Fürstin Amanda , besonders als sie durch ihren religiösen Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war , übertraf die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher Wohnlichkeit . Dort schloß sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an . Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geöffnet und führten unmittelbar aus etwas steif gegipsten und bemalten , aber doch anmuthigen Sälen ins Freie . An den Fenstern , wo große hellgrüne Vorhänge sich niedersenkten , wohnte die Fürstin im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und Andenken , die sie so sehr liebte , ausgebreitet . Damals standen in dem von einem plätschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hintern Hofs und besonders an der Spitze des einen Flügels ( während an dem andern sich einige unerläßliche Wirthschaftsgebäude anlehnten ) kleine gefällige Statuen auf zierlichen Postamenten . Ein wohlunterhaltenes grünes Heck zeigte an , daß hier die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann , zu der die Abends und Morgens geöffneten Fenster dieses Flügels unmittelbar den Eintritt erlaubten . Auf leichten , vom Regen zwar verwitterten , aber doch bequem ebenen Steinstufen kam man , während sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlängelte , rechts in diesen wohlgehaltenen , terrassenförmig sich abdachenden Garten , von dem aus dem Bassin des obern Springbrunnens herab ein künstlicher Wasserfall sich in immer behendern Sprüngen bis in das Bächlein ergoß , von dem die plessener Mühlen getrieben wurden , die liebliche , baumbeschattete Ulla , die aus dem Ullagrunde herunterhüpfte . Diese Welt war schön . Die Natur bot der nachhelfenden Kunst die Hand , um sie liebevoll ansichzuziehen . Während rings die Berge schweigsam und feierlich herniederblickten , aus der Ferne Glocken läuteten , die Kühe auf den grünen Wiesenabhängen am Fuße der Berge weideten , war auch das Nächste hier innig und das Herz erhebend . Diese nähere Umgebung des Schlosses war halb ein Park , halb ein Garten . Man hatte Das , was die Natur bot , nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht . Da standen Beete von stolzen Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebüsch von Hängeweiden , das man nicht erst zu pflanzen nöthig gehabt hatte . Da schimmerten weiße Birken neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zärtlich , als wollten sie ihn tröstend erheitern mit duftender Frühlingsumarmung . Dann kam zum Ausruhen und Genießen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer Hollunderhecke , die in sich selbst einen artigen Versteck barg , wenn man nur in den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da suchen , wo man ihn am wenigsten vermuthete . Jetzt lag auf der Steinbank freilich Moos und Verwitterung . Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem Gestein , bis sie verdufteten oder eingesogen waren . Aber man fand doch auch neuere , grüngestrichene hölzerne Ruheplätze . Zu den Feldern und Wiesen abwärts hin , die dann wieder zu dem höhern und waldumkränzten Gebirge hinauf sich lehnten , dehnte sich der Garten in die Breite , aber noch immer ebenso traulich wie oben auf den sich allmälig abdachenden Terrassen . Da lag das von wildem Wein ganz eingehüllte Haus des Gärtners , lagen Treibhäuser , Ställe , Remisen , aber Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen . Eine Mauer , dann und wann von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen , umzog hier die ganze Besitzung . Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des Verfalls . Ein Wasserbassin , eine ehemals gewiß lustig und schwatzhaft genug belebt gewesene Volière mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem Gefieder , kleine Pavillons , Postamente , auf denen Götter standen , die wol schon in den letzten Zeiten der Fürstin Amanda verschwanden , alles Das hatte sein früheres Leben verloren und stand wie müßige Denkmale des Vergessens da . Aber besonders gefällig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der Grenzmauer , von dem aus man die Aussicht halb in die Thalebene , halb in das Gebirge genoß , das hier ein Echo wiedergab . Um sich mit dem ursprünglich heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versöhnen , hatte die Fürstin , die ihn liebte , ein schönes , noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten lassen . Hier , erzählte man , hatte sie stundenlang gesessen und die Grüße der Vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen Ernst erwidert , als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blicken und fragen : Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht , oder fühlst du , daß du nur durch die Gnade Gottes lebst ? Hier hatte sie Greise , Männer , Frauen , Kinder angehalten , nach ihren Schicksalen , Wünschen und Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstützungen , immer aber mit einem Fingerzeige auf den Erlöser , der Alles zum Besten kehren würde , entlassen . Dabei las sie meistens ein Buch ihres gewählten Geschmacks , blickte über die Gitter des Tempels zum düstern Walde hinüber , wo die Ulla aus den grünen Berglehnen hervorbrach , ließ die alte Brigitte hinter sich plaudern , nahm des alten Winkler Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch , obgleich sie bei noch nicht funfzig Jahren sehr krank war , immer höflich empor , wenn der Pfarrer , Guido Stromer , ihr täglicher Umgang , zur gewohnten Stunde eintraf . Als sie unter diesem durch das goldene Kreuz entsündigten heidnischen Tempel nicht mehr sitzen , die Vorübergehenden nicht mehr grüßen und im Herrn ermahnen konnte , nahte sich ihr Ende auch in raschen , von dem drüben in Randhartingen wohnenden Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten . Hier , in der Nähe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schön angestrahlten Tempels , erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen verfallenen und vernachlässigten Besitzung