ein glücklicher Zufall hat uns in die Wohnung unserer Präsidentin geführt . Alice wohnt hier ! Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund . - Das ist hier ihre Freundin ! Sie muß eine Schutzwache haben . Wer bleibt hier als Wache ? Freiwillige vor ! Alle drängten sich nach dieser Ehre . Der Führer wählte zehn der Stärksten und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition . - Ihr vertheidigt diese Dame bis auf den letzten Mann . Ihr andern wißt , was noch zu thun ist . Schnell ans Werk . Das Haus wurde jetzt in Vertheidigungszustand gesetzt . Es war die höchste Zeit , denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen . Lydia , welcher sich eine Aufregung bemächtigt hatte , durch welche die Angst vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde , eilte ans Fenster . - Sie sah , wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten - aber die hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor . Auf das Kommandowort des Führers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten - die Wirkung zeigte sich sogleich - zehn bis zwölf waren sofort gefallen , die Uebrigen zogen sich eilig zurück . - Machen Sie das Fenster zu , liebes Fräulein - sagte Anna . Je weiter die Soldaten stehen , desto größer ist hier oben die Gefahr . Die Kugeln gehen dann höher . - Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich Gelegenheit . Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der Fenster . Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf das Fenstergesims . - Die sollt ' ihr wieder haben , - sagte ein Arbeiter , die Kugel aufnehmend . Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar ; der soll sie kosten . Mit diesen Worten eilte er auf den Boden . - Man möchte sonst das Fenster aufs Korn nehmen , wenn ich von hier aus feuerte - sagte er . Die Soldaten rückten zum zweiten Male im Sturm an . Zehn Schritte vor der Barrikade machten sie Halt , die Kolben der Gewehre an die Wange gedrückt . So standen sie , wartend , ob nicht ein Kopf über der Barrikade erscheinen würde . Da hörte Lydia einen schwachen Knall über sich , in demselben Augenblicke fuhr der » kleine Lieutenant « mit der Hand nach der Brust ; der Säbel entfiel seiner Hand und er stürzte zu Boden . - O mein Gott - sagte sie , das Gesicht verhüllend - er hat seine Drohung wahr gemacht . - - Es ist ein eigenes Ding , dem Morde eines Menschen zuzuschauen , der in einem Augenblick kräftig und lebensmuthig in der Fülle der Gesundheit dastand , im nächsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt . Der Eindruck ist nach den Charakteren verschieden , doch gewöhnlich nur ein zwiefacher : Man erstarrt entweder im Innersten seiner Seele oder - bleibt gleichgültig . Nicht immer übt ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den erstern , auf den damit Vertrauten den letztern Eindruck aus . Es giebt Menschen , die sich nie an dergleichen gewöhnen können , sondern nur dann darüber hinaus kommen , wenn ihre eigene Begeisterung und jene Trunkenheit , in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen pflegt , eine gewisse Höhe erreicht hat ; Andre dagegen bleiben einem solchen Schauspiel gegenüber um so kälter , je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen . Lydia war eine weiche Natur , welche , einem zarten Saitenspiel vergleichbar , durch den leisesten Hauch - sei es der Freude oder des Schmerzes - in nachhallende Bewegung versetzt wurde . Wenn sie daher durch ihre anfängliche Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermaßen gestählt worden , so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefühl angeregt . Die nackte Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Kälte eben so sehr die Wärme ihrer Illusionen , wie durch ihre triviale Rohheit die Idealität ihrer Empfindung nieder . Die künstliche Besonnenheit , welche sie gewonnen , wich einer verzweiflungsvollen Trostlosigkeit , die sie nahe an den Rand der Bewußtlosigkeit führte . Salvador hatte sie nicht verlassen . Zwar zog es ihn hinab unter die Kämpfenden , aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte , als höchstens den Kampf selbst , so kostete es ihm wenig Ueberwindung , bei Lydia zu bleiben . Hinter ihrem Stuhle stehend , verfolgte er , wie sie , alle Bewegungen des Feindes . Als der Officier fiel , schlug sein Herz rascher und hob sich seine Brust stolzer , als sei er selbst es gewesen , der ihn getödtet . Um so mehr war er über den Eindruck erschreckt , den der Fall des Officiers auf Lydia hervorbrachte , deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Thränen auflöste . Salvador schauete unverwandt auf die Straße hinab . Er sah , wie die Soldaten nach dem Fall ihres Führers sich zurückzogen , aber nur um sich zu verstärken . Bald rückten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor . Der Kampf wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit größerer Erbitterung geführt . Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und den einzelnen Schüssen der Arbeiter mehr ausgesetzt . Dennoch waren bereits mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schüsse hingestreckt worden . So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch . Da schien es endlich , als ob die Soldaten , des nutzlosen Angriffs müde , sich zurückziehen wollten . Salvador bemerkte , wie ein Officier in Jägeruniform , der ihm nicht unbekannt schien , auf den kommandirenden Officier zueilte und ihm mit lebhaften Gestikulationen , wobei er öfters auf die Barrikade zeigte , eine Nachricht mitzutheilen schien . Der Officier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner Compagnie um die nächste Straßenecke ; die auf der