Agnes Franz – « bestätigte sie – ihr Blick suchte den Boden , und das Blut wallte ihr nach dem Gesicht – , » die Erzieherin , « setzte sie mit festem , geschärftem Ton hinzu ; sie sah auf , und ihre Augen flimmerten in einem sichtbaren Kampf zwischen Befangenheit und feindseligem Trotz . Er bemerkte das nicht , er war sehr unbefangen . An der Tür stehen bleibend , sagte er wie zu seiner Entschuldigung : » Es ist nicht meine Absicht , den Ausbruch des Gewitters hier abzuwarten – das Naßwerden darf mich nicht schrecken , denn es ist sehr möglich , daß ich , wie ich da bin , schon im nächsten Augenblick hinaus muß , um stundenweit zu gehen ... Ich suche ein junges Mädchen , eine barmherzige Schwester , die mir gestern den Verband da angelegt hat « – er zeigte nach seiner Rechten . – » Der Herr Amtmann sagt , das Mädchen sei fort , fort auf Nimmerwiederkehr – ist das wahr , Fräulein Franz ? Ist sie fort ? « Sie wich seinem ernsthaften , durchdringenden Blick aus und antwortete unsicher : » Ihre Hilfe und Tätigkeit wurde nicht mehr gebraucht – Sie selbst haben ja einen Ersatz für sie beschafft – « » Und da ist sie gegangen , ohne sich zu erinnern , daß sie ein gegebenes Wort einzulösen hat ? ... Sie sagte gestern : › Ich komme morgen wieder , um nachzusehen ‹ – Sie müssen wissen , daß das für mich so gut wie Manneswort war , so unantastbar wie ein Evangelium . – Nun wohl , ich habe geduldig gewartet . Ich habe stundenlang in die zitternde Nachmittagsglut hinausgestarrt , immer hoffend , einmal müsse doch das Mädchen im Arbeitsrock , mit dem weißen Tuch über dem Kopf , um die Waldecke kommen . Ich habe den Verband da nicht berührt , aus Besorgnis , er könne sich lockern und mir den Tadel der barmherzigen Samariterin zuziehen . Nun ist sie fort , in die weite Welt , als habe sie der Wind für immer weggeweht , sagt der Herr Amtmann – was fange ich an ? – « » Erlauben Sie , daß ich das gegebene Wort einlöse , « sagte sie , die Hand nach seiner Rechten ausstreckend , und ein scheuer , fast lächelnder Blick streifte sein Gesicht – er verzog keine Miene . » Ich danke , « versetzte er zurückweichend . » Das kann ich nicht annehmen . Der Verband bleibt wie er ist , bis ich meinen lieben Heilgehilfen gefunden habe . Ich sagte Ihnen schon , daß ich ihm nachgehen würde , und hoffe zuversichtlich , Sie werden menschenfreundlich genug sein , mir einen Fingerzeig zu geben , wie ich seiner habhaft werden kann – « » Nein – das werde ich niemals ! « unterbrach sie ihn schroff und wandte sich ab . » Aber das ist hart und unchristlich und häßlich parteiisch ! ... Was hat denn der fremde Bettler drüben auf dem Krankenlager mir voraus , daß er sorgsam gepflegt wird , während Sie mir die Auskunft verweigern , die mir Heilung bringen soll ? « Sie wurde ganz blaß und drückte unhörbar die Tür zu , die bisher nur angelehnt gewesen war . » Jawohl , ein Bettler , « sagte sie mit umflortem Blick , » ein Mensch , dem nicht einmal das Kopfkissen gehört , auf welchem er seine Todeskrankheit durchgemacht hat . – Es ist bitter , über das weite Meer , durch tausend Gefahren und Strapazen dem Golde nachgegangen zu sein , um schließlich , zum Sterben erschöpft , arm wie Hiob , an der heimischen Schwelle zusammenzubrechen ... Für sein Mütterchen hat er draußen arbeiten und einheimsen wollen . Er hat gewußt , daß ein Tag kommen mußte , wo sie aus Glanz und Wohlleben in die bitterste Not hinabgestoßen werden würde , und da hat er sich losgerissen , als er glaubte , es sei noch Zeit , vorzubeugen ... Ein anderer wäre vielleicht mit dem Scheitern seiner Pläne für die Seinen verschollen – das hat er nicht gekonnt – die Sehnsucht nach der alten Frau hat ihn gleichsam mit dem Zwangspaß nach Hause gejagt . Und nun muß er hier , keine tausend Schritt von ihrem Siechbett entfernt , unfreiwillig Halt machen – « » Ist es der , auf dessen Zurückkunft der Amtmann hofft , wie die Juden auf den Messias ? « unterbrach sie der Gutsherr ahnungsvoll , mit zurückgehaltenem Atem . Sie neigte schweigend und bejahend den Kopf . Er fühlte sich tief erschüttert . – Das war also der » Nabob « ? – Eben noch hatte der alte Mann in seinen vermessenen Einbildungen sich und seinen Sohn » Regierende von Goldes Gnaden « genannt ; er war stolz auf sein » großartiges Programm « gewesen , das mit dem kalifornischen Golde urplötzlich eine Wüstenei in eine Art Schlaraffenreich verwandeln sollte ... Und durfte man sich auch sagen , daß der eingefleischte Renommist an seine kühnen Hoffnungsbilder selbst nicht allzufest glaube , so blieb es doch herzbewegend genug , zu wissen , daß » der Strolch mit dem polizeiwidrigen Bart « , dem er einen Zehrpfennig und ein Stück Bettelbrot vor das Hoftor geschickt hatte , sein eigen Fleisch und Blut , sein » Goldjunge « gewesen war ... Und inmitten dieses Familiendramas stand ein Mädchen , mutig und klug , und in Kindestreue gleichsam die feindlichen Speere mit starken Armen zusammenfassend und in die eigene Brust drückend ... Sie hatte alles auf sich genommen , den furchtbaren Druck harter Arbeit , die Sorge um das tägliche Brot , die Pflege der zwei hilflosen Alten – und nun lag hier noch einer , dessen Heimkehr sie verbergen mußte ; nur verstohlen hatte sie zu ihm schleichen dürfen . Mit welch herzklopfender Angst mochte sie wohl des Nachts das Vorwerk verlassen haben , um hier zu wachen ! Und bei diesem Liebeswerk war sie