der im Begriff war , in einem kurzen Uebergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Ceremonien zu vollziehen , als endlich Leontinens furchtbare Erschütterung und ihr Zittern des jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurücklenkten . Er ergriff mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der Thüre und Babet zu , die schluchzend in derselben stand , dann wandte er sich wieder zum Dechanten ; in demselben Augenblick schloß sich die Thüre hinter Leontinen , und halb bewußtlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer . Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden verbreitet , als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug ; die gewandte Babet hatte der Gräfin eine unruhige , durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose Nacht des Fräuleins vorgelogen . Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem neugewonnenen Freunde aufgehört ! Der lange Tag verging , ohne daß Leontine mehr von dem hörte , was sich drüben begab , als was auch die andern Hausgenossen erfuhren . Sie sandte , wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels , einen Blumenkranz , der schönen jungen Todten auf den Sarg zu legen . Daß er aus Orangenblüten und Granaten bestand , ließ man für einen Zufall gelten ; die Thränen , die als Thau ihn benetzten , bemerkte Niemand . Kaum war die Begräbnißstunde bestimmt , so vereinten sich die Gräfin und ihre Freundinnen , um der Ceremonie zuzusehen . Es war ein Drängen und Treiben um die offene Grabhöhle , als hätten Alle das schöne Mädchen gekannt , oder als gälte es eine Lustpartie . Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schützte Kopfweh vor . Noch am nämlichen Abend überbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Carlo ' s Hand . Sie hielt das Blatt noch in der ihren , als draußen Babets aufjubelnde Stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkündete ; kaum blieb Leontinen Zeit , das Papier zu verbergen , so lag sie schon in ihrer Mutter Armen . Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt . Geiersperg liebte joviale Geselligkeit , war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte , Kriegsgefährten und Jugendgenossen daselbst . Auch Josephine ward von einem kleinen Kreise freudig begrüßt , eine Landpartie , eine Ausfahrt jagte die andere . Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein , ihre Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden , als sie in der ersten , im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau gewesen . Die Zeit war ja so ganz verändert , es war Friede , und hatte auch dieser Friede nicht alle Träume und Verheißungen des ihm vorangegangenen Kampfes erfüllt , so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken überall an die Stelle der früheren Romantik getreten , die Josephinens Blütenzeit belebte und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldau ' s vor Erschlaffung bewahrt hatten . Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck der Ereignisse zur Unthätigkeit verdammten , hatte sich das Wechselspiel von Sorge , Angst und Freude , das man Leben nennt , immer noch in weit höheren Potenzen um ihn her entwickelt , als es nun im freundlichen Beisammensein mit Geiersperg der Fall war . Waldau war ein Idealist , im Alltäglichen ganz unerfahren ; man mußte unaufhörlich für ihn sorgen . Geiersperg sorgte lieber noch für Andere , als daß er ihrer Leitung sich hingab ; er fürchtete beständig , gehandhabt zu werden , wie er es nannte , und wollte alles selbst machen . Hatte Josephine in ihren ehemaligen Verhältnissen zerrissene Herzen , kränkelndes Leben und die Keime nationaler Hoffnungen gepflegt , hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur höchsten Spannung anstrengen müssen , so pflegte sie jetzt , ohne jedoch an Elasticität des Geistes einzubüßen , mit nicht geringerer Anmuth die Blumen und Bäume , die ihres Gemahls Lieblinge waren , zog seine Jagdhunde auf und bewunderte mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhähne und Schnepfen . Sie war eigentlich nicht minder glücklich als sonst , denn bei ihr war das Glücklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden . Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen , das fühlte sie selbst , doch , wie viele Mütter , blieb sie dabei blind für deren Mängel ; und dann hatte ja Leontine ihres Vaters Fehler ! Geiersperg tadelte sie strenger , schon deshalb mußte Josephine die Tochter entschuldigen . Vor allem war ihm nicht recht , daß sie kein Junge war ; er hätte so gern einen Sohn gehabt . Darum hatte er die Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewünscht ; sie sollte seiner väterlichen Liebe Enkel geben . Im Ganzen konnte er die excentrischen Weiber nicht leiden ; - und hast mich doch geheirathet ? sagte Josephine . Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden großen Hände und küßte sie herzlich . Von dir , liebes Kind , kann ja hier gar nicht die Rede sein , du bist mein lieber , närrischer excentrischer Engel ! Aber im Häuslichen bemerke ich , Gott sei Dank ! nur , wie du mir alles leicht und lieb machst . Wenn die Leontine excentrisch sein wollte , wie du , so hätte ich nichts dagegen . Geierspergs schönste Jahre waren die gefahrreichen des Kriegs und seiner geheimen Vorbereitungen gewesen ; auch nachdem er den Dienst verlassen , blieb er innerlich Soldat . Alles , was auf das Militär sich bezog , interessirte ihn lebhaft ; in seinem Hause herrschte die strengste Disciplin , in seinem Herzen blieb er der alte loyale , seinem Könige unbedingt ergebene Kriegskamerad . Selbst wo sein klarer Verstand tadelte , ließ sein Gefühl dem Tadel selten Raum zum Wort , und Leontine hatte ganz recht , ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu nennen . Hätte der König seiner innersten , heiligsten Ueberzeugung zuwider gehandelt , hätte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit