Clemens wußte genug - für seine Person . Und das , was er weiter wissen wollte , erfuhr er jetzt doch nicht . Also lief er fort , auf die Promenade , hin und her vor Faustinens Fenster . Vielleicht würde sie ihn sehen , ihn rufen - allein durch Faustinens purpurrothe Vorhänge schimmerte der Tag so dämmernd , daß er ihre Augenlieder überstreifte , ohne sie zu heben . Sie schlief nicht mehr , sie träumte nur noch halb und halb , es war ihr lieblich zu Sinn - sie wußte selbst kaum warum . Cunigundens freundliche Zukunft wird es sein ! meinte sie . Nachdem Clemens vergeblich einige Zeit auf und ab gerannt , entschloß er sich nach einigen Stunden , Faustinen seinen Besuch zu machen , unbefangen , gleichmüthig , als sei nichts vorgefallen , und es darauf ankommen zu lassen , wie sie ihn empfangen würde . » Gott , « dachte er , » wenn sie nur diesen Mengen nicht liebte ! der macht sie gleichgültig gegen mich ! in Oberwalldorf war sie anders .... nicht anders gegen mich , nicht freundlicher .... aber dort konnt ' ich nicht glauben , daß sie für irgend einen Mann - Andlau etwa ausgenommen - lieblicher sein könne ; ja sogar ihre Empfindungsweise für Andlau kränkte mich nicht so - nicht so tief , nicht so bitter . Zeit , Treue , Gewohnheit , gaben ihm Rechte - ich weiß ja Alles , ich mache mir ja keine Chimären ! ich verlange ja nichts , als daß sie mir erlaube mein Herz vor ihr niederzulegen , als daß sie freundlich meine Liebe anlächle , sie dulde ! statt dessen weist sie sie ab , drängt mir das Wort in den Busen zurück oder verdreht es mir auf der Lippe , während sie an diesen Mengen ihre Liebe verschwendet . - Der Teufel mag wissen , in welchem Grad ! Durch solche und ähnliche Vorstellungen regte er seinen Zorn und seine Leidenschaft dermaßen auf , daß er halb vernichtet bei Faustinen eintrat und keines Wortes mächtig neben ihr auf das Sopha sank . Sie wähnte , wie Mario vorhin , die Erinnerung an seine Ungezogenheit quäle ihn , und dadurch ward sie in ihrem Vorsatz , den gestrigen Vorfall gänzlich zu ignoriren , noch mehr bestärkt . Sie frühstückte , denn Clemens , dem die Secunden zu Ewigkeiten wurden , hatte sich in den Stunden verirrt . » Brav , daß Sie so früh kommen ! ich fürchtete schon , Sie würden mir meine gestrige Abtrünnigkeit nicht ganz verziehen haben . Das kam aber so . « Sie erzählte ihm , wodurch sie gestört worden sei , und dann vom Ball , der elegant und amüsant gewesen , und dann , daß Mengen sie heut im Eisschlitten fahren wolle - Alles so schlicht , so natürlich , wie die Unbefangenheit , und freundlich , wie die Güte thut , die einen Andern aus peinlicher Lage befreien mögte . Doch Clemens in seinem aufgeregten Zustand war nicht dafür empfänglich . Er sah nur eine geschickte Heuchelei . Das überwältigte ihn , er schlug verzweiflungsvoll beide Hände vors Gesicht . Die erste Bewegung Faustinens war , mißtrauisch von ihm wegzurücken . Doch sie besann sich , daß er unmöglich Morgens um zehn Uhr im Rausch sein könne , und seine Desperation auf Rechnung seiner Beschämung schreibend , faßte sie sich , blieb neben ihm sitzen , zog seine Rechte von seinem Gesicht herab , und sagte : » Guter Clemens , beruhigen Sie sich . « Da blickte er sie an , schüttelte den Kopf und rief : » Aber Sie strafen ja den lieben Gott Lügen ! .... Ja ja ! « fuhr er fort , als Faustine tödtlich erschreckt ihn sprachlos ansah - » jetzt fällt die Maske ! doch , wenn man nichts ahnt , nichts weiß , und nur Ihr Gesicht sieht , so würde Jeder meinen , der liebe Gott habe seinen Lieblingsengel auf die Welt geschickt , um die Menschen von ihm zu grüßen , und vielleicht ist das auch seine Absicht mit Ihnen gewesen . Aber dies himmlische Antlitz lügt ! es wohnt nichts dahinter - als ein lügenhaftes Weib . « Faustine erhob sich . Sie stand vor Clemens so hoch , so groß , als sei sie plötzlich um einen Fuß gewachsen . Kalt und befehlend zeigte sie mit der ausgestreckten Rechten nach der Eingangsthür , und ohne Clemens eines Blickes zu würdigen , ging sie königlich stolz aus dem Salon in ihr Zimmer und verschmähete es die Thür hinter sich zu schließen . Sie setzte sich an ihren Schreibtisch , legte den Kopf in beide Hände , um sich zu besinnen , ob Clemens verrückt oder betrunken , krank oder unverschämt sein möge , brachte es nicht heraus , und schrieb , um sich zu zerstreuen , ein Paar herzliche Zeilen an Cunigunde , als Antwort auf ihren gestrigen Brief . So war eine Viertelstunde verflossen . Clemens saß noch immer regungslos auf dem Sopha . Er bereute sein Benehmen - besonders deshalb , weil er , mit der Thür ins Haus fallend , Faustinen Waffen in die Hand gegeben . Darum hob er ganz demüthig an : » Ich bin noch hier , Gräfin Faustine . « » Wider meinen Willen , Herr von Walldorf , « sprach sie eisig von ihrem Schreibtisch herüber . Er stand auf , ging bis zur Schwelle ihres Zimmers und bat : » Wenn ich ein Verbrecher bin , so geben Sie mir durch die Beantwortung einiger Fragen dreist den Todesstoß . « » Sie sind ein Wahnsinniger , « sagte sie gelassen und legte die Feder hin . » Kamen Sie nicht heute Nacht in Graf Mengens Begleitung nach Hause ? « » Ja . « » In seinen Mantel gehüllt ? « » Ja . « » Warum das ? « » Weil der meine samt meinem Bedienten verschwunden war und noch