; denn trotz der Stammzerrissenheit , trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters , der so leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirft - worin übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung Deutschlands liegt - , trotz alledem hängt kein Volk so an seinem Vaterland als das deutsche . In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als » the fatherland « kat ' exoxhn . Das wird zwar mit einem gewissen » sneer « gesagt , aber es ist eine Ehre für unsere Nation , und wir können stolz darauf sein . O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands , sagt und schreibt nichts , euer Volk zu entmutigen , wie es leider von euch , die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt , so oft geschieht ! Scheltet , spottet , geißelt , aber hütet euch , jene schwächliche Resignation , von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt , zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen . Als die Juden an den Wassern zu Babel saßen und ihre Harfen an die Weiden hingen , weinten sie , aber sie riefen : Vergesse ich dein , Jerusalem , so werde meiner Rechten vergessen ! Die Worte waren kräftig genug , selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten . Ihr habt die Gewohnheit , ihr Prediger und Vormünder des Volks , den Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatdorfs zu schreiben ; schreibt : Vergesse ich dein , Deutschland , großes Vaterland : so werde meiner Rechten vergessen ! Der Spruch in aller Herzen , und - das Vaterland ist ewig ! Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse gelegt . Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten Wohnung , die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte , um . » ' s ist ' n hart Ding , ' s ist ' n hart Ding ! « sagte seufzend der Meister , und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter . » Es ist Zeit , Mann ! Faßt Euch ein Herz , geht Eurer Frau mit einem guten Beispiel voran . « » Der Totengräber hat versprochen , er will unseres Fritzen Hügel draußen nicht verrotten lassen ! « schluchzte die Frau . Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen , erhob sich aus seinem Hinbrüten und ging , seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse ; seine Frau weinte laut , brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster , legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm , während sich die andern an ihre Schürze und ihren Rock hingen . Die Familie stieg die enge , schwarze Treppe , welche auf die Straße führte , hinauf - sie hatte ihren langen Weg begonnen ! Draußen wechselte Regen mit Sonnenschein , wie der April es mit sich brachte . Der Meister zog seinen Wagen voraus , wir andern folgten . Einen letzten Blick werft zurück in die enge , dunkle , arme Sperlingsgasse - ihr werdet wohl oft genug an sie denken - , und dann hinaus in die weite Welt , ihr Wanderer ! Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge . Ein letzter Händedruck , ein letzter Gruß ! Wer weiß , ob wir nicht noch einmal uns wiedersehen , Strobel ! Lebt wohl , lebt wohl ! - Und wieder einmal konnte ich einsam und allein zurückkehren , einsam und allein dies Blatt der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen . Am 1. Mai . Abend Ich saß heute nachmittag draußen im Park in den warmen Sonnenstrahlen , die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und durch das mit zartem , frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen . Kinder mit Sträußen von Frühlingsblumen zogen an mir vorüber : ein Maikäfer , mit einem Zwirnfaden am Bein , hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite , und ein stubengesichtiger junger Mann , dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte , grub sorgsam eine Pflanze aus . Es war ein prächtiger Frühlingsnachmittag . Da begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu läuten , den morgenden Sonntag zu verkünden , und wieder schwebte , von den » Himmelstönen « getragen , eine süße Erinnerung heran . Es war auch ein erster Mai . Da war der Frühling gekommen mit jungem Grün , bauenden Schwalben und einem - Hochzeitstage in der alten , dunklen Sperlingsgasse . Sie hatten Blumen gestreut und mit Blumen und Laubkränzen die Pfosten umwunden : sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse , und alle hatten fröhliche , fröhliche Gesichter . Und der Himmel war blau , und die Sonne schien strahlend durch den Efeu , welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte ; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich , das sich an jenem ersten Mai an meine Schulter schmiegte und durch Tränen lächelnd zu mir aufschaute . Das Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Kränzen , die es heute umwanden , ebenfalls lächelnd auf uns herab . Lächeln , Lächeln überall ! Und als das junge Herzchen an meiner Brust pochte , auf der andern Seite Gustav mir den Arm um die Schulter legte , als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken drückte , da war es mir , als sei nun ein lange dunkles Rätsel gelöst , und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht , welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf . Wie die Fäden laufen mußten , um hier in der armen Gasse sich zusamenzuschürzen zu einem neuen Bunde ! Wie so viele Herzen fast brechen wollten , um ein neues Glück aufsprießen zu lassen ! Das ist die große , ewige Melodie , welche der Weltgeist greift auf der Harfe