. Meierlein , so hieß er , besaß aber kein tieferes Talent ; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder Eigenes sichtbar , sondern er brachte nur das gut zuwege , was er sich vorgemacht sah , und ihn beseelte nur ein unablässiges Bedürfnis , sich alles Erdenkliche anzueignen . Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche Papparbeit hervorbringen als über einen breiten Graben setzen oder Ball schlagen oder mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen , alles durch langsame und anhaltende Übung ; seine Schulhefte waren korrekt und in bester Ordnung , seine Schrift klein und zierlich , besonders seine Zahlen wußte er ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen . Seine vorzüglichste Gabe aber war eine gewisse Fähigkeit , mit verständiger Besprechung alles zu überspinnen , Verhältnisse auszuklügeln und mit vielsagender Miene Aufschlüsse und Vermutungen aufzustellen , welche über unser Alter hinausgingen . Dabei war er ein zuverlässiger und kurzweiliger Gesell , gesucht und nützlich , fing wenig Streit an , aber focht einen solchen höchst hartnäckig aus und war daher um so respektierter , als er immer wohlbedächtig auf der Seite stand , wo das wirkliche oder scheinbare Recht ersichtlich war . Er war anderthalb Jahre älter als ich , hatte sich indessen enger an mich geschlossen als alle übrigen , so daß wir eine besondere Freundschaft bildeten und jeden freien Augenblick beisammen waren . Er ergänzte mich vortrefflich und sagte mir daher sehr zu . Meine Unternehmungen gingen immer auf das Phantastische , Bunte und Wirksame aus , während er durch Genauigkeit und Dauerhaftigkeit der mechanischen Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen Nutzen und Ordnung verlieh . Meierlein ließ mein Geheimnis ebenso vorsichtig bestehen wie die anderen , obwohl es für seine verständige Aufmerksamkeit noch weniger eines sein konnte ; doch ließ er nicht ebenso zwischendurch seine Einsicht ahnen , sondern bestrebte sich vielmehr , mich von den zu leichtsinnigen Ausgaben abzuhalten und meine Wünsche auf scheinbar nützliche und gute Dinge zu richten mit gesetzten Worten , was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich verlieh . Nur für sich selbst war er mit noch größerm Eifer bedacht als die übrigen , und sich nicht begnügend mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit , errichtete er mit großer Einsicht ein Schuldverhältnis zwischen mir und ihm , indem er sich haushälterisch aus meinem Gelde eine kleine Kasse ansammelte , aus welcher er mir , wenn ich augenblicklich nicht über mein Kästchen konnte , mäßige Vorschüsse machte , die wir gemeinsam verbrauchten und die er in ein zierlich angefertigtes Büchelchen eintrug , dessen Seiten mit Soll und Haben ansehnlich überschrieben waren . Überdies wußte er mir eine Menge kindischer Gegenstände zu verkaufen , deren Betrag er durchaus nicht in bar annehmen wollte , sondern in sein Buch setzte . Seine Gewandtheit in den verschiedensten Übungen verwertete er ebenfalls , er war mein dienstbarer Dämon , der alles konnte und alles in Angriff nahm , was wir wünschten , aber jede Dienstleistung durch kleine Münzsorten in meinem Schuldregister bezeichnete . Auf Spaziergängen reizte er mich stets , seine Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen . » Soll ich mit diesem Steinchen jenes dürre Blatt treffen ? « sagte er , und ich erwiderte : » Das kannst du nicht ! « - » Willst du mir einen Kreuzer schuldig sein , wenn ich es tue ? « - » Ja « , und er traf es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal zwölfmal hintereinander , ohne sie je zu verfehlen . Dann schrieb er den Betrag genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen , was mir solches Vergnügen gewährte , daß ich laut auflachte . Er aber sagte ernsthaft , da sei gar nichts zu lachen , ich sollte bedenken , daß ich alles einmal berichtigen müßte und daß sein Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem Geschäftsmann ! Dann veranlaßte er mich wieder zu zahlreichen Wetten , ob z.B. ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen , ob ein vom Winde bewegter Baum sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen , ob am Gestade des Sees mit dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine große Welle ankommen würde . Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen ließ , so setzte er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zählchen , welches sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum Lachen , ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab . Er suchte mich eifrigst zu überzeugen , daß Schulden eine wichtige Ehrensache seien , und eines Tages , als der Sommer sich seinem Ende nahte , überraschte mich Meierlein mit der Nachricht , daß er nun » abgerechnet « habe , und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei , daß es nun tunlich wäre , wenn ich darauf dächte , ihm den Betrag einzuhändigen , indem er wünsche , aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen . Doch erwähnte er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue Rechnung an , welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames Betragen äußerte . Er wurde nicht unfreundlich , aber die alte Fröhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden . Eine große Traurigkeit beschlich mich , welche Meierlein durchaus nicht zu stören schien ; vielmehr nahm er selber einen elegischen Ton an , ungefähr wie er Abraham überkommen haben mochte , als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat . Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung , diesmal mit Entschiedenheit , doch nicht unfreundlich , sondern mit einer gewissen Wehmut und väterlichem Ernste . Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung , indessen ich versprach , die Sache abzumachen . Jedoch konnte ich mich nicht ermannen , die Summe zu entnehmen , und verlor selbst den Mut , meine gewöhnlichen Eingriffe fortzusetzen .