Daß jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschämend sei , sieht man aus der Miene und Gebärde des Vaters ; und was die Mutter betrifft , so scheint diese eine kleine Verlegenheit zu verbergen , indem sie in ein Glas Wein blickt , das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist . Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze erscheinen . Ihre Zöpfe , die Form ihres Kopfes , Hals und Nacken waren über alle Begriffe schön , und die Taille , von der bei den modernen antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird , höchst zierlich , schlank und leicht , zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äußerst vorteilhaft ; und der Architekt hatte gesorgt , die reichen Falten des weißen Atlasses mit der künstlichsten Natur zu legen , so daß ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung weit über jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken erregte . Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen , und der ganz natürliche Wunsch , einem so schönen Wesen , das man genugsam von der Rückseite gesehen , auch ins Angesicht zu schauen , nahm dergestalt überhand , daß ein lustiger , ungeduldiger Vogel die Worte , die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt : » Tournez s ' il vous plaît « , laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte . Die Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn dieser Kunststücke zu wohl gefaßt , als daß sie dem allgemeinen Ruf hätten nachgeben sollen . Die beschämt scheinende Tochter blieb ruhig stehen , ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen ; der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen , und die Mutter brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase , worin sich , ob sie gleich zu trinken schien , der Wein nicht verminderte . - Was sollen wir noch viel von kleinen Nachstücken sagen , wozu man niederländische Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewählt hatte ! Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen , in den ersten glücklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren , und Charlotte hoffte nunmehr , nach zwei mühsam überstandenen Monaten , die übrige Gesellschaft gleichfalls loszuwerden . Sie war des Glücks ihrer Tochter gewiß , wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde gelegt haben ; denn der Bräutigam hielt sich für den glücklichsten Menschen von der Welt . Bei großem Vermögen und gemäßigter Sinnesart schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge geschmeichelt , ein Frauenzimmer zu besitzen , das der ganzen Welt gefallen mußte . Er hatte einen so ganz eigenen Sinn , alles auf sie und erst durch sie auf sich zu beziehen , daß es ihm eine unangenehme Empfindung machte , wenn sich nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete und mit ihm , wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von älteren Personen oft geschah , eine nähere Verbindung suchte , ohne sich sonderlich um sie zu kümmern . Wegen des Architekten kam es bald zur Richtigkeit . Aufs Neujahr sollte ihm dieser folgen und das Karneval mit ihm in der Stadt zubringen , wo Luciane sich von der Wiederholung der so schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert andern Dingen die größte Glückseligkeitversprach , um so mehr , als Tante und Bräutigam jeden Aufwand für gering zu achten schienen , der zu ihrem Vergnügen erfordert wurde . Nun sollte man scheiden , aber das konnte nicht auf eine gewöhnliche Weise geschehen . Man scherzte einmal ziemlich laut , daß Charlottens Wintervorräte nun bald aufgezehrt seien , als der Ehrenmann , der den Belisar vorgestellt hatte und freilich reich genug war , von Lucianens Vorzügen hingerissen , denen er nun schon so lange huldigte , unbedachtsam ausrief : » So lassen Sie es uns auf polnische Art halten ! Kommen Sie nun und zehren mich auch auf ! und so geht es dann weiter in der Runde herum . « Gesagt , getan : Luciane schlug ein . Den andern Tag war gepackt , und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum . Dort hatte man auch Raum genug , aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung . Daraus entstand manches Unschickliche , das erst Lucianen recht glücklich machte . Das Leben wurde immer wüster und wilder . Treibjagen im tiefsten Schnee , und was man sonst nur Unbequemes auffinden konnte , wurde veranstaltet . Frauen so wenig als Männer durften sich ausschließen , und so zog man jagend und reitend , schlittenfahrend und lärmend von einem Gute zum andern , bis man sich endlich der Residenz näherte ; da denn die Nachrichten und Erzählungen , wie man sich bei Hofe und in der Stadt vergnüge , der Einbildungskraft eine andere Wendung gaben und Lucianen mit ihrer sämtlichen Begleitung , indem die Tante schon vorausgegangen war , unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis hineinzogen . Aus Ottiliens Tagebuche Man nimmt in der Welt jeden , wofür er sich gibt ; aber er muß sich auch für etwas geben . Man erträgt die Unbequemen lieber , als man die Unbedeutenden duldet . Man kann der Gesellschaft alles aufdringen , nur nicht , was eine Folge hat . Wir lernen die Menschen nicht kennen , wenn sie zu uns kommen ; wir müssen zu ihnen gehen , um zu erfahren , wie es mit ihnen steht . Ich finde es beinahe natürlich , daß wir an Besuchenden mancherlei auszusetzen haben , daß wir sogleich , wenn sie weg sind , über sie nicht zum liebevollsten urteilen ; denn wir haben sozusagen ein Recht , sie nach unserm Maßstabe zu messen . Selbst verständige und billige Menschen enthalten sich in solchen Fällen kaum einer scharfen Zensur . Wenn man dagegen bei andern gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen , Gewohnheiten , in ihren notwendigen , unausweichlichen Zuständen gesehen , wie sie um sich wirken oder wie sie sich fügen , so gehört schon Unverstand und böser Wille dazu , um das lächerlich