seinem Herzen zerronnen war , öffnete das helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und sagte : » Albano , ich werde sterben , eh ' ich dich gesehen habe . « - » Und wenn du mich auch « , sagte das sterbende Herz in seiner Brust , » niemals siehst : so will ich dich doch lieben . - Und wenn du auch bald vergehst , Liane , so erwähl ' ich gern den Schmerz und gehe treu mit dir , bis du im Himmel bist . « .... Der Himmel und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen - nur wenige und dieselben Töne und höchste und unterbrochene konnt ' er noch leise bestreifen - und endlich sanken die Hände unter- und er fing zu weinen an , aber ohne zu harte Schmerzen , wie das Gewitter , das seine Blitze und Donner aufgelöset hat , nur noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht . - Sechste Jobelperiode Die zehn Verfolgungen des Lesers - Lianens Morgenzimmer - Disputation über die Geduld - die malerische Kur 34. Zykel Heischesätze - Apophthegmen - Philosopheme - Erasmische Adagia - Bemerkungen von Rochefoucauld , von La Bruyere , von Lavater ersinn ' ich in einer Woche unzählige und mehrere , als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin . So läuft der Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte täglich höher auf , je mehr ich dem Leser Auszüge und Gewinste gedruckter daraus gönne . Auf diese Weise schleich ' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt . Lavater nimmt sich hierin vernünftiger , er lässet das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter dem Titel : Manuskripte ( so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen ) selber unter die Gelehrten laufen . Aber warum tu ' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen ? - Auf zehn Verfolgungen des Lesers - bloß so nenn ' ich meine zehn Aphorismen , weil ich mir die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke , der sie mit Gewalt bekehrt - schränk ' ich mich ein . Der folgende Aphorismus ist wenn man den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt - , hoff ' ich , die zweite . Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine fremde Nachahmung derselben . Für ein Genie sind keine schärfere Poliermaschinen und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen . - Wenn ferner jeder von uns neben sich noch ein Doppel-Ich , einen vollständigen Archimimus52 und Repetenten im Komplimentieren , Hutabnehmen , Tanzen , Sprechen , Zanken , Prahlen etc. herlaufen sähe : beim Himmel ! ein solches genaues Repetierwerk ; unsrer Mißtöne würde ganz andre Leute aus mir und andern Leuten machen , als wir gegenwärtig sind . Der erste und kleinste Schritt , den wir zur Besonnenheit und Tugend täten , wäre schon der , daß wir unsre körperliche Methodologie , z.B. unsern Gang , Anzug , Dialekt , unsre Schwüre , Mienen , Leibgerichte etc. , nicht besser , sondern gerade so befänden als alle fremde . Fürsten haben das Glück , daß sich alle Hofleute um sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen . Aber sie erreichen selten die gute Absicht , weil der Fürst - und das wäre von mir und dem Leser auch zu befürchten - wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an keine wahre Menächmen glaubt , sondern sich einbildet , in der Moral wie in der Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt . Dritte Es ist dem Menschen leichter und geläufiger , zu schmeicheln als zu loben . Vierte In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen , in denen nach uns abzuwelken , in unserm herrlich blühend aufzuplatzen : so scheinen uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen , die einen vor uns steigen vom Horizonte herauf , die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab . Fünfte Das Alter ist nicht trübe , weil darin unsre Freuden , sondern weil unsre Hoffnungen aufhören . Sechste Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer : darum schont in jenen die Jahre , die Schmerzen und das Geschlecht ! - Überhaupt gleicht das Leben oft dem Fang-Baume mit aufwärtsgerichteten Stacheln , an welchem der Bär leicht hinauf zum Honig-Köder klettert , wovon er aber unter lauter Stichen wieder zurückrutschet . Siebente Habt Mitleiden mit der Armut , aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung ! Nur jene , nicht diese macht Völker und Individuen besser . Achte Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstärkt die männliche . Neunte Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Köpfen zusammenstoßen : so entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt , nur der andre habe den Schmerz und nur er selber die Schuld . ( Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen , eben weil ich aus meinen Verfolgungen weiß , wie der andre denkt . ) Wollte Gott , wir kehrtens bei moralischen Stößen nicht um ! Letzte Verfolgung des Lesers Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende Mensch glaubt , es gebe kein Übel weiter als das , was er zu besiegen hat ; und vergisset , daß nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe . Daher geht - wie vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende Wellengrube hinter ihm zuschlägt - immer vor uns her ein Berg , den wir zu übersteigen hoffen , und hinter uns nach eine Tiefe , aus der wir zu kommen glauben . So verhofft der Leser jetzt nach überstandnen zehn Verfolgungen in den historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu führen vom unruhigen meines Personale ; aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn