großen Hundestall als einer kleinen Menschenwohnung glich . Ist er verheirathet ? Gewesen , antwortete Herr Wrampe ; er hat das arme Weib - hier unterbrach er sich , einen scheuen Blick auf das blasse Gesicht des Mannes werfend , als wollte er sagen : von Todten und Todtkranken darf man nur das Beste sprechen . Hat er Kinder ? Zwei , da sind sie vor der Thür mit Mutter Clausen . Mutter Clausen , he ! der Jochen hat das böse Wesen gehabt , bringen Sie doch die Kinder in ' s Haus , daß sie sich nicht erschrecken . So rief der Inspector , den das Gefühl seines Unrechts außerordentlich zartfühlend gemacht hatte , einer alten Frau zu , die im letzten Abendsonnenschein vor der Thür der Hütte saß , während zwei kleine Kinder zu ihren Füßen im Sande spielten . Als die alte Frau aufblickte , erkannte Oswald dieselbe Alte , mit welcher er auf dem Wege zur Kirche gestern Morgen auf dem Moor die sonderbare Unterredung über Unsterblichkeit gehabt hatte . Die Alte warf einen Blick nach dem herankommenden Fuhrwerk , ergriff die Kinder , führte sie in ' s Haus , und kam wieder heraus , als der Wagen eben vor der Thür still hielt . Ist er toht ? fragte sie , an den Wagen tretend . Nein , Mütterchen ! sagte Oswald . Ah , sieh , der junge Herr von gestern ! Na , das gefällt mir von Ihnen , daß Sie Mitleid haben mit den armen Menschen . - Tragt ihn nur hier herein , ich habe die Kinder in meine Kammer gebracht . Der Inspektor und Oswald hoben den Mann , der vollkommen regungslos war , vom Wagen , trugen ihn , nicht ohne sich zu bücken , durch die Hausthür über den kleinen Flur in die niedrige Stube , und legten ihn dort auf ein breites , mit blauem Kattun überzogenes Bett . Die Alte folgte , hieß den Inspektor , ihr den Mann entkleiden helfen und sagt ihm dann : So , Sie können nun gehen ; der Herr Stein und ich wollen schon mit dem Jochen fertig werden . Der Inspektor ließ sich diese Erlaubnis nicht zweimal sagen ; mit einigen unverständlichen Worten drückte er sich aus dem Staube , und Oswald sah nur durch das Fenster , wie er draußen , eher er das Sattelpferd bestieg , einen langen , langen Schluck aus seiner Flasche that , als ob er nach solcher geistigen und körperlichen Anstrengung einer Erquickung ganz besonders bedurfte . Oswald hatte sich am niedrigen , offenen Fenster auf einen Schemel gesetzt , und schaute sich in dem Zimmerchen um . Man erkannte auf den ersten Blick , daß hier in diesem Häuschen ein guter Geist waltete , der aber sicherlich nicht in dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett seine Wohnung aufgeschlagen hatte . Das Bett war frisch überzogen , die Zimmerdecke , die Wände waren sorgfältig gereinigt , der Fußboden mit Sand bestreut . Die Luft im Zimmer war frisch , die kleinen Fensterscheiben so klar , wie es ihre grünliche Farbe und das Alter eben zuließen . Mutter Clausen hatte am Bett gesessen , und , wie Oswald aus einigen wunderlichen Manipulationen schloß , irgend eine magnetische Kur mit dem Kranken vorgenommen , der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen schien . Sie stand auf und sagte : Ich will die Kinder zu Bett bringen , Sie bleiben doch so lange hier ? Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte sie davon , kam nach einer Viertelstunde wieder und setzte sich zu dem jungen Mann an das Fenster . Sie hatte ein Strickzeug in der Hand und strickte mit einer für ihr Alter unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinderstrümpfchen . So saß sie da , halb nach dem Kranken horchend , bald die Maschen an ihrem Strumpfe zählend , bald Oswald aus ihren grauen , tiefliegenden Augen forschend und freundlich ansehend . Ich weiß nicht , was das ist , sagte sie plötzlich , als ein rother Streifen der untergehenden Sonne durch das Fenster auf Oswald ' s Gesicht fiel , ich muß Sie schon mal gesehen haben . Nun ja , sagte Oswald , gestern Morgen auf der Haide . Nein , nein - nicht gestern , vor einigen Jahren , so vor vierzig - fünfzig etwa und darüber . Wie alt sind Sie denn , Mütterchen ? fragte Oswald verwundert , fünfzig Jahre und darüber als einige Jahre verzeichnet zu hören . Nächstes Christfest werde ich zwei und achtzig Jahr , antwortete die Alte , wieder emsig strickend , als erinnere sie diese Frage , daß sie keine Zeit mehr zu verlieren habe . Zwei und achtzig Jahre ! rief Oswald erstaunt ; und haben Sie während der Zeit hier stets im Dorfe gelebt ? Ja , immer hier ; hier und auf dem Schlosse . Dort bin ich geboren , am heiligen Christabend im Jahre Eintausend Siebenhundert Vierundsechzig , an demselben Tage und zur selbigen Stunde , wie der Vater von dem verstorbenen Baron - Wie lange ist der nun toht ? Nun , es ist jetzt so ein vierzig Jahre her , er wäre jetzt ebenso alt wie ich , zwei und achtzig Jahre , hm , hm , zwei und achtzig Jahr - wie der wohl aussähe - auch so verschrumpft ? und war ein schmucker Bursch - ei , das war ein schmucker Bursch ! Die Erinnerung an den drittletzten , längst verstorbenen Baron von Grenwitz schien der Alten eine besonders merkwürdige zu sein ; sie ließ die magern , braunen Hände mit dem Strickzeug in den Schooß sinken , und starrte gedankenvoll vor sich hin . Ein schmucker Bursch , murmelte sie noch einmal , und die verschrumpften Züge erhellte ein freundliches Lächeln , dann traten zwei große Thränen aus den gesenkten Wimpern und rollten langsam über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände ... Was mochte sie in diesem Augenblicke erschauen , die