er sein Töchterlein vergötterte , wissen wir , aber daß der harte , gewandte Geschäftsmann ein großes Verständnis für manche Eigenschaften seines Kindes haben sollte , konnte man nicht verlangen . Der Bankier war eigentlich ein sehr eitler Mann ; er prahlte zwar nicht laut und im schlechten Geschmack , aber er war doch sehr überzeugt von der Wichtigkeit seiner Stellung , dem Glanz seines Namens und Reichtums . Der Bankier war auch eitel auf seine Tochter . Sie mußte den elegantesten Wagen , die eleganteste Toilette haben ; die Leute sollten überall , wo sie erschien , sagen : » Das ist die Tochter des großen Bankiers , das ist Fräulein Helene Wienand , ein reiches Mädchen , ein schönes Mädchen , ein liebenswürdiges Mädchen - dieser alte Wienand ist doch ein glücklicher Kerl , ich wollte , ich besäße sein jährliches Einkommen als Vermögen . « » Ich würde mir doch nicht so ungeheure Mühe geben , dem Mädchen den Kopf zu verdrehen , Wienand « , sagte das Freifräulein von Poppen , » macht euch nicht lächerlich , ihr Geldaristokraten ; wenn ihr euch blamieren wollt , so besorgt ihr das noch besser als wir , die wir auch mehr als billig des Ruhmes mangeln , den wir vor Gott und den Menschen haben sollten . Übrigens ist das Kind ein gutes Kind , und es wird euch nicht gelingen , eine Äffin daraus zu machen . « Der Bankier brummte ein wenig in die weiße Halsbinde hinein und vertiefte sich von neuem in seine Kursberechnungen , seine Spekulationen mit spanischen und türkischen Anleihen , seine Betrachtungen über Russen-Stieglitz , über das Haus Arnstein und Eskeles , über das Haus Rothschild . Er fügte sich leicht , wenn das kleine lahme Freifräulein die Hand erhob , und befand sich samt seinem Hause wohl dabei . Helene Wienand aber ward ein sehr vornehmes Mädchen , und aus ihren tadelnden Altersgenossinnen sprach mehr der Neid als sonst irgend etwas . So kam der Zeitpunkt , in welchem unsere Erzählung ihren Anfang nahm ; das Wagenrad warf Robert Wolf auf das Straßenpflaster , und einen unauslöschlichen Eindruck machte dieser Zufall auf die Seele des jungen Mädchens . Eine geraume Zeit hindurch erwachte sie jede Nacht aus ängstlichen Träumen , in welchen sie durch das bleiche , blutige Gesicht des Jünglings erschreckt wurde . Vergebens waren anfangs alle Beruhigungsversuche des Freifräuleins ; die zitternden Nerven des Kindes mußten ihre Zeit zum Ausklingen haben . Juliane von Poppen erzählte die Geschichte Roberts , wie sie dieselbe auf dem Observatorium des Sternsehers erfahren hatte , dadurch trat eine andere Art der Teilnahme an die Stelle der Angst . Diese kurze einfache Geschichte war so rührend , war so traurig - immer von neuem mußte Helene sich ihre Einzelheiten wiederholen . Ihre lebendige Phantasie malte ihr den Wald , die Forsthütte , das Bett mit den fieberkranken Kindern und das sonstige wilde Leben und Sterben daselbst , das stille , friedliche Pastorenhaus von Poppenhagen und die schöne , die böse Eva Dornbluth mit den deutlichsten Farben . Wie ging es doch zu , daß die kleine Helene allmählich anfing , die schöne Eva recht vom Herzen zu verabscheuen , trotzdem daß das Freifräulein nicht anstand , die Arme in Schutz zu nehmen und sie für ein wackeres Mädchen zu erklären ? ! Auf den schlauesten Umwegen und den verborgensten Seitenpfaden brachte die arglistige Helene das gute Fräulein immer von neuem zu Auslassungen über den Schützling des Polizeischreibers , den Schüler des Sternsehers . Und Juliane von Poppen , für welche der Gegenstand selbst von Interesse war , willfahrtete gern und sprach sich von freien Stücken aus . Nun ertappte sich Helene öfters über dem Gedanken , es sei doch recht gut , daß endlich alles auf diese Weise gekommen , recht gut , daß die wilde Eva mit dem ebenso wilden Fritz übers Meer fortgegangen sei . Das junge Ding setzte sich selber heimlich in den verständigsten altklugen Gedankenreihen auseinander , wie Robert und Eva nimmer zueinander gepaßt haben würden , wie niemals etwas Gutes aus ihrer Vereinigung entstanden wäre . Welch ein Unglück hätte schon daraus entstehen können , wenn Eva Dornbluth mit dem Jüngling in derselben Stadt zusammengeblieben wäre ! Nun erzählte Juliane von Poppen , wie fleißig Robert bei dem alten Ulex im Kloster Sankt Nikolaus studiere und wie der Gelehrte mit dem Kopfe und den Fortschritten seines Schülers so sehr zufrieden sei . Das freute das junge Mädchen unbeschreiblich , und nun kam ihr bald der Gedanke , wie sie selbst noch ein gar so dummes Gänschen sei , wie sie gar nicht Bescheid wisse in der Welt . Daraufhin hatte das gescheite Köpfchen auf dem hübschen Halse wiederum einige schlaflose Nächte , und dann sah Robert von seinem Giebel aus durch des alten Ulex Fernrohr , wie von dem Tisch in der Holunderlaube Stickrahmen , Körbchen mit bunter Seide und Wolle , Spitzenrollen , Bänder und Zeugstücke aller Art verschwanden und Bücher , Papier und ein Dintenfaß an ihre Stelle traten . Das war für den Studenten eine liebliche Aufmunterung zum Studium ; wenn nur nicht zugleich eine solche Verlockung damit verbunden gewesen wäre , die eigenen Bücher ganz und gar über das Betrachten des fremden Fleißes zu vergessen . Wenn Robert Wolf das Fräulein von Poppen neben der zarten Lichtgestalt auf der Gartenbank erblickte , so freute er sich jedesmal , daß es solch ein verbindendes Mittelglied zwischen seiner Existenz und der Helene Wienands gab . Und verstohlen sah Helene nach dem fernen Giebelfenster und war dabei in tödlicher Angst , daß das Freifräulein frage , was sie da oben zu sehen habe . Das Kind hätte wahrlich keine Aufklärung darüber geben können , so fest auch das Faktum stand . Es war ein schöner Sommer - blau war der Himmel , die Sonne leuchtete - was konnte es Besseres geben ! Und wenn das alte Fräulein das junge Mädchen überraschte , wie es selbstverloren durch die Baumzweige