seine Geburt denkt , ist so wenig lächerlich , als es ein Toter sein kann ; da wir , wie sinesische Bilder , zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen , so ist der Unterschied nicht groß , an welchen Schatten man denke . Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme ; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein Wiegenfest bei eigner Vergeßlichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten als die Fremden : so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller ; aber es beklemmte ihn , daß der Mensch - » besonders , seh ' ich , an Höfen « , dacht ' er gerade den heiligen Tag , wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte , im Rauschen fremder Wellen verhört daß er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert , anstatt mit neuen Entschlüssen - daß er statt der einsamen Rührung mit den Seinigen , deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen , den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht . Der Notar setzte sich vor , seinen ersten Geburtstag , an den ihn ein guter Mensch erinnere - denn noch hatt ' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt- , ganz anders zu begehen , nämlich sehr weich , still und fromm . - - Man setzte sich zu Tisch . Walt wurde neben den zweiten armen Teufel - Flitten - als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter . Ihm verschlugs wenig ; ihm gegenüber saß der Graf . Rund wie Geld , das wie der Tod alles gleich macht war die Tafel , gleichsam ein größerer Kompanie-Teller . Der Notar , ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts , streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen ; belesen genug , um mit der Breite des Löffels zu essen , nicht mit der Spitze , erhielt er sich bloß bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel , nicht eher anzuspießen , bis ihm andere das Speisen vorgemacht ; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig für nötig erachtete , daß er , Beweisen nach , deren bittern Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete , die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen . Was ihm indes weit besser schmeckte als alles , was darin lag , waren die Senfdosen , Dessertlöffel , Eierbecher , Eistassen , goldne Obstmesser , weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank abliefern konnte : » Esset ihr in Gottesnamen « , dacht ' er , » die Kibitzen-Eier , die Mainzer Schinken und Rauch-Lächse ; sobald ich nur die Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte , so hab ' ich alles , was ich für meinen Roman brauche , und kann auftischen . « In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen , der keine Umstände machte - geradezu weißen Portwein forderte - und einen Kapaunenflügel mit nichts abschälte als mit dem Gebiß - des Gebacknen nicht zu gedenken , das er mit den Fingern annahm . Diese schöne Freiheit - eingekleidet noch in Stiefeln und Überrock - spornte Walten an , daß er , als mehrere Herrn Konfekt einsteckten für ihre Kinder , sich es zur Pflicht und Welt rechnete , auch einige süße Papierchen oder Süßbriefchen , die ihm ganz gleichgültig waren , in die Tasche zu schaffen . Auch sein Nachbar Flitte , der ungemein fraß und foderte , zeigte deutlich , wie man zu leben habe - besonders wovon . Indes war sein ewiger Wunsch der , etwas zu sagen und von Klothar vernommen , wenn nicht gar angeredet zu werden . Aber es ging gar nicht . Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar , der Kirchenrat Glanz , an die linke Seite gebeten an die rechte die Agentin gesetzt ; - aber er aß bloß . Walt sann scharf nach , inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei , kein Wort zu sagen zur Hausfrau . Er behalf sich , wie ein Verliebter , mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft . Es war ihm doch einige Erquickung , wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm - oder die Flasche - oder froh umhersah - oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster - oder in den auf einem lieblichen Gesicht . Aber bitterböse wurd ' er auf den Kirchenrat , der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten Gebrauch von derselben , da er doch so leicht , dachte Walt , über Klothars Hand zufällig mit seiner hinstreichen könnte und vollends ihn ins Reden locken . Allein Glanz glänzte lieber - er war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschreiber - auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt : Bononia docet14- wie andere Redner die Augen , so schloß er die Ohren unter dem Flusse der Zunge - - Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloß er Klothars stolzen Mund . Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf . Er hielt es für Tisch-Pflicht , jedem Gesicht eine Freuden-Blume über die Tafel hinüberzuwerfen - die Artigkeit in Person zu sein - und immer ein wenig zu sprechen . Wie gern hätt ' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen ! Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da , weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset , in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehäcke , das er fast roh und unbedeutend fand , etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen , da es ihm unmöglich war , etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen : ein Westfale , der einen feinen Faden spinnt , ist gar nicht vermögend , einen groben zu ziehen . Je länger ein Mensch seinen