diese Welt ist zu schlecht ! - Ihrem Vater hätte sie auf dem Schoose sitzen mögen , den allein liebkosen mit allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens und diese Zärtlichkeiten selbst dann wieder beweinen ... Nichts aber geschah zur Veränderung ihrer Lage ... Sie blieb verurtheilt , auch diesen Tag , auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten Entschluß nicht ausführen , konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur saß sie und dachte : So wandelt euere Wege hin ! So seid Lügner ! So leugnet nur Gott und die Treue ! So brecht euere Eide , enthüllt euere Sünden und schmückt euch noch sogar mit ihnen ! Herr , laß mich nicht sitzen , da die Spötter sitzen ! ... Wie erquickten sie die Psalmen ! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes ihrer Worte paßte nun auch auf sie ... Spät ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war , schlief sie jetzt still und fest und träumte nichts Erschreckendes ... Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ... Gewiß war es die taube Alte , die indessen im Zimmer gewesen und aufgeräumt hatte ... Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie her - ganz so , wie sie sich einen Aufenthalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm , ihr Frühstück fehlte nicht im Ofen , auf dem Tisch stand das frische Wasser , auch ein neues und ein besseres Licht - Zeichen einer noch vorauszusehenden längern Gefangenschaft ... Sie sah sich um , setzte sich dann und malte sich aus , was alles in ihrer nun schon dreitägigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein könnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Brief - heimlich und zärtlich verbunden ... Da konnte sie eines nicht fassen , was ihr heute Morgen besonders neu und wohlthuend war ... Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden , was gestern fehlte . Was nur mochte es sein ? ... Blumen ? Die dufteten nicht ... Musik ? ... Jetzt erst bemerkte sie , daß es ja ganz still um sie her war ... So in sich verloren , so an ihre Lage gewöhnt war sie schon ... Die Mühlen standen ja , die Wasser rauschten ja nicht , die Sägen schwiegen ... Was ist das ? erhob sie sich von ihrem Frühstück ... Das ist der Himmel ! Die Musik liegt in der ewigen Stille nach dem Geräusch des Lebens ! ... Unwillkürlich mußte sie die Hände falten ... Vorgestern und noch gestern hätte sie dies plötzliche Schweigen um sie her benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute , wo sie endlich wieder auch die Glocken hörte , riß sie nichts ans Fenster , drängte sie nichts dazu , um Hülfe zu rufen ... Ja selbst das Läuten des Münsters und der Jesuitenthurmglocke und der Dominicanerkirche - all diese Glocken konnte sie seit frühster Kindheit unterscheiden - alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres Innern nicht ... Sie sah in die Bibel und fand , daß dort die Psalmen und die Propheten andre Worte sprachen , als die sie jetzt sogar im Münster hätte hören können ... Zum Fenster stieg sie hinauf , nur um doch etwas von der Außenwelt zu sehen ... Es war ein bedeckter Frühlingsmorgen , Nebel verhüllten die schon hoch stehende Sonne , Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie öffnete , um die frische verheißungsreiche Luft einzuathmen ... Sie sah Menschen vorübergehen ... Niemand blickte zu den kleinen Schießscharten des Thurms empor ... Auch waren die Wände so dick , daß ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen werden konnte ... Und rufen , Hülferufen war Armgart ' s Bedürfniß nicht mehr ... Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung , flocht ihr Haar , schmückte sich so einfach , wie sie seit Jahren gewohnt war ... Die Mühlen standen immer noch still und schon berechnete sie , ob heute ein Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch ... Heute begann zu Sanct-Libori die vierzigstündige Anbetung des allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altäre der katholischen Christenheit sah sie jetzt , wie immer zur Fastenzeit , verhüllt werden , nur das Kreuz des Erlösers offen bleiben , um wenigstens für die Passionszeit allein auf diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel nachzuleben , soweit es noch zutraf ... Gegen elf Uhr hörte sie ein näher kommendes Geräusch ... Nicht vom Ofen kam es , sondern von der Thür her ... Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Thür , durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen , obgleich sie im ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrücken konnte ... Hülfebringende müssen doch wol eiliger kommen ! berechnete sie ... Draußen ging ein Schlüssel ... Die Thür öffnete sich ... Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand stützend und nur von ihrem Buch aufsehend saß sie da ... Aber unwillkürlich mußte sie sich jetzt erheben ... Hedemann kam nicht allein ... Er ließ einen Herrn und eine Dame vor sich eintreten ... Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war nicht groß , das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr erschien stattlich , frischen und gebräunten Antlitzes , den Kopf mit einer dunkeln Tuchmütze bedeckt , die ein rund gehender goldener Streifen zierte ... Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Thür stehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ... Armgart überfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu stocken ... Ein Zittern ergriff sie , als sie einen Schritt weiter wollte und den so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ... Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur