bis er endlich die Balkonscene aufschlug . Agnes hatte gespannt zugehört , doch kam es dem Präsidenten vor , als erlösche allmälig ihre Theilnahme , und er forderte sie auf , die Julia selbst zu lesen . Sie gehorchte anfangs zögernd und ein wenig befangen , dann ward sie wärmer und freier . Der Präsident hörte ihr mit steigender Ueberraschung zu und las den Romeo mit solchem Eifer , mit so großer Hingebung , daß er sich selbst darüber wunderte , als die Scene zu Ende war und er das Buch zusammenschlug . Agnes , durch das Lesen erhitzt , ebenso entzückt als verschämt , hatte begeistert die glühenden Liebesworte gesprochen und blickte nun mit klopfendem Herzen und lächelnd den Präsidenten an , der seinen Augen und Ohren nicht traute . Sie war sehr schön in diesem Augenblick . So konnte Julia ausgesehen haben . Das glänzend schwarze Haar , das die reine Stirn umgab , die großen unschuldigen Augen hatten etwas höchst Jugendliches , die Form der Nase und des Mundes etwas Italienisches . Er wunderte sich , daß er dies Alles bis jetzt nicht bemerkt hatte , daß ihm entgangen war , wie viel Geist und Gefühl in dem jungen Mädchen schlummre . Er nahm sich vor , aufmerksamer auf sie zu werden , und fragte sie , wie ihr das Gelesene gefallen habe ? Sehr gut , sehr gut , sagte sie , besonders die Scene auf dem Maskenballe . Ach , Herr Präsident ! Sie glauben nicht , wie glücklich ich wäre , wenn Sie Therese überredeten , mich mitzunehmen . Julian mußte lachen , weil der Ton ihrer Bitte so gar kindlich klang . Sehen Sie , wie ungerecht es in der Welt hergeht ! sagte sie . Theophil , der ewig stöhnt und ächzt , der kann thun was er mag . Der geht stöhnend und kauft sich den prächtigsten Anzug und wird ächzend mit Frau von Barnfeld tanzen , und ich ganz allein werde zu Hause bleiben und Sie Alle recht beneiden . Sie wären lieber an Frau von Barnfeld ' s Stelle mit dem hübschen Theophil , liebes Kind ! Das glaube ich , sagte Julian neckend , aber dazu haben die Eltern Sie eigentlich nicht hergeschickt . Glauben Sie , daß mir der Assessor gefällt ? Da irren Sie sehr . Ich kann es gar nicht leiden , wenn ein Mann immer so unglücklich thut . Mein Vater hat gewiß mehr Sorgen als der Assessor , aber er ist doch immer heiter , wenn er noch so viel zu thun hat , und so soll doch ein Mann auch sein und nicht wie Theophil . Theophil ist krank , begütigte Julian , haben Sie Mitleid mit ihm , suchen Sie ihn zu zerstreuen . Haben mich meine Eltern dazu in die Stadt geschickt ? spottete sie und sagte dann : Gewiß , ich will Alles thun , was Therese und die Eltern von mir verlangen , ich bin ja auch sehr fleißig dabei , aber gegen den Ball hätte meine Mutter ganz bestimmt nichts einzuwenden , und ich wäre so glücklich , könnte ich ihn mitmachen . Plötzlich schien ein Gedanke in dem Präsidenten aufzutauchen und er sagte : Agnes , können Sie wohl schweigen ? Wie das Grab ! Und wollen Sie mir einen Gefallen thun ? Von Herzen gern , Herr Präsident . So sagen Sie nicht , daß Sie mit mir von dem Balle gesprochen haben , sprechen Sie überhaupt nicht mehr davon . Aber weshalb denn nicht ? ich möchte so gern hinkommen . Haben Sie nie von guten Elfen gehört , die den frommen Kindern ihre Wünsche erfüllen ? Beten Sie nur fleißig , vielleicht kommt der Elf und hilft . Herr Präsident , Sie nehmen mich mit ! rief Agnes jubelnd . Ich bin kein Elf , liebste Agnes , und Theresen ' s Willen darf ich nicht entgegenhandeln , antwortete er und ging hinaus . Agnes lächelte still vor sich hin . Den ganzen Tag sah sie strahlend vor Glück aus , so daß Therese sie um den Grund ihres Frohsinns befragte , aber sie behauptete , es sei ihr gar nichts begegnet , und freute sich , als am Abend Alfred seinen Felix mitbrachte , mit dem sie ihrer Lust in den tollsten Schwänken freien Lauf ließ . War Theresen der ungewöhnliche Frohsinn des jungen Mädchens aufgefallen , so erschreckte sie andrerseits der ungewöhnlich trübe Ernst in Alfred ' s Zügen und , sobald sie allein miteinander waren , bat sie ihn besorgt , ihr zu sagen , was ihn beunruhige . Ich habe schon einmal , sagte er , mit Ihnen von einer Frau sprechen wollen , die mir die innigste Theilnahme einflößt , von der Harkourt . Therese erschrak , Alfred bemerkte es , ließ sich aber dadurch nicht stören , sondern fuhr fort : Sie kennen das Verhältniß , in dem Julian zu ihr gestanden hat . Sie werden wissen , daß er sie nicht mehr sieht und jede Beziehung zu ihr abgebrochen hat . Sie ist aber eine in jedem Betrachte bedeutende Frau , und wenig Männer möchten die Kraft haben , ihr gegenüber kalt zu bleiben , noch wenigere würden sie so schnell verlassen haben als Ihr Bruder , an dem sie noch mit leidenschaftlicher Liebe hängt . Ich mag über sein Verhalten zu ihr , über den Grund seines jetzigen Betragens nicht urtheilen . Das sind Dinge , die Jeder mit sich selbst abzumachen hat , die man vor sich selbst rechtfertigen muß , und das kann Julian nach seiner Ansicht auch gewiß . Aber ich möchte Sophie vor dem Verderben bewahren , dem sie entgegeneilt , und dazu sollen Sie mir Ihren Rath ertheilen . Therese hatte anfangs sich scheu von diesen Mittheilungen abgewendet , die sie verletzten . Sie zürnte mit Alfred , sie begriff nicht , was diese Erörterungen ihr sollten . Als er aber Sophie eine Unglückliche nannte , als er Beistand für