Ich habe mein Lebtage nicht mit ihr gesprochen . Aber ein Engel an Schönheit ist sie , davon sind meine eigenen Augen Zeuge . Hat das Gerücht Grund , so ist ' s doch nicht recht , daß der gnädige Herr auch noch mit andern Weibsleuten scherzt ! « » Thut er das ? « fragten ein paar von den Mädchen . » Ich will nicht geradezu behaupten , daß er es thue , der Schein kann trügen , aber ein hübsches Mädchen , das ich kenne , ist bei ihm im Herrenhause . « » Hier auf dem Hofe ? « sagte Marie . » Es muß doch wohl so sein , sonst hätt ' ich sie ja nicht sehen können ! « Hier winkte ihm der Voigt , daß er schweigen solle , und stieß ihn verstohlen mit dem Fuße an . Heinrich aber that , als sehe und fühle er nichts . » Als ich vorhin bei ihm war , « fuhr er fort , » sah ich ein wendisches Häubchen , in dem ein allerliebstes Gesichtchen steckte , fast noch hübscher , als das Deinige , Marie , und das hat noch keinem schmucken jungen Burschen mißfallen . Geweint mußte das blutjunge Ding auch haben , denn sie hatte rothe Augen . Ich möchte doch wissen , warum er das arme liebe Kind bei sich eingesperrt hält . « » O in dem Punkte , « fiel einer von den Knechten ein , » da hat unser gnädiger Herr gar kein Gewissen ! Was ihm gefällt , das nimmt er sich , und hat er sich amusirt , läßt er so ein gutwilliges Geschöpf wieder laufen . Da sieh zu , wo Du ein Unterkommen findest ! « » Wer könnte denn das Mädchen sein ? « sagte ein anderer Knecht . » Ist sie hübscher , als Marie , so ist sie nicht aus der Nähe , « meinte der Großknecht . » Hier herum kenne ich alle Mädchen . « » Der Tracht nach muß sie irgendwo in der Haide zu Hause sein . « Bei diesen Worten des Maulwurffängers hörte man einen schrillenden Ton , als ob eine Fensterscheibe zerspränge , und gleich darauf einen lauten , gellenden Hilferuf . Alle horchten auf und sahen einander bestürzt an . Nur der Voigt senkte die Augen zu Boden und der Maulwurffänger lächelte unheilvoll . » War das im Hofe ? « sagte Marie . » Ich möchte darauf wetten , daß der wunderliche Ton aus dem Herrenhause kam , « sprach Heinrich und stand gelassen auf . » Bleibt nur sitzen , ich werde nachsehen . Kämt Ihr ungerufen , so könnt ' s Euch Buße tragen , mir thut Blauhut nichts zu Leide ! « Und ungehindert , nicht einmal von dem unschlüssigen Voigt begleitet , verließ der Maulwurffänger die Gesindestube mit ihrer aufgeregten , im Herzen heimlich gegen Magnus erbitterten Gesellschaft . Fußnoten 1 Moorsumpf . 2 Platz . Stelle . Achtes Kapitel . Die Flucht . Erzürnt und niedergeschlagen zugleich über die freche Heuchelei , durch welche Graf Magnus ihr Vertrauen bis zu einem gewissen Grade erschlichen hatte , um seine verbrecherischen Pläne auszuführen , blieb Haideröschen eine Zeit lang am Simse des Kamins lehnen , der ihr bei Abwehr des lüsternen Grafen als Rückhalt gedient hatte . Von der übernatürlichen Anstrengung und der unaussprechlichen Seelenangst , die sie dabei gelitten hatte , gänzlich erschöpft , brach sie jetzt zusammen und glitt mit vorgebeugtem Körper auf den weichen buntfarbigen Teppich nieder , der über den Fußboden des prächtigen Zimmers ausgebreitet war . Ströme von Thränen entstürzten ihren Augen , und obwohl sie in tiefstem Herzen Gott dankte , daß er sie aus den Händen ihres Peinigers errettet , konnte sie doch des bittern Schmerzes nicht Meister werden , der sich zugleich ihrer bemächtigte . Wie sollte sie den Verfolgungen des entsetzlichen Grafen begegnen , wenn er seine kaltblütig ausgesprochene Drohung wahr machte ? Und mit welchen Gefühlen konnte sie es wagen , unter ihre Gespielinnen zurückzukehren , hatte sie nur eine einzige endlose Nacht unter dem Dache des Verhaßten zugebracht , der sie kurze Zeit mit so meisterhafter Verstellung gekirrt und zutraulich gemacht hatte ! Diese Fragen legte sich die arme Wendin wiederholt vor , ohne in ihrer Angst und Bestürzung eine Antwort darauf zu finden . Sie wußte und ahnte nicht , wer den Grafen abgerufen hatte und daß dieser kecke und entschlossene Eindringling in ihrem Interesse , zu ihrer Rettung auf dem Edelhofe erschienen sei . Der bloße Name des Maulwurffängers würde sie beruhigt und getröstet haben . In ihrer Rathlosigkeit blieb sie kange auf den Knien liegen , abgebrochene Gebetbrocken mit zitternder Lippe hersagend . Bald faltete sie in wilder Hast die kalten Hände , bald rang sie dieselben verzweiflungsvoll über ihrem Haupte und warf sich dann schluchzend mit dem Gesicht auf den Fußboden . Nach und nach aber ward sie ruhiger und sie begann zu überlegen , wie sie sich gegen den Schändlichen waffnen könne , wenn es ihm einfallen sollte , in kurzer Zeit wiederzukommen . Sie stand auf und untersuchte das Zimmer . Leicht und geräuschlos schlüpfte sie auf den Zehen die Wände entlang und prüfte jeden Falz , jede Buckel der Tapete . Nirgends entdeckte sie eine Thür , die ihrem Druck weichen wollte . Eben so vergebens bemühte sie sich , die Zimmerthür zu öffnen . Sie war und blieb fest verschlossen . Die Schelle zu läuten , nahm sie mit Recht Anstand , da es fast wahrscheinlich war , daß sie in ihrer unsichern Hand mehr als einmal erklingen und dadurch den herrischen Gebieter nur zu schnell wieder herbeirufen würde . Sie schlich jetzt nach den Fenstern , die hoch und breit waren und von denen das eine bis an den Fußboden herabreichte . Behutsam versuchte sie die Wirbel umzudrehen , die wirklich schon gelinder Kraftanwendung nachgaben . Der Fensterflügel ging wie von selbst auf , so daß Haideröschen bequem hindurchschreiten konnte