppelstraße gemacht . Mit Hülfe des Oheims Grünebaum hatte die Base Schlotterbeck diesen Angriff abgewehrt ; sie hatte es sich nicht nehmen lassen , die sterblichen Reste ihrer alten Freundin selber zu waschen und mit dem Totenhemd zu bekleiden . Die Schreiner hatten die Frau Christine in den Sarg gelegt , und der Sarg war zugeschlagen worden ; an der Seite ihres Gatten hatte die Frau ihre Ruhestätte gefunden , und es war nun so , wie sie es sich oft , oft vorgestellt hatte , wenn sie am Sonntagnachmittag nach der Kirche auf dem Kirchhof unter dem Fliederbusch saß und auf den Hügel sah , welcher den Meister Anton deckte , und auf das Plätzchen daneben . Da war alles in Ordnung , und mehreres andere war ebenfalls so gut als möglich geordnet . Da in dem ärmern Stadtteil von Neustadt augenblicklich niemand so reich war , um das alte Haus in der Kröppelstraße zu kaufen , so wurde es an einen Maurer vermietet , mit der Bedingung , daß die Base Schlotterbeck von dem Anwesen in jeder Weise als Hausmeisterin anerkannt wurde . Der wenige Hausrat war entweder verkauft oder dem wackern Oheim Grünebaum zur Nutznießung übergeben oder von der Base zur Aufbewahrung an sich genommen worden . Unter letztern Dingen befanden sich alle die Sachen des armseligen Nachlasses , die Hans Unwirrsch um keinen Preis weggegeben hätte und von welchen er jetzt mit fast ebenso süß-schmerzlichen Gefühlen Abschied nahm wie von der Base und dem Oheim . Zum andernmal nahm Hans Abschied von Neustadt ! Er ging in die weite Welt , und wann er wiederkam , konnte er diesmal nicht so sicher bestimmen wie damals , als er zum erstenmal die Berge überschritt , um mit