vor der Klosterpforte , das glänzende Geldstück , das er der kleinen barfüßigen Botin gereicht , arbeiteten in ihrer frommen Einbildungskraft . Dies alles hatte sie , der Himmel weiß durch welche Gedankenverknüpfungen , bewogen , dem Fräulein unverzüglich einen nächtlichen Besuch abzustatten und diese Ereignisse haarklein zu erzählen . Der Oberst war , meinte sie , wie ein von Gewissensbissen gefolterter Kain um die Mauern der heiligen Zufluchtsstätte geirrt . Sie würde lobpreisen und anbeten , aber nicht erstaunen , wenn Gott hier ein großes Wunder vorbereitete , um diesen wütenden Feind des christkatholischen Glaubens , den Ketzern zum beschämenden Zeichen , in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen . Da Lucretia nach ihrer stillen Weise nur mit einem traurigen Lächeln darauf antwortete , fuhr die fromme Schwester mit steigendem Eifer fort : » Bleibet , liebe Tochter , nicht kalt und ungläubig vor der glückseligen Aussicht auf die mögliche Bekehrung eines so gewaltigen Sünders ! Betet lieber , daß dies Unerhörte geschehe ! Denn Euer Gebet , Fräulein Lucretia , die Ihr den blutigen Mann nach dem natürlichen Menschen hassen und verabscheuen müßt , wäre allerdings bei den Heiligen besonders wirksam und ihnen als ein schmerzliches Opfer vorzüglich angenehm . Noch kräftiger wäre es freilich , wenn Ihr dieses Gebet als verlobte Braut Gottes mit einem durch das dreifache Gelübde von allen weltlichen Erinnerungen gelösten Herzen darbringen könntet . « Schwester Perpetua sagte dies mit einem tiefen Seufzer und machte sich in Erwartung einer Antwort , die ausblieb , mit dem Feuer zu schaffen . Ach , ihr war nicht entgangen , daß der klösterliche Beruf Lucretias , an den sie unentwegt glaubte , dieser noch immer nicht klargeworden , ja seit die Verwaiste in ihr väterliches Haus eingezogen , ihr wieder mehr in die Ferne gerückt war . Sie stand allein unter dem in diesen kriegerischen Zeitläuften verwilderten Schloßgesinde und den verarmten , über die französische Bedrückung tägliche Klagen vor ihr Ohr bringenden Dorfleuten . Und diese Einsamkeit tat ihr offenbar nicht wohl . Da war Lucas , der rachsüchtige Graubart , der das schwarze Kreuz an der Mordmauer nicht erblassen ließ , und der das immer scharf gehaltene Todesbeil wie eine Reliquie in einer wurmstichigen Eichentruhe sorgfältig verwahrt hielt . Das Fräulein mußte , fürchtete die Schwester , immer tiefer in sich selbst und die ihr Gemüt von allen Seiten umrankenden , jeden neuen Lebenskeim erstickenden Erinnerungen versinken . Sie konnte den Riß nicht überwinden , der Altes und Neues für sie trennte . Sie lebte wenig in der Wirklichkeit , sondern verkehrte im Geiste mit ihrem toten Vater , von dessen Gemütsart sie viel geerbt hatte , und dem sie mit jedem Jahre in auffallender Weise auch in ihrem Aussehen ähnlicher wurde . Es war dieselbe Pracht der Gestalt , dieselbe stolze Haltung . Ihr Ohm , der Freiherr Rudolf , war in der Verbannung gestorben und sie hatte außer seinem niedrig gesinnten und eigennützigen Sohne keine nähern Sippen . Eine Verwandte ihrer Mutter lebte noch in Chur , und sie pflegte sie zu besuchen ; aber diese Gräfin Travers war durch schwere Schicksale und ein überlanges Leben versteinert und wenn auch gut katholisch , kaum mehr als ein stumpfes Echo längst verschollener Tage . Daß Lucretia mit den Juvalta auf Fürstenau und dem auf den andern Nachbarschlössern sitzenden Adel keinen Umgang pflog , das freilich konnte ihr Perpetua unmöglich verdenken , denn jene alle waren Protestanten und gehörten zu der französischen Partei . So war Lucretia völlig allein , warum denn verließ sie ihren düstern einsamen Pfad nicht ? Warum trat sie nicht in die Gemeinschaft der demütigen Töchter des heiligen Dominikus ? Während die Schwester dergestalt diesen ihren Lieblingsgedankengang durcheilte , drehte Lucretia schweigend ihre Spindel und verfolgte einen andern . Sie fragte ihr Herz , wie es denn möglich sei , daß Jürg in seiner wildesten blutigsten Zeit ihrem Gefühle und Verständnisse weniger fremd gewesen , als jetzt , da er in den Räten des Landes und im Heergefolge des französischen Herzogs unter die Geachteten und Angesehenen zählte . Zweimal seit ihrer Heimkehr hatte sie Georg , wenn sie zu Besuch bei ihrer Muhme in Chur war , von ferne erblickt . Eines Abends stand sie neben dem Lehnstuhle der alten Dame und schaute durch das eiserne Laubwerk am Gitterkorbe des Fensters , während der Sonnenschein gradweise das Pflaster des Platzes verließ und nur noch auf dem sprudelnden Wasser des Marktbrunnens blitzte . Der Oberst schritt längs der gegenüberstehenden Häuserreihe auf und nieder an der Seite einer gravitätischen Magistratsperson , die jedes Wort , das von seinen Lippen fiel , mit begieriger Aufmerksamkeit anhörte und seine Aussprüche mit beistimmendem Kopfnicken begleitete . Es schien sich um einen schweren Rechtsfall zu handeln . Ein andermal umgab den Obersten ein Kreis französischer Edelleute , mit denen er nach der Mittagstafel in schneller , lustiger Scherzrede sich erging . – Immer aber klang es so hell von seinem Munde und leuchtete es so geistvoll von seiner Stirn , daß er als einer jener seltenen Günstlinge des Glückes erschien , die sich alle Wege des Erfolges zu öffnen und zu ebnen wissen und die das Vergangene und Unabänderliche wie eine lästige Fessel abwerfen . Ich weiß es jetzt – gestand sie sich – dieser Freund von jedermann ist nicht der Jürg mehr , den ich liebte – nicht der scheu verwegene Knabe mit den dunkeln verschwiegenen Augen , der mein Beschützer war – nicht der zornig Dahinbrausende , der mein Glück wie ein die Ufer zerreißender Wildbach in Trümmer warf – nicht der Mann , gegen den ich in meinen Racheträumen die Hand erhob – nicht der Traute , den ich nach Jahren des Jammers auf dem Bernhardin wiederzuerkennen glaubte und in die Arme schloß – nein ! es ist ein weltgewandter Höfling , ein berechnender Staatsmann aus ihm geworden ... Er will sich von mir scheiden und loskaufen , darum gab er mir mein Riedberg wieder . Er scheut mich wie einen Vorwurf , er