Gemäuers bemächtigten . Da standen die zwei ins Horn stoßenden Edelknaben zu beiden Seiten der Treppe , wie die im hundertjährigen Schlaf erstarrten Gestalten des Märchens ; die grünen Schlangen umstrickten die schlanken Glieder und ließen ihre riesigen Blätter von den steinernen Schultern flattern . Bis hinauf über die Turmzinnen krochen sie , um mutwillig in das uralte Dohlengeniste zu gucken , und streckten sich von dort aus begehrlich nach den Eichenwipfeln – es sah aus , als sollten allmählich Wald und Haus und der springende Wasserstrahl in eine grüne Dämmerung zusammengesponnen werden . Die Fenster jedoch hatten sich der gefährlichen Umarmung entzogen – der neue Besitzer schien Luft und Licht zu lieben . Statt der erblindeten , in Blei gefaßten runden Glastafeln umschloß der steinerne Fensterrahmen jetzt große Spiegelscheiben ; durch sie fiel das Licht von zwei Seiten in die Halle , deren beide sich gegenüberliegende Türen weit zurückgeschlagen waren . Der schönen Frau kam auch nicht das leiseste Gefühl der Wehmut , als ihre Blicke über die mit Holztapeten bekleideten Wände hinglitten , die Jahrhunderte hindurch die Ahnenbilder der Zweiflingen auf ihrer Fläche getragen hatten ; hatte sie doch mit froher Hast die Erlaubnis zum Verkauf des » alten Nestes « gegeben , und der Erlös – das ganze Erbteil der letzten Zweiflingen – war gerade hinreichend gewesen , zwei brillante Pariser Hoftoiletten zu bezahlen . Auf den Steinfliesen der Halle lagen Tiger- und Bärenfelle ; schwere , ziemlich derb gearbeitete Stühle und Tische von Eichenholz standen gruppenweise in der Mitte und in den vier Ecken , und an der Decke hing ein prachtvoller , aus Waffen zusammengesetzter Kronleuchter . Verweichlicht schien der neue Bewohner nicht zu sein ; da sah man weder Polster noch Vorhänge , und auch nicht eine Spur jener zierlichen Nippes und Gerätschaften ohne Zweck , mit denen sich die jungen Herren unserer Tage umgeben – wohl aber bezeugten die am Boden liegenden Tierfelle und eine auserlesene Waffensammlung an der südlichen Wand , daß der Mann es liebe , seine Kraft im Kampfe mit den grimmigsten Feinden des Menschen zu erproben . Auf der Terrasse stand ein gedeckter Tisch , und das sämtliche darauf befindliche Trinkgerät bestand aus gediegenem Silber , das erkannte das geübte und verwöhnte Auge der vornehmen Dame sofort . Der Herr des Hauses hatte ohne Zweifel hier gefrühstückt , in diesem Augenblick jedoch stand sein Stuhl leer , und diese Abwesenheit nutzte ein Papagei weidlich aus , indem er das liegengebliebene Weißbrot auf dem Tisch umherzerrte . Nach jedem Bissen , der ihm vortrefflich zu schmecken schien , schrie er aus Leibeskräften : » Rache ist süß ! « , lief auch wohl bis an den Rand des Tisches , so weit seine Kette reichte , und belferte nach einem der steinernen Edelknaben , auf dessen Schulter ein allerliebstes Löwenäffchen kauerte – es saß bewegungslos und starrte melancholisch in den deutschen Wald hinein . Plötzlich fuhr die lauschende Dame auf , und ein finsterer , gehässiger Zug entstellte die feinen Lippen – wie kam der widerwärtige Mensch hierher ? ... Mußten denn das Waldhaus und diese verhaßte Erscheinung immer und ewig miteinander verknüpft sein ? ... Es war der alte Sievert , der aus der Halle trat . Auch ihn hatte die Baronin nicht wiedergesehen ... Das war noch dasselbe dunkle Gesicht mit den harten , grob zugehauenen Zügen , das einst so frech gewesen war , der unwiderstehlichen Jutta von Zweiflingen stets und immer eine unerbittliche Strenge entgegenzuhalten – aber gealtert hatte der Mann nicht , und jetzt , wo ein Sonnenstrahl über seinen Kopf hinlief , sah man die helle , frische Röte einer gekräftigten Gesundheit auf seinen Wangen leuchten . Er schalt den Papagei und klopfte ihn mit einem silbernen Löffel auf den Rücken , worauf sich das Tier schreiend aus dem Staube machte und schleunigst auf seinen Ring zurückkletterte . Der alte Soldat räumte das Geschirr zusammen , nahm einige auf den Stühlen umherliegende aufgeschlagene Bücher , um sie sorgfältig auf dem Tisch zu ordnen , rückte einen Zigarrenkasten daneben und trat dann , die Platte mit dem Silber auf dem Arm , in die Halle zurück . Dieser Anblick genügte , um der schönen Frau sofort eine Flut verhaßter Erinnerungen aufzudrängen ... Der schreckliche Mensch dort hatte sie einst gezwungen , hier und da den schwarzen Kochtopf in die Hand zu nehmen , in die Hand , die jetzt den Ehering des mächtigsten Mannes im Lande trug – der Gedanke , daß diese weißen Finger ein Verbrechen begangen hätten , hätte die Dame nicht mehr aufregen können , als die Erinnerung an die schändenden Rußflecken ... Ferner hatte sie recht gut gewußt , daß der alte Soldat zu Ende des Quartals stets den Unterhalt für sie und ihre Mutter aus seiner Tasche bestritten hatte – die Baronin Fleury , Exzellenz , hatte somit Bettelbrot gegessen ; und dort in dem Turmzimmer . war die alte , blinde , eigensinnige Frau gestorben mit den furchtbarsten Anklagen auf den Lippen gegen den , dessen Namen die Tochter jetzt führte ; auf jener Terrasse aber hatte einst in einer lauen Sommernacht ein Mann gestanden , der hohe , schöne Mann mit dem prächtigen blonden Vollbart , dem schweigsamen Mund und melancholischen Gesicht , und an seine Brust hatte sich ein junges Mädchen geschmiegt , auf seinen ungestümen Herzschlag lauschend ; über die Waldwipfel aber war der Mond gekommen , groß und voll , und das junge Mädchen hatte geschworen , geschworen – die Frau hinter dem Strauch fuhr in die Höhe wie von Furien aufgejagt – fort , fort ! ... Welcher dämonisch-heimtückische Zug hatte sie hierher geführt ! ... Ihr verfinstertes Gesicht war totenbleich geworden , aber nicht unter den Schmerzen furchtloser Reue – das war Grimm , unauslöschlicher Haß , mit dem die schwarzen Augen noch einmal zurückblickten nach dem unseligen Hause , das die letzte Zweiflingen so » entwürdigt , kindisch und töricht « gesehen hatte – und doch haftete ihr flüchtiger Fuß plötzlich wieder