Lehren der Ablaßkrämer verderben die Menschen . « - » Die Lehren sind schon längst bei uns verlacht « , sagte Berthold , » unsre Leute sind darüber hinaus ; was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft , freilich , es wäre besser , Kaiser und Reich duldeten sie nicht , statt daß jetzt ein armer Mönch dies für sie durchfechten muß . Das Ablaßgeld könnten wir gut brauchen zur Führung der schweren Reichskriege , die wir mit unsern Sünden wohl verschuldet haben . « - » Freilich « , sagte Kunz , » es ist verkehrte Zeit , das Volk weiß mehr von Gottes Wort , als die Geistlichen , und ein Mönch muß für einen mächtigen Kaiser und seine Fürsten das Wort führen ! « Unter diesen Gesprächen waren sie in Luthers Zimmer getreten , der von einer ernsten Unterredung mit zweien Männern , die mit ihm das Zimmer durchschritten , abbrach und sich zu den Eintretenden wandte . » Dies ist Staupitz , der Generalvikar des Ordens , unter welchem Luther steht , jenes der edle Langemantel , Luthers Beschützer « , sagte Kunz , » und daß der in der Mitte Luther ist , steht ihm wohl an die Stirn geschrieben . « - Staupitz bat noch einmal Luthern , er möchte nachgeben , die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht , aber Luther antwortete ihm , er kenne sich und seine Schüler , und sein Werk stehe nicht mehr in seiner Macht und seinem Willen . Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und ließ die andern inzwischen mit Kunz und Berthold das Nötige zur Flucht verabreden , er ließ sich gern in den Vorsichten seines äußeren Lebens von Freunden raten . Kunz wurde weggesandt , um Frau Zähringer und ihre Tochter zu benachrichtigen , daß Berthold zu einem Geschäfte abgerufen , er könne sie nicht heimführen . Kunz ließ noch Mantel und Kappe für Luther zurück . Berthold hörte in einem nahen Zimmer Lautenspiel , und Staupitz sagte , es sei Kurfürst Friedrich , bei dem Bilde seiner geliebten Fürstin Amalia von Schwarzburg , einer gebornen Mansfelder Gräfin , zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe geführt hätte . Staupitz öffnete leise die Tür , sie sahen das hellerleuchtete Bild einer weinenden Frau in einem Lustgarten , die einen Hirsch mit goldnem Geweihe streichelt , der Kurfürst war von ihnen abgewandt . Staupitz schloß leise die Tür und sagte : » So fand er sie vor dreißig Jahren , Ihr würdet sie jetzt schwerlich wieder erkennen , aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung , denn mit strengem Ernst hat sie ihn während dieser Jahre zu kühnen Zügen bis Jerusalem gesendet , aber seine Wünsche nie erfüllt , wenn er ihre Aufträge vollbracht hatte ; sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft über ihn zu verlieren , so stirbt er keusch und kinderlos . Unsern Luther schützt sie , Luther kann sicher sein , so lange ihr Wille dauert . Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor dem Tage , als Luther die Theses gegen den Ablaß an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg schlug , ein Mensch stoße mit seiner Feder dem Papst die dreifache Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder , die von Wittenberg bis Rom reichte , sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luther sah , von dem jedermann in den Tagen sprach , da versicherte sie , er sei es gewesen . Es ließe sich viel von der seltenen Frau sagen , die immer in andrer Welt zu leben scheint , als andre Menschen , und doch auf diese so unerbittlich wirkt , sie hat gestern geschrieben , der Kaiser werde schwach , der Kaiser werde sterben , wir sollten für Luthers Sicherheit sorgen . « - » Amen « , sagte jetzt Luther und legte die Feder nieder , » hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand , bin fertig und bereit , wohin ihr mich senden wollt . « Langemantel reichte ihm Kunzens Mantel und Kappe und Luther lächelte des seltsamen Staats , wußte ihn kaum anzulegen , dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz , gleich einem Herrscher mit kühnem Blick . Wie ein Gebirge Ströme nach Osten und Westen sendet , so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes , was sonst nirgend gefunden wird : Demut und Stolz , Bewußtsein seiner Bahn und Hingebung an andrer Rat , helle Verständigkeit und blinden Glauben ; noch war das Volk nicht reif , sich solch einem Manne nachzubilden , aber seine Gegner lernten bald so viel von ihm , wie seine Anhänger . Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Rührung von ihm Abschied . Berthold führte Luther herunter . Als Berthold die laute Freude des Festes hörte , stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf , ob er nicht das nahe Glück seines Lebens an eine Angelegenheit setze , die dem ganzen Deutschland , nur ihm nicht wichtig scheine , aber er stärkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen Worte . Die Gassen wurden stiller , die Brunnen geschwätziger und der scharfe Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern ; sie waren jetzt am Tor , das in dieser Nacht wegen des Festes geöffnet blieben , sie schritten ohne Aufenthalt hindurch über die Brücke , da hörten sie mit Teilnahme des Wächters Lied : So mancher liegt in Nöten Und liegt in Liebchens Arm , Er liegt so still und warm , Der Bruder will ihn töten , Er träumt vom goldnen Ringe , Sieht nicht die blanke Klinge , Die um das Haupt ihm schwirrt . So mancher flieht in Sorgen Und steht in Gottes Hand , Der ihm den hellen Morgen zu seinem Trost gesandt , Er denkt nur seiner Feinde Und kennt nicht seine Freunde , Die Klugheit ihn verwirrt . » Bei Gott , das ist Kunzens Stimme « , sagte Berthold .