. Ich nahm mir vor , ein Lied in gewöhnlicher Größe zu schreiben , aber wenn ich hineinkam , sind oft vierzig , fünfzig , hundert , zweihundert und mehr Verse fertig geworden . « Er fährt dann fort : » Was ich in so großer Geschwindigkeit niedergeschrieben , ich hab es hinterher vielmal durchgelesen , einiges oft umgeschmolzen , anderes lange liegen lassen ; aber das ist wahr , daß ich anderes , das so recht aus dem Herzen gequollen , nie geändert habe . Die Ursach ist , weil das am ersten und natürlichsten wieder in die Herzen hineinfließet , was ohne Zwang heraus geströmet ist ... Fraget nur die Dichter dieser Welt , ob sich nicht Ähnliches bei ihnen findet , wenn sich ein poetisches Feuer bei ihnen reget . Und was soll nicht erst der herrliche Geist des lebendigen Gottes thun , wenn er die natürlichen Triebe zur Dichtkunst mit seinen Kräften anfeuert ! Es bleibt mir eine unumstößliche Wahrheit , daß alle vernünftigen Regeln der Dichtkunst sehr gut sind und von einem Dichter nach seiner Gelegenheit mit großem Nutzen gebraucht werden können , daß aber dennoch das Göttliche in der Dichtkunst nicht anders als auf den Knieen gelernt werden kann . Denn wenn der Geist aller Geister das Herz des Poeten nicht entflammt , so weiß ich nicht , ob ich die erhabenste Poesie überhaupt noch eine göttliche nennen kann .... Die Heiden haben von ihren todten Götzen treulich gesungen . Aber so viele Dichter unter den Christen wissen von ihrem lebendigen Gott , von dem Gott aller Götter , ja von ihrem menschgewordenen Gott , der am Kreuz in seinem Blute für sie gestorben , nichts zu sagen . Sie holen lieber vermoderte Stücke von den verfaulten Götzen der Heiden und schmücken sie dem Gott Israels zum Hohn .... Ein berühmter Günther will lieber der Venus zu Ehren , als zum Ruhm des Kreuzes singen ; aber die Reime Hans Sachsens machen alle Werke Günthers zu Schanden , weil doch so manche Seele daran selig glauben kann . « So weit er selbst . Man muß es ihm lassen , daß er seine Sache gut zu führen weiß ; bescheiden und bewußt – jedes an rechter Stelle . Dabei kann einem aufmerksamen Leser nicht entgehen , daß er in dieser Rechenschaftsablegung alle die Punkte in den Vordergrund stellt , über die die Meinungen auseinander gehen können . Er war eben ein christlicher » Improvisator « , ja , in allen Ehren sei es gesagt , eine Art von Psychographendichter und ließ die Feder laufen . Wir kommen an anderer Stelle darauf zurück . Alles , was wir aus ihm zitiert haben , ist einer Vorrede entnommen , die er im Jahre 1750 schrieb . Er war damals fünfundzwanzig Jahr alt , predigte seit sechs Jahren und war im Amte seit drei , hatte Frau und Kind und konnte auf eine literarische Tätigkeit zurückblicken , die bereits damals über zweihundert Lieder umfaßte , mehrere davon über zweihundert Strophen lang . Eine Produktionskraft , die wohl kein anderer deutscher Dichter aufzuweisen hat , auch nicht die Meistersänger , an deren Dichtungsart die didaktische Weise Woltersdorfs am meisten erinnert . Seine poetische Tätigkeit war übrigens im großen und ganzen mit 1750 abgeschlossen . Es waren ihm noch elf Lebensjahre beschieden , aber die Mühen und Sorgen des Amtes wurden doch so übermächtig , daß selbst sein lebendiger Strom versiegte . Er trat 1755 an die Spitze des nach dem Halleschen Vorbild errichteten Bunzlauer Waisenhauses und wirkte daran noch eine Zeitlang in Segen , bis sein schwacher Körper unter der Last zusammenbrach . Sein Biograph schreibt : » Man darf sagen , er hatte sich im Dienst des Herrn verzehrt . « Der 17. Dezember 1761 war sein letzter Tag . Die Schmerzen nahmen zu , seine Klagen ab . Als seine Frau mit einem seiner Kinder weinend am Bette stand , sagte er mit Glaubensfreudigkeit : » Wenn du keinen anderen Kummer hast , als diesen ! « Und dann lag er still . Abends aber redete er viel , jedoch so leise , daß sich nur einzelne Liedesworte verstehen ließen . Um die sechste Stunde war er tot . Er war sanft eingeschlafen . Das Waisenhaus verlor viel und der Jammer der eben zum Konfirmandenunterricht versammelten Kinder erfüllte das Pfarrhaus . In allen Häusern der Stadt war Wehklagen . Am 22. Dezember hielt ihm sein Herzensfreund , David Gottlieb Seidel , die Leichenpredigt und sprach » von der gegründeten Hoffnung eines Lehrers , der einen lautern Sinn beweiset , wenn er auch über Macht beschwert ist . « » Über Macht « war Woltersdorf beschwert gewesen ; nun war er frei . Für seine Witwe und seine sechs Kinder sorgte der Herr , indem er Seelen erweckte , die sich ihrer Dürftigkeit annahmen . Es wurde seine Zuversicht erfüllt , die er oft aussprach , wenn er sein letztes Stück Brot mit den Armen teilte . So starb Woltersdorf , erst sechsunddreißig Jahre alt . Er hatte ein äußerlich armes , innerlich desto reicheres Leben geführt . Wie in vielem , so war er auch in der Anspruchslosigkeit und Stille seines Lebensganges , in dem Fehlen alles dessen , was man als romantisch-frappant bezeichnen kann , den Herrnhutern verwandt . Er protestiert zwar gegen diese Gemeinschaft und sagt » allen Dingen , die in Leben und Lehre dem Worte Gottes zuwider sind , bin ich von Herzen feind , weshalb ich den Plan der herrnhutischen Gemeine , wie er jetzt ist , nimmermehr werde billigen können . « Aber trotz dieses Protestes , der gewiß aufrichtig gemeint und wohlbegründet ist , ist doch unverkennbar , daß seine Dichtung unter Zinzendorfschem Einfluß heranwuchs . Er gebraucht wie dieser die starksinnlichen Reden von Turteltauben und Nachtigallen , von dem süßen Blut des Erlösers und von der Herrlichkeit seiner Blutrubinen . Er verteidigt auch diese Ausdrucksweise : » Die Herzen sollen durch die Sinne bewegt werden , und nur