habe die Blouse getragen , habe den Hobel geführt , es war keine Grille . Aber , wer sagt denn , daß ich darum die Ordnung der Welt auskehren will ? Ich habe mir das Leben selber gestalten wollen : ich mochte vom Schicksal keine Gunst , die ich mir nicht erworben . Allein Das , was mir persönlich zu Nutzen kommt , wird doch nie eine Verbindlichkeit für Andre werden sollen ? Ich bin froh , auch von dieser Seite frei zu sein und von einem der fatalsten Übel nicht gepeinigt zu werden , der Behinderung durch freundschaftsberechtigte Rathgeber , vor Denen man Alles vorher erörtern und nachher rechtfertigen soll . Fühl ' aus diesen Worten nichts Kaltes , nichts Liebloses heraus ! Die Menschheit kann halbe Persönlichkeiten nicht mehr brauchen . Man muß sich ganz einsetzen und für seine Wahrheiten oder Irrthümer allein aufkommen , sagte auch die Welt : dieser Mensch ist ein Dämon . Ich schreibe dir diese Worte nach einer schlaflosen Nacht in frühester Morgenstunde . Es ist ein Abschied , Helene ! Ich kann , ich darf dich vor einem langen Zeitraume nicht wiedersehen . Kehre nach Paris zurück ! Such ' einen stillen Ort an einem italiänischen See ! Bete für mich ! Knie an einem Kreuz im Thale und bitte Gott , den Wanderer da oben auf hohem Felsenriff zu behüten ! Ich kann dich in meinem jetzigen Leben - vergib mir den kalten Ausdruck - nicht unterbringen . Versprich mir , ruhig zu scheiden . Versprich mir , wie Einem , der zum Tode geht , ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu verhindern , daß er gefaßt und seinen Henkern zum Trotze ohne Thränen sterben kann ! Ich bitte dich darum , Helene ! Es kommt eine Zeit , ich ahn ' es , wo ich wieder Liebe bedarf . Dann werd ' ich am Wege liegen , verwundet , verschmachtet und hört ' ich dann den Ton deiner Stimme , säh ' ich dann den Saum deines Kleides , wie wollt ' ich die Samariterin segnen ! Jetzt laß mich ziehen ! Dank für deine Liebe , Helene ! Lebe wohl ! Lebe glücklicher , als du durch mich geworden wärst . Bekämpfe deinen Schmerz durch deinen Stolz ! Gehöre dem Leben , das du so hold verschönern kannst ! Verlaß diese Stadt ! Es kommt eine ernste Zeit ! Was du auch von mir hörst , verzweifle nicht ganz an mir ! Lebe wohl ! Nicht auf ewig ! Aber für jetzt - Lebe wohl ! « Als Rafflard sah , daß die Gräfin entschlossen war , diesem seltsamen Briefe Gehör zu geben , als er sah , daß sie ausgerungen , ihre Rechnung nach tausend Thränen abgeschlossen hatte , wagte er nichts mehr von den alten Plänen vorzubringen . Er sah seine Hoffnungen vernichtet ! Sie werden reisen ? fragte er tonlos . Morgen in der Frühe ... Wohin , meine Gnädigste ? Ich weiß es nicht . Schreiben Sie nach Paris . Ich werde von mir hören lassen , wenn ich weiß , wo ich bleiben soll . Aber allein wollen Sie - ? Allein ! sagte Helene . Ich werde versuchen , mich zu retten ! Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Mädchen , das draußen stünde und sich nicht genannt hätte , aber die gnädige Frau zu sprechen wünsche . Jetzt nicht ! Jetzt nicht ! sagte Rafflard vorlaut . Und dann sich zur Gräfin wendend : Das Ministerium ist nicht vollständig . Man sagt jeden Augenblick , der ganze Plan könnte scheitern ... An solche Trümmer kann ich mich nicht mehr klammern , antwortete Helene gefaßter und sich zum Bedienten wendend sprach sie : Was will das junge Mädchen ? Wer ist sie ? Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck . Von ihr wußte sie , daß Egon sie bei Paulinen sah . Melanie hatte sich in Egon ' s Phantasie eingeschmeichelt . Er hatte sogar gewagt , von diesem schönen Mädchen in ihrer Gegenwart zu scherzen . Sie war zu stolz gewesen , der Eifersucht Raum zu geben . Sie hatte nur Paulinen vermieden , die ihr zweideutig vorkam . Pauline , die trägt Egon jene Freundschaft an , hatte sie sich gesagt , die er bedarf ! Das ist nichts als Bewunderung , nichts als Sklaverei , nichts als Stolz , ihn nur zu haben , zu besitzen , zu benutzen , um sich zu heben ! Oft grübelte sie , was Egon nur an Paulinen bände ! Einmal hatte Egon gesagt : Ein Geheimniß ! Welches ? hatte sie gefragt . Ach , Helene ! war Egon ' s Antwort . Das elendeste und jammervollste ! Da mochte sie nicht länger forschen , aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs . Jeden Abend , hörte sie von Heinrichson , der nicht mehr zur Geheimräthin ging , daß Melanie noch bis elf , zwölf Uhr bei der Geheimräthin , die keine großen Gesellschaften mehr gab , mit Egon zusammentraf . Und nun dachte sie : Die da jetzt zu mir kommt , ist Melanie ! Auch sie ist geopfert , auch sie ist elend ! Sie kommt , um ihre Thränen mit den meinen zu mischen ! In dem Augenblick trat aber ein kleines , verschleiertes Mädchen , das dem Diener gefolgt war , ohne Zögern herein und stürzte auf die Gräfin zu , sie zu umarmen . Wer sind Sie ? fragte diese erschreckend und trat ablehnend zurück . Es war nicht Melanie ; aber es war ein Mädchen , das weinte . Warum weinen Sie ? Kann ich Ihnen helfen ? Das junge elegant gekleidete Kind , in schwarzer Seide , weißem Hute und feinem türkischen Shawl schlug den Schleier zurück . Die Gräfin kannte sie nicht . Auch Rafflard nicht . Wer sind Sie , mein Kind ? Sie sind unglücklich ! Was haben Sie ? Rafflard winkte