den wilden Schmerz seiner Brust gestillt , ihn geadelt , gleichsam geheiligt hatte . Wie hätte sie diese Früchte ihres sanften Strebens aufgeben können , um einer Grille genug zu thun , die ihr reines Gewissen tief verachten mußte ? Sie glaubte nicht , das Linovsky , sie kennend - es begehren werde - aber wäre es auch , so fühlte sie doch bestimmt , dies sei der Punkt , wo weibliche Schwäche und Nachgiebigkeit sich zu weiblicher Kraft ermannen , und jedem vom leeren Schein hergenommenen Grund der Misbilligung kühn und unerschüttert begegnen müsse . Nicht leichtsinnig und gedankenlos , sondern ernst erwägend schaute sie in die Zukunft , und läugnete sich die Wahrheit nicht ab , daß eine Neigung , wie die ihrige zu Alexandern , streng bekämpft werden müsse , um sich nicht selbst Gesetz zu werden . Daher versagte sie ihr jede Aeußerung , die sie hätte verrathen und seine freundlich eingelullten Hoffnungen wieder aufwecken können . Aber da die Stunden , die sie neben ihm verlebte , rein waren , und - schon längst vergangen , noch die himmlische Glorie einer Erinnerung trugen , die sie an keine verletzte Pflicht , an keine Entweihung ihrer Würde als Gattin und Mutter mahnte , so hätte es ihr Verrath an der Freundschaft geschienen , den einmal ihres Zutrauens werth Gefundenen einer einseitigen Laune Preis zu geben , die nur aus ungegründetem Argwohn hervorging . XIV So waren mehrere Wochen still und friedlich in harmlosen Mittheilungen vergangen , in denen beide Ersatz für höheres , ihnen versagtes Glück fanden , da erschien plötzlich das Gespenst , das den unschuldsvollen Genuß verscheuchte , der bisher die Würze ihrer Einsamkeit gewesen war . Linovsky nämlich kehrte zurück an den heimischen Heerd , dessen reine Flamme er zwar nicht entweiht , aber doch für eine höhere Gottheit glühend fand . Ihn empfing die Gattin mit der Achtung , die sie ihrem Gemahl , dem Vater ihrer Kinder , schuldig war , aber auch mit dem ganzen Stolz des durch keine Schuld befleckten Bewußtseyns und mit der Kälte des den irrdischen Verhältnissen nicht mehr angehörenden Gefühls . Mit alle der Eigensucht , die sich stets allein strebte in Erna ' s Kreise geltend zu machen , geschärft durch Mistrauen und Eifersucht , und vielleicht durch Ohrenbläsereien bereits gereizt , forschte er nach allen kleinen unbedeutenden Vorgängen während seiner Abwesenheit . Erna , zu lauter zur Lüge , verhehlte Alexander ' s öftere Besuche nicht . Sie hatte es zu lebhaft empfunden , daß es ihrer Nähe , ihrer vertraulichen Hinneigung beschieden war , ihn aus der Tiefe muthloser Verzweiflung zu erheben , und auf eine Stufe zu sich heraufzuziehen , auf der sie ihn frei und ohne Erröthen vor aller Welt bekennen durfte . Auch hatte sie schon längst in ihrem Innern , ohne Grausen , den ernsten Flügelschlag des nahenden Engels vernommen , der ihr die Pforte eines besseren Lebens zu öffnen versprach . Tief lagen daher unter ihr alle feindseligen Urtheile der Verläumdung und der alles Gute abläugnenden Zweifelsucht , und fest entschlossen , ihrer Pflicht getreu zu bleiben , war sie eben so entschieden , sich nicht zu versagen , was mit ihr bestehen konnte . Sie übersah daher mit ruhigem Gleichmuth die nicht laut ausgesprochene Misbilligung Linovsky ' s , die aber doch in mancher bitteren Anspielung und in mancher höhnischen Seitenbemerkung sich darüber äußerte , daß sie Alexandern einen näheren Zutritt gestattet hatte , als dem gleichgültigen Bekannten geziemt . Als er nun aber selbst erschien , ahnungslos , welche plötzliche Dazwischenkunft ihn jetzt auf einmal aus seinem Himmel stürzte - als sie in den Zügen ihres Mannes die feindselige Bitterkeit des im Verborgenen glimmenden Grolles wahrnahm , der nur einer geringen Veranlassung von Außen bedurfte , um unheilbringend und zerstörend hervorzubrechen , als sie den an Verachtung gränzenden Trotz bemerkte , den Alexander seinem kühlen , kaum höflichen Benehmen entgegensetzte , da fand sie , von bangen Ahnungen ergriffen , sich zur Verhüthung ärgerlicher Auftritte verpflichtet , lieber Verzicht auf die höchste , letzte Freude ihres Lebens zu leisten , als die Furie der Zwietracht entflammen zu helfen , und Gefahren herbeizuführen , vor deren bloßen Möglichkeit sie schon erzitterte . Sie beschloß daher unwiderruflich bei sich selbst , durch eine offene und ruhige Vorstellung Alexandern zu veranlassen , daß er seine Besuche einstelle , da sie Linovsky ' n offenbar so misfällig waren . Doch ehe sie noch den unbeobachteten Augenblick fand , den sie sich zu einer kurzen Unterredung wünschte , brach der Ungestüm des Eifersüchtigen die Gelegenheit vom Zaun , seinem Unmuth Luft zu verschaffen , und den unwillkommenen Gast für immer zu entfernen . Der kleine Otto nämlich hatte nur mit Schüchternheit dem finstern Vater sich genaht , und blöde und frostig die Liebkosungen erwiedert , mit denen er beim Wiedersehen seinen Erstgeborenen ans Herz drückte . Wie ganz anders war der Empfang , den Alexander fand . Freudig hereinstürmend , auf seine Kniee kletternd und ihn mit beiden Armen umklammernd , als wolle er ihn nimmer wieder loslassen , schien es wirklich , als sei Linovsky dem Knaben ein Fremder , und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters . Düster rief Linovsky den Kleinen von Alexander ' s Schooße zu sich . Er gehorchte , aber nicht aus Neigung , sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn , den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah , und obgleich losgerissen von dem lieben , freundlichen Freund , blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem seelenvollsten Ausdruck der zärtlichsten Anhänglichkeit an ihm hängen , wenn auch Linovsky ' s Arme , gleich einem beängstigenden Gefängnis , ihn umschlossen , und jede seiner Bewegungen hemmten . Hast du mich lieb , mein Kind ? flüsterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf sich herabbeugend . Ja , ach ja ! antwortete der Kleine ängstlich . Erst die Mutter , hernach Norbeck , und dann Dich . Linovsky erbleichte