dem Diener zu gehen . Das junge , schöne , blasse Mädchen mit seelenvollen Augen , vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach : Ich heiße Olga ! Sie küßte die Hände der Gräfin ... Olga ? sagte Helene erstaunt . Olga ? Sie sind ... Das Mädchen hielt die Gräfin umschlungen und antwortete nicht . Sie sind Olga Wäsämskoi , Adelen ' s Kind - Ma chère tante ! sagte Olga schluchzend und liebkoste sie . Der Augenblick brach Helenen ' s ganzes Herz . Sie weinte mit dem Kinde . Engel ! Himmlisches Kind , rief Helene , was führt dich zu mir , zu deiner Tante , die du lieben willst ? Was ist dir ? Olga schwieg ... Du suchst Hülfe ? Olga ! Liebst du mich ? Liebst du deine Tante ? Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenen ' s. Man verfolgt dich ? Die eigne Mutter - ha , ich verstehe - ich weiß es - Siegbert Wildungen - ... Olga verhüllte ihr Angesicht an Helenen ' s Herzen . Der Hut entglitt ihr . Rafflard hob ihn auf . Helene war so gerührt , daß sie mehr über die Thränen des Kindes , als über sich selbst weinte . Rafflard , erschreckend über diese Annäherung und diese neue Gefahr für das Vermögen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter , ergriff das Wort und sagte heuchlerisch : Rudhard , Ihr Erzieher , mein Fräulein , hat die Absicht , eine Reise mit Ihnen zu machen ? Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte , sagte Helene mit überquellendem Gefühl und in ihrem eignen Schmerz die Größe des fremden Leids ermessend : Arme , liebevolle Olga ! Ich weiß Alles , Alles ! Olga , du liebst Siegbert Wildungen - die eigene Mutter gönnt dir das Glück deines jungen Herzens nicht - du sollst fort - mit den Geschwistern fort - Rudhard soll Euch entführen , damit der Mutter allein das Glück deines Lebens bleibt ... Olga bejahte Alles und schluchzte . Ha ! rief Helene begeistert . Du bleibst zurück , ich schütze dich , du bleibst ! Helene sprach diese Erklärung mit der ganzen Entschiedenheit , deren ihr Herz in leidenschaftlichen Aufwallungen fähig war . Nicht bleiben , Tante ! sagte Olga . Ich darf nicht ! Fort ! Fort ! Er ist da - Wer ist da ? Wer , wer , mein Kind ? sagte Rafflard , schmeichelnd , zudringlich , ängstlich , als Olga schwieg . Otto von Dystra ! sagte Olga tonlos . Während Rafflard hin und her combinirte und im Geiste sich schon vergegenwärtigte , daß der alte Plan , einst das Vermögen des Grafen d ' Azimont an die Kinder der Familie Wäsämskoi zu bringen , jetzt durch eine merkwürdige Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenen ' s zu diesem Kinde in vollster Entwickelung war und alle seine Hoffnungen für die alte Gräfin d ' Azimont scheiterten , besann sich Helene und sagte rasch : Otto von Dystra ! Was soll er ? Aus Amerika ! Der Sonderling ? Er ist verwachsen - der Freund des Fürsten - ein Äsop - ein Narr - was soll ' s ? Olga hauchte die Erklärung hin , daß die Mutter verlange , sie müsse sich mit Otto von Dystra verloben . Helene starrte . Gestern Abend fuhr er vor , sagte Olga . Heute sollten wir entweder mit Rudhard reisen oder ich soll mich erklären , daß ich mich mit diesem Ungeheuer verbinde ... Das war genug , um Helene d ' Azimont zu elektrisiren . Die heldenmüthige , liebesstarke , verlassene Frau , die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte , rief : Und du ? Ich floh zu dir ! Olga ! Warum zu mir ? Das Mädchen schwieg . Dann sagte sie durch Thränen lächelnd , zuversichtlich , treuherzig : Weil du lieben kannst ! Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte , stürzten auf ' s neue die Thränen aus Helenen ' s Augen . Sie umarmte stürmisch das junge Mädchen , riß ihr den Hut fort , den sie in der Hand hatte , nahm ihr den Shawl ab und sprach in äußerster Exaltation : Noch heute reisen wir ! Du bist mein , mein Kind , meine Olga ! Wir Beide sind verbunden durch den Schmerz der Liebe ! Gehen Sie , Rafflard , besorgen Sie unsre Pässe . Schicken Sie sie uns nach . Wir reisen so , wie wir hier sind ! Fort ! Fort ! Fort ! In die Welt ! Wir müssen uns retten , Mädchen , vor diesem Elend des Lebens , vor dem Frost des Winters , der sich auch an die Herzen ansetzt ! Auch Siegbert hatte den Muth nicht , dich sein zu nennen ! Entblättert sich dir schon so früh der schöne Glaube an diese Männerseelen ? Ha ! Du bist von meinem Blute , Mädchen ! Dein Herz schlägt wie meines ! Fort ! Fort ! Wir bedürfen andre , südliche Luft ! Nach Italien ! In diesem Norden erfrieren wir . Damit drängte sie Rafflard , der vernichtet dastand , hinaus . Rafflard stand noch unschlüssig und wollte verdrießlich werden . Aber Gräfin ! Was beginnen Sie ? Welche neue Verirrung ? Rafflard ! rief Helene . Kein Wort der Entgegnung ! Ich hasse Egon ! Ich bleibe meinem Gatten treu ! Desiré d ' Azimont ist ein Engel ! Olga ist meine Seele ! Olga jetzt mein Leben ! Olga , in dir find ' ich mein Glück , meinen Reichthum , meine Zukunft , mein Alles ! Ein Kind , ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen Schickals . Olga ! Laß uns die Welt sehen und unser Leid verbergen ! Ich , ohne Hoffnung für das ganze Leben , Du für Siegbert Wildungen aufblühend in meiner Pflege , wenn er dich verdient ! Ich , deine Mutter !