kann nicht der Mensch , wenn er alle seine Kräfte braucht ? Das Höchste muß der Mensch sich vorsetzen , wenn er das Hohe erreichen , und nicht im Gemeinen versinken will ; nach dem Unendlichen muß er streben : dann bewährt er sich als einen unsterblichen Geist , dem diese Hülle zu eng , dem diese Erde nur eine Herberge ist . Das haben unsre Philosophen schon gesagt ; auch der Christ sagt es , nur unendlich einfacher . Aber bei der Schwäche unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens , das , zwei Welten angehörig , ewig zwischen beiden schwankt , was bliebe uns für Hoffnung übrig , den hohen Befehlen gehorchen , und das Ideal erreichen zu können , das jene Lehren von uns fordern ? Müßten wir nicht daran verzweifeln , den strengen Gesetzen genug zu thun ? Hier könnte das Gewissen uns nicht beruhigen , dort würde ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von sich weisen . Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnißvolle Lehre von der Versöhnung , von einem unbefleckten , heiligen , der ganzen Strenge jener Forderungen genugthuenden Opfer dazwischen , von einem Opfer , das , die Schuld des ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend , freiwillig sich der göttlichen Gerechtigkeit darbot , und für Alle litt , blutete , starb . In seinen Verdiensten findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz für seine unvollkommenen Bestrebungen , sie eignet er sich zu , und durch ihre Vermittelung darf er dem Throne des allerreinsten Wesens mit minderer Schüchternheit nahen . Du siehst aus diesen leichten Umrissen , die ich dir mitzutheilen im Stande bin , wie erhaben und den Bedürfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist . Noch kenne ich sie nicht vollständig ; was ich aber kenne , überzeugt meinen Verstand , und befriedigt mein Gefühl . Und wenn diese Ueberzeugung einst vollendet seyn wird , wer kann mich tadeln , ja , wer kann mich der entgegengesetzten Handlungsweise fähig halten , wenn ich sie annehme , und ganz werde , was ich ohnehin schon zum Theile bin ? - Uebereilen aber will ich nichts . Der Schritt ist wichtig , er fordert vollkommene Geistesfreiheit , und gewissenhafte Prüfung . Die erste fehlt mir noch ganz , mein Gemüth ist nicht ruhig . Die Erschütterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehört , in mir nachzubeben , noch drückt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist . O mein Freund ! Was habe ich verloren ? Larissa ! Gespielin meiner Kindheit ! Geliebte meiner Jugend ! Holdes , sanftes , liebevolles Wesen ! Wo bist du jetzt ? Wo schwebt dein reiner Geist ? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen ? Weißt du , daß dein unglücklicher Freund hier verlassen trauert ? Oder hört mit dem Leben oder mit der Persönlichkeit , wenn auch der Geist nicht vernichtet wird , alle Erinnerung , alle Liebe auf ? Trostloses System , das das menschliche Herz verabscheuen , über dem der Unglückliche verzweifeln müßte , wenn es seinen Anhängern gelingen könnte , es zu beweisen ! Was wäre die Unsterblichkeit dann für ein Vorrecht für das denkende Wesen ? Würde sie es nicht mit dem Thiere , der Pflanze theilen , deren aufgelöseter Körper auch nicht vernichtet , sondern nach dem Gange der Natur in ursprüngliche Elemente zersetzt werden , bis sie endlich nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in organische Theile einer Pflanze oder eines Thieres übergehen ? Es ist unmöglich ! so kann der Kreislauf des göttlichen Funkens in uns nicht seyn . Auch hierüber hat das Christenthum einen erhebenden schönen Glauben , der alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschämt ! Doch hierüber sollst du ein andermal wehr hören . Genug , sie liebt , sie weiß um mich , sie liebt mich , wenn gleich hienieden ihre sanfte Stimme verklungen ist , und nie wieder in den kalten leeren Räumen mir die holde Gestalt begegnet , nie wieder ihr seelenvolles Auge mir freundlich strahlen , und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen wird . O Phocion ! Ich werde sie niemals , niemals hier wiedersehen ! In diesem Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz - aber bevor er wieder die innerste Tiefe meines Wesens aufregt , laß mich abbrechen . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Er kommt nicht vor , so wie alle , die nichts zum Gang der Geschichte beitragen , und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwähnt werden muß . 38. Calpurnia an Sulpicien . Nikomedien , im März 302 . Hier bin ich , in der großen , geräuschvollen Stadt , unter dem schönsten Himmel von Kleinasien , und , was noch besser ist , in deiner Nähe , meine theure , geliebte Freundin ! Ich wäre wahrlich gern , statt meines Briefes , selbst zu dir in deine Einsamkeit geeilt ; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner häuslichen Einrichtung , die hier an einem fremden Ort , unter ganz neuen Verhältnissen , nicht ohne große Beschwerlichkeit vollendet werden kann . Es ist mir daher unmöglich , dich fur ' s erste zu besuchen . Könntest denn du nicht auf ein paar Tage in die Stadt kommen ? Du bist doch hoffentlich so wohl , daß die kleine Reise von einigen Meilen keinen üblen Einfluß auf deine Gesundheit haben wird . O wie freue ich mich , dich nach so langer Trennung wieder zu sehen , und mit dir über tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen , die trotz aller Ueberlegung mir nie ganz gleichgültig waren , und unter diesen Umgebungen hier erst wieder recht lebendig werden ! Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agathokles . Dir darf ich es ja gestehen , daß mir sonderbar zu Muthe ward , als ich im Nebenzimmer seine Stimme hörte , die mir gedämpfter , als sonst vorkam . Er begrüßte meinen Vater mit herzlicher Ehrfurcht , und erkundigte sich nach mir und meinen Brüdern . Ich benutzte meine Verborgenheit , um mich