er die Zusage eines Besuches erhielt . Er nahm natürlich sofort Urlaub , um den Damen bei diesem Herbstaufenthalt Gesellschaft zu leisten , und auch der Oberst machte sich auf kurze Zeit von den Pflichten seines Dienstes frei . Die Sache war also angeknüpft , und man beschloß , das Weitere den jungen Leuten selbst zu überlassen . Der Freiherr , dem die Einladung gleichfalls galt , hatte sich mit der Ueberhäufung von Geschäften und der Nothwendigkeit entschuldigt , bei der fortgesetzt unruhigen Stimmung , die in der Stadt herrschte , auf seinem Posten zu bleiben . Die Damen reisten also allein ab , und Gabriele athmete auf , als der Wagen aus dem Portal des Regierungsgebäudes rollte . Sie hatte unter den Erlebnissen der letzten Wochen am schwersten gelitten , und doch hatte Raven Wort gehalten ; kein Blick , kein Laut erinnerte sie mehr an jenen „ unbewachten Augenblick “ , den sie vergessen sollte , wie er ihn vergessen zu haben schien . Er nannte den Namen Georg Winterfeld ’ s nicht wieder seit dem Tage , wo er dem jungen Mädchen ankündigte , daß der Assessor R. verlassen habe , um seine Stellung in der Residenz anzutreten , doch der Freiherr selbst war seitdem noch verschlossener und unzugänglicher , als sonst . Er beherrschte und leitete Alles mit gewohnter Energie , aber zwischen ihm und Gabriele schien sich eine endlose Kluft aufgethan zu haben , die jede Möglichkeit der Annäherung oder Versöhnung ausschloß . Es lag eine Eiseskälte in seinem Benehmen gegen sie , und sie griff mit einer förmlichen Hast nach dem Vorschlage der Mutter , nur um auf kurze Zeit einem Zusammenleben zu entgehen , das mit jedem Tage unerträglicher wurde . Auch Raven schien die Trennung zu wünschen , denn er hatte nichts gegen den Ausflug einzuwenden und gab sofort seine Einwilligung , als die Baronin ihn auf volle vierzehn Tage ausdehnte . Es war am letzten Tage dieses Aufenthaltes , als der Gouverneur nach dem Wilten ’ schen Landsitze hinausfuhr , um die Damen abzuholen . Die Baronin hatte sich eine Erkältung zugezogen und wagte es nicht , bei der ziemlich rauhen Witterung eine Fahrt von mehreren Stunden zu unternehmen . Sie wollte erst am nächsten Tage in Begleitung des Obersten und seiner Gattin nach der Stadt zurückkehren während Gabriele den Vormund schon heute zurückbegleiten sollte . Raven , der in den Vormittagsstunden gekommen war , wollte gleich nach Tische wieder fort , und Oberst Wilten bemühte sich vergeblich , ihn gleichfalls zum Bleiben zu bewegen . „ Ich kann nicht , “ sagte der Freiherr , während Beide , im Gespräch begriffen , im Gartensalon auf und nieder schritten . „ Ich darf unter den jetzigen Umständen die Stadt nicht auf länger als höchstens einige Stunden verlassen und habe selbst für diese kurze Abwesenheit Anordnungen getroffen , um sofort erreichbar zu sein , wenn irgend etwas vorfällt . “ „ Ist die Lage so bedrohlich ? “ fragte der Oberst , der seit acht Tagen auf seinem Gute war . „ Bedrohlich ? “ Raven zuckte die Achseln . „ Man schreit und lärmt noch ärger als sonst und giebt mir durch gelegentliche Krawalle das Mißfallen der guten Stadt R. an meiner Person und meinem Regiment hinreichend zu erkennen . Ich habe einige der ärgsten Schreier , die in offener Versammlung die Nothwendigkeit meiner Absetzung decretirten , ergreifen und dingfest machen lassen , und darüber giebt es nun Empörung an allen Ecken und Enden . Der Bürgermeister war selbst bei mir , um im Namen der Gerechtigkeit die Freilassung der Verhafteten zu verlangen . Ich war genötigt , dem Herrn bemerklich zu machen , daß meine Geduld jetzt erschöpft sei , und daß ich in anderer Weise eingreifen werde , als es bisher geschehen ist . “ Die Worte verrieten trotz ihres sarkastischen Anfluges doch eine tiefe Gereiztheit , auch Wilten war ernst geworden . „ Es gährt schon seit Monaten , “ bemerkte er . „ Wenn der drohende Ausbruch bisher vermieden wurde , so danken wir das nur dem äußerst taktvollen Benehmen des Polizeidirectors . “ „ Er und seine Beamten werden aber der wachsenden Aufregung nachgerade machtlos gegenüber stehen ; der Polizeidirector liebt viel zu sehr die halben Maßregeln , als daß ich mich ernstlich auf ihn verlassen könnte . Was ich auch befehlen und anordnen mag , ich finde stets ein gefügiges Entgegenkommen , aber sobald es sich um die Ausführung handelt , giebt es Hindernisse und Zögerungen ohne Ende , und wir kommen nicht von der Stelle . – Es ist mir lieb , daß Sie morgen ohnehin nach der Stadt zurückkehren ; ich hätte Sie sonst ersucht , Ihren Urlaub abzukürzen . Sie sind Commandant der Garnison , und ich weiß nicht , ob und wie bald ich das Militär brauchen werde . “ „ Excellenz , das sollten Sie lieber vermeiden , “ sagte der Oberst eindringlich . „ Das sind Gewaltschritte , die nicht mehr zurück gethan werden können , und Sie wissen , meine Instructionen – “ „ Weisen Sie an , die Garnison zu meiner Verfügung zu stellen ! “ fiel der Freiherr ein . „ Nein , sie weisen mich nur an , Ihnen im äußersten Nothfalle meine Unterstützung zu leihen , “ entgegnete der Oberst , gereizt durch den herrischen Ton , „ und man wünscht beim Armeecommando ernstlich , daß dieser Fall vermieden werde . Es läßt sich da wirklich kaum eine Grenze ziehen , wo Ihre Verantwortung aufhört und wo die meinige beginnt . Ich würde Bedenken tragen , jetzt schon das Militär eingreifen zu lassen . “ „ Das ist natürlich , “ sagte Raven kurz . „ Sie sind Soldat und gewohnt , sich der Disciplin zu beugen ; ich habe mir von jeher in meiner Stellung die Freiheit und Unabhängigkeit des Handelns gewahrt . Seien Sie indeß überzeugt , daß ich thun werde , was in meinen Kräften steht , um Ihnen das Bedenken