» Fräulein Judith , ich male jetzt ein Bild , wodurch man versöhnt wird mit der Porträtmalerei ! Ich male zwei Schwestern , Töchter des Grafen Windeck , Mädchen von zwölf und von siebenzehn Jahren , die anziehendsten Physiognomien , die ich seit langer Zeit sah . Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf einer Heiligen , das ist die Älteste . Die Kleine aber sieht so romantisch interessant aus , als ob etwas von einer Mignon , von einer Ophelia in ihr stecke . Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt . Ganz einfach gekleidet , in große Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samthüten , kamen sie zu Fuß , auch bei dem schlechtesten Wetter , mit einer Begleiterin , Gouvernante , Kammerfrau , was weiß ich ! und einem Livrediener . Ich traute meinen Augen nicht , als ich zum erstenmal sah , daß sich diese großmächtige Figur im mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte ; denn Sie müssen wissen , Fräulein Judith , Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der Siebenuhrmesse ! Und diese beteten mit einer Andacht , mit einer Sammlung , ohne die Augen aufzuschlagen , ohne sich zu regen und zu bewegen , immer auf den Knien , immer so tief geneigt , wie anbetende Engel , daß ich vom bloßen Anblick teilweise ganz andächtig , teilweise ganz zerstreut wurde . Wüßten die Frauen , wie schön ihnen die Andacht steht , sie würden alle fromm werden wollen ! Einstweilen vertrauen sie mehr der Schönheit , welche das Modejournal , als der , welche das Gebetbuch gibt . Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich , seine Töchter zu malen . Ahnungslos sag ' ich ja ; sie möchten nur kommen . Und wer tritt gestern in mein Atelier ? meine Beterinnen . Sie wissen , Fräulein Judith , wie es in meinem Atelier aussieht : konfus genug ! Kann nicht anders sein . Dazu war gestern ein extraordinär trüber Tag . Nun , ich sage Ihnen , als sie eintraten , glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und klar . Die Kleine war rosenfarben gekleidet ; die Älteste weiß , und sie trug in der Hand einen Kranz von Scabiosen . Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf und sagt , so wünsche es der Vater . Können Sie sich eine Vorstellung von meinem grenzenlosen Erstaunen machen ? « » Nein , ganz und gar nicht , « sagte Judith . » Die Scabiose ist freilich keine schöne Blume . « » Fräulein Judith ! unter tausend Frauen , die eines Spiegels mächtig sind , setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit auf , wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz , mit welchem ihre Schönheit verewigt werden soll ! O Gott ! das ist ein ganz großartiger Seelenzug ! « » Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck , « sagte Judith mit ihrem Anflug von kaltem Hochmut . » Sehr schön und sehr reich , das ist ja Grund genug , um die Welt zu elektrisieren . Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern , daß sie mit ihrem Vetter verlobt sei . Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht anders denken , als langweilig und sentimental , so gewiß veilchenblau , halb duftig , halb fade . « » Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen , « sagte Ernest lachend , » um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu können . Indessen glaub ' ich doch , daß Regina von Windeck sich Ihres Beifalls erfreuen wird . Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft ; dann werden Sie meinen Phönix kennen lernen . « » Leider muß ich in die Welt gehen , da meine Eltern es durchaus verlangen , « sagte Judith . » Es sollte mich recht freuen , wenn ich jemand in dem tumultuarischen Wirrwarr fände , der mir gefiele . « » Nun , nun ! es gibt ja doch gar manche angenehme , gute und kluge Leute in der Welt ! man muß nicht gar zu übergewaltige Ideale haben , « sagte Ernest gutmütig und munter . » Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden ; das hab ' ich schon bemerkt , « erwiderte Judith . » Bis auf einen gewissen Punkt - ja ! sie sind alle geschaffen , wie ich , nach dem Ebenbilde Gottes , und die Nächstenliebe lehrt mich , bei allen anzunehmen , daß sie , wie ich , sich bestreben , dies göttliche Ebenbild , welches jeder von uns durch seine Sünden so sehr verwischt hat , nach Kräften wieder in sich herzustellen . Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht hienieden . « » Es gibt aber böse Menschen , bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich annehmen können . Was halten Sie von denen ? « » Das lehrt mich der heilige Augustinus , welcher sagt : Glaubet nicht , daß die Bösen so umsonst auf der Welt seien , und daß Gott nichts Gutes durch sie wirke ! Jeder Böse lebt , entweder damit er gebessert , oder damit der Fromme durch ihn geprüft werde . « Sehen Sie ! ich muß also für ihn hoffen und für ihn beten , damit sich die Hoffnung erfülle ; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas , das im verkleinerten Maßstab der Liebe nicht unähnlich ist , welche Gott für uns arme Sünder hat . Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel , das göttliche Ebenbild in mir herzustellen . « » Ich hasse sie , besonders wenn sie mich kränken , « sagte Judith . » Das begreift sich , « sagte Ernest kalt . » Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an