fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Musikant , vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische » schöne Enckefuß « bestätigt : der Kronsyndikus war allerdings am Platze der grauenvollen That gewesen und hatte gesehen , wie der Deichgraf dort getödtet lag ; das Entsetzen , man könnte ihn , der ihn in Gedanken allerdings auch tausendmal erschlagen hatte , für den Mörder nehmen , hatte ihn von dannen gejagt , und wenn es geschienen , als jagten ihn selbst die Furien , so wäre es die alte Freundschaft für den Deichgrafen gewesen , die in seinem Herzen trotz des spätern Zerwürfnisses doch in der That unerstickt geblieben wäre ... Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte : Bist du wirklich der dritte Sohn ? so sagte dieser geheimnißvoll : Störe die Ruhe der Todten nicht ! ... In seiner Liebe war der Ausdruck stärker und leidenschaftlicher noch als sonst geworden , wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden Wirkung für sie . Vom Amte kamen damals beide Männer sehr bleich zurück . Sie behaupteten , der Querfragen doch endlich müde geworden zu sein und ließen den Wagen einem Gasthause zurollen , um sich zu erfrischen . Lucinde stieg nicht aus . Sie musterte vom Wagen aus das Wirthshaus , den Garten desselben und eine gewisse kleinstädtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen , in einer mit grotesken Wandgemälden geschmückten Kegelbahn , in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer von Singvögeln belebten Volière . Bei einer großen schwarzlackirten Kugel , die im Garten als Reverbère für die » schöne Aussicht « gelten sollte , gedachte sie des armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers , der den Grafen Zeesen recht eindringlich jetzt an sein Familienstatut , die Stiftung eines Irrenhauses , erinnern mochte ! Im Hinblick auf diese beiden Männer athmete sie wahrhaft auf , endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen . Ja es that ihr sogar wohl , im Saale des Gasthauses durch die geöffneten Fenster , unter ausgestopften Vögeln , Käfern , gespießten Schmetterlingen , Kupferstichen von englischen Pferden und ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirthsstuben jener Gegend , da so traulich hinterm Champagnerglase zwei feste , kraftvoll verbundene Männer zu sehen . Sie liebte Trotz und Kühnheit . Auch ihr war Stephan Lengenich längst der Schuldige . Seinen bösen Sinn hatte sie ja selbst gekannt , sein Drohen ja selbst gehört . Sie hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und beschworen . Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und ernst ein . Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station , wo sie Extrapost nahmen und zurückreisten . Von der großen Stadt , wo der jetzige Oberregierungsrath wohnte , sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin entgegenkommen , die sich ihr anschließen würde bis Hamburg , wo sie unter Klingsohr ' s Augen ihre Ausbildung vollenden sollte . Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des Doctors . Dieser gab nur die Hand und sprach , wie wenn Abschiede nicht zu seinem System gehörten , vom baldigen Wiedersehen . Jener hatte Thränen im Auge . Der Kronsyndikus weinte ! Er war seit Wochen um Jahre älter geworden . Seine Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiß aus wie sonst , sie hatten sich ganz gebleicht . Die hohe Gestalt schien , wenn sie sich unbemerkt glaubte , kaum Kraft zu haben , sich so zu halten , wie dem Wappen des gekrönten und aufgebäumten Lindwurms geziemte . An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet , daß sie sorglos in die grüne Weite fahren konnte . Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu sein . War das alles , wie es so kam , ging und was es bedeutete , räthselhaft genug , so konnte sie durch ihre Begleiterin , die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam , erinnert werden , daß alles im Leben nur Bild und Gleichniß ist . Sie war , wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten , die Braut des » Sehers von Eschede « , jenes Dr. Laurenz Püttmeyer , der auf die Philosophie des Pythagoras zurückgekehrt war und aus mathematischen Figuren das Weltall erklärte . Sie hieß Angelika Müller , war eine hohe , schmächtige , blasse Blondine am Ende der zwanziger Jahre . Bei jeder Anrede erröthete sie . Sie schien ein Gemüth von Weihe und Innigkeit . In Hamburg war sie von einer dort wohnenden katholischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit größter Sicherheit , daß sie den Dr. Laurenz Püttmeyer von Eschede für den einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und daß sie gelobt hätte , nicht früher seine Hand anzunehmen , bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl Hegel ' s erhalten hätte . Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist . Auch der Kronsyndikus hatte oft erklärt , daß die Drechselbank für den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden , seitdem er auf ihr die Würfel und Pyramiden Laurenz Püttmeyer ' s herstellte . Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewiesen , fuhr Lucinde in ihrem schwer bepackten Miethwagen die schon wieder staubig gewordene Landstraße hinunter . Die Lerchen wirbelten zwar , aber von Westen kamen düstere , den Athem benehmende Wolken , der jenen Gegenden eigene Haar-oder Höhenrauch . Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dünste gewohnt . Sie arbeiteten im Felde . Lucinde glich selbst diesen Fluren , auf denen schon so voll geerntet war und über welche schon wieder die Pflugschar ging , um noch in diesem Jahr der Natur neue Triebkraft abzugewinnen . Noch völlig war sie sich unklar . Man hätte sie in Hamburg in die Schule schicken können , sie würde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm . 16. Von jenem Uferrande aus , an welchem der Deichgraf in seinen jüngern Jahren , nach dem Ausdruck seines Sohnes , die Sandkörner zu zählen pflegte