' mal heiraten , so war es hohe Zeit . Er rechnete nach , wie alt er mittlerweile geworden . Wahrhaftig — so nah ' den Vierzig ! — — — Also — darüber war er sich jetzt klar — Agathe gehörte einfach zu den Mädchen , die man nicht im Ballsaal sehen darf . Dazu waren die Farben ihres Wesens viel zu fein . Natürlich wirkte sie ungefähr so , wie ein intimes Aquarell in einer weitläufigen Jahres-Ausstellung . Verrückt von den lieben Eltern — das Hinschleppen der armen Dinger an Orte , wo ihre Gegenwart einfach verfehlt ist . In kleinem Kreise — in der freien Luft — an so einem netten Kaffeetisch , wie er ihn im Grasgarten hinter seiner Dienstwohnung hatte herrichten lassen — da war sie lieb und fraulich in dem hübschen lichtblauen Kleidchen . Zum Teufel — man sah doch seine Frau öfter am Kaffeetisch als im Ballsaal . Dem Maler damals hatte sie auch gefallen . Sie würde seinem Geschmack keine Schande machen . Das war sehr wichtig . Es wäre vielleicht gar nicht dumm von ihm . . — Landrat Raikendorf zeigte den Damen die schönen geschnitzten alten Schränke , die zum Inventar der Wohnung gehörten , die Menge leerer Zimmer — ein wenig niedrig aber von herrschaftlichem Ansehen . Das Haus lag dicht am Thor der kleinen Stadt , mit dem Blick auf einen grünen Wiesenplan , wo im Herbst das Sedanfest gefeiert wurde . “ Hier können Sie sich doch ein reizendes Heim gründen , ” bemerkte Frau Heidling . “ Ja — gnädige Frau — so ein alter Junggeselle , wer wird sich dessen noch erbarmen ? ” “ — Glauben Sie mir , man sehnt sich manchmal recht nach einem lieben Verständnis . . . ” Das wurde ein wenig später zu Agathe gesprochen — ” prophezeien Sie mir einmal : Können Sie sich vorstellen , daß ein junges , hübsches , kluges Mädchen , so einen alten , kahlen Kerl . . . was ? Hat nicht viel Aussicht ? ” “ Thun Sie doch nicht so bescheiden , im Grunde sind Sie ja schrecklich eingebildet . ” “ Agathe , Kind , komm einmal her . ” “ Mama — was möchtest Du ? ” “ Nimm das Tuch um , es war mir vorhin , als würde es kühl . ” Zu den Müttern , die ihre Töchter zu verheiraten verstehen , gehörte Mama Heidling nicht . Sie wünschte es ja so sehr , aber die Erregung machte sie ungeschickt . Der Landrat fand , es sei vernünftig , sich die Sache noch einmal zu überlegen . Er küßte Agathe beim Abschied die Hand . Als sie schon im Eisenbahnwagen saß , sprang er auf das Trittbrett , um die dünnen weichen Fingerchen noch einmal zu umschließen . “ Ein schöner Tag , ” sagten die Eltern befriedigt und waren zärtlich gegen Agathe . Im Sommersonnenschein — Sieg über ein kühles , müdes Männerherz . Ja — Sieg . . . . Und untreu allem , was heilig , recht und gut ihr schien . . . . Das klare , reine Ideal verleugnet ! Fehler und Lichter ihres Ich bewußt zu dem Zwecke betrachtet : was läßt sich damit unternehmen ? Aus Erfahrung und Beobachtung ein Vorbild zusammengefügt und sich danach gerichtet — ihre Rolle durchgeführt ! Das Gemeinste , dessen ein Mädchen sich in ihren Augen schuldig machen konnte , war gethan — von ihr selbst . Sie wollte ihn heiraten — den sie nicht liebte . Und gerade der Mann mußte es sein , der auf jenem ersten Ball ihr die unvergessene Demütigung angethan und ihr den Vorgeschmack gegeben hatte von dem gallenbitteren Trank ihrer Jugend . So also wurden Männer gewonnen ? So einfach war es ? Nur ein Rechenexempel ? Und sie hatte vierundzwanzig Jahr alt werden müssen , um das zu lernen ? Nicht weiter so — nein — nicht wiederholen . . . Brennende Verachtung — ein wunder , blutender Haß — resignierte Freude . . . . . Und ganz im nächtlichsten Dunkel der Gefühle kauernd , das zitternde , gierige Verlangen , sich an dem Gewonnenen zu berauschen . Ja — ein schöner Tag . Hatte sich Agathe früher die Ehe unter dem Bilde eines jungen Paares vorgestellt , das Schulter an Schulter gelehnt , von den lilienweißen Wolken des bräutlichen Schleiers umhüllt in einen dunklen Park hinausblickt — jetzt sah sie , sobald sie an ihre mögliche Heirat mit Raikendorf dachte , zuerst den Kaffeetisch im sonnigen Garten der Landratswohnung vor sich . Auch die geschnitzten Schränke beschäftigten ihre Phantasie . Sie schloß sie mit den großen , geschnörkelten Schlüsseln auf , legte Stöße von Leinenzeug hinein und Säckchen und Büchsen mit Kaffee und Zucker . Die vielen leeren Zimmer in dem schönen alten Hause mußten möbliert werden . Der Salon mit seiner dunklen Holztäfelung — dazu würden weinrote Tuchportièren einen herrlichen Eindruck machen — in der tiefen Fensternische einen Sessel mit Greifenköpfen und weichen braunen Lederkissen , wie im Atelier von Woszenski . Ob sie Raikendorf von Lutz sagen mußte ? Verglich sie beide , dann wurde ihr sehr bange . Als sie Lutz liebte , hatte sie niemals an Einrichtung und an das Mieten einer Köchin gedacht . Nachdem sie Raikendorf noch zweimal wiedergesehen hatte und erkannte , daß er ernsthaft um sie warb , verglich sie nicht mehr . Ihre exaltierten Schmerzen legten sich zur Ruhe . Wie gut es that , so friedlich und vertrauensvoll zu fühlen . Daß ein wenig Resignation dabei war , versöhnte vielleicht den Neid der Götter . Übrigens glaubte sie ja auch nicht an Götter , sondern an einen lieben Vater im Himmel . Ein verständiges Glück würde er ihr am Ende eher gönnen , als die ausschweifende , wilde , unsinnige Seligkeit , die sie einmal von ihm verlangte . Den kahlen Kopf , die müden farblosen Augen des Landrats , seinen goldenen Kneifer und