„ Oheim , “ sagte Ernestine erschrocken und bestimmt . „ Geh hinein und sieh nach , ob es gar die Frau Staatsrätin selbst ist , — wenn das wäre , bliebe ich hier draußen . “ In diesem Augenblick wurde die kleine Angelika am Parterrefenster sichtbar und rief vergnügt ihren Namen . Nun konnte Ernestine nicht anders , sie mußte hinein und da stand zu ihrem größten Schreck die ma ­ jestätische Gestalt der Staatsrätin vor ihr . — Sie begrüßte den sich tief verbeugenden Leuthold mit einem leichten Neigen des Kopfes und reichte Ernestinen die Hand . „ Du wolltest mich bisher nicht sehen , mein Kind , ich habe Dir wohl ohne Wissen und Wollen etwas zu Leide getan ? “ Ernestine schwieg in peinlichster Verlegenheit . Wenn sie auch hätte sagen wollen , was ihr die freund ­ liche Frau getan — sie hätte es nicht gekonnt , denn sie wußte es ja selbst nicht ; das unerfahrene Kind konnte nicht ahnen , daß es das Gefühl der Beschämung über die eigene Unzulänglichkeit einer solchen Frau gegenüber war , das ihm diese Scheu vor ihr einflößte . Das Auge der Staatsrätin ruhte mit mitleidi ­ gem Ernst auf der schattenhaften Erscheinung , sie strich mit der Hand über die neugewachsenen schwar ­ zen Locken der Kleinen und wandte sich dann an Leuthold , während Angelika , eine große Puppe auf dem Arm , Ernestine in eine Fensternische zog . „ Ich habe Sie aufgesucht , Herr Doktor , um so schnell als möglich ein dringendes Geschäft mit Ihnen zu besprechen ! “ „ Gnädige Frau , “ sagte Leuthold , sich verneigend , „ ich fühle mich unendlich geehrt ! Darf ich Ihnen einen dieser schlechten Stühle anbieten oder würden Sie geruhen , sich mit mir in meine Gemächer hinauf zu bemühen , wo ich Sie , wenn auch nicht Ihrer wür ­ dig , doch würdiger , als hier , empfangen könnte ? “ Die Staatsrätin blickte nach den Kindern . „ Ich wünschte Sie einige Augenblicke allein zu sprechen , Herr Doktor . “ „ Nun dann bitte ich die gnädige Frau , mir gü ­ tigst vorauszugehen . “ Damit öffnete Leuthold die Tür , um die Staatsrätin hinaufzugeleiten . „ Angelika , “ rief sie der Kleinen zu , „ bleibe bei Ernestinen , bis ich wiederkomme . “ Sie stieg nun mit Leuthold die Treppen hinan und als sie , oben angekommen , sich auf das Sofa niederließ und die behagliche hübsche Einrichtung des Zimmers überblickte , die musterhafte Ordnung und Reinlichkeit , als sie auf dem Tisch vor sich eine Menge Schulhefte mit der Aufschrift : Ernestine v. Hartwich liegen sah , — da überkam sie unwillkürlich eine Art von Zutrauen zu dem feinen ernsten Mann , der sie mit so viel Anstand empfangen hatte . Sie musterte ihn mit dem Kennerblick einer erfahrenen Frau von Stand . Sein Benehmen war in der Form tadellos und seine regelmäßigen Züge trugen das Gepräge eines ungewöhnlichen Verstandes . Die Staatsrätin , wie erfahren und vorsichtig sie auch sein mochte , war doch zu sehr Weib , als daß das Ästhetische in Leutholds Erscheinung sie nicht hätte bestechen und geneigt machen sollen , Heims Urteil über ihn für zu hart zu halten . Die Staatsrätin gehörte nicht zu den Frauen , denen eine schmale Hand mit wohlgepflegten Nägeln Achtung einflößen kann , aber die sorgfältige Ordnung , die sich an Leutholds Person wie in seiner Einrichtung zeigte , tat ihrem weiblichen Auge wohl . „ Ich wundere mich über die Pünktlichkeit , welche ich hier sehe , Herr Doktor , “ begann sie , als Leuthold sich ihr gegenüber gesetzt hatte , — „ da Sie doch , wie ich hörte , jetzt der ordnenden Hand einer Gattin ent ­ behren . “ „ Ja , gnädigste Frau , ich bin leider allein , doch ist mir ein gewisser Sinn für derlei Äußerlichkeiten nur vielleicht in zu hohem Grade eigen und ich verwende deshalb mehr Sorgfalt darauf , als sich wohl für einen Mann schickt . “ „ Bleibt Ihre Frau Gemahlin lange fort ? “ fragte die Staatsrätin prüfend . Über Leutholds Miene verbreitete sich ein Schat ­ ten . „ Ich fürchte : Ja , gnädigste Frau ! Die Unglück ­ liche besaß nicht Liebe für mich und unser Kind ge ­ nug , um sich den Entbehrungen zu unterwerfen , welche die Zerstörung meiner Erbansprüche an den Bruder uns auferlegte . Sie ging auf unbestimmte Zeit zu ihrem Vater zurück und da sie es über sich gewann , nun schon zwei Monate fern von unserem Töchterchen zu bleiben , so zweifle ich an ihrer Wiederkehr . “ „ Das ist aber sehr traurig für Sie , Herr Docktor , “ bemerkte die Staatsrätin . Leuthold fuhr sich mit der Hand über die Augen . „ Es ist traurig , gnädige Frau , daß ich eine so falsche Wahl treffen konnte , daß ich Jahre der Mühe und Liebe darauf verwandte , ein Wesen zu veredeln und zu bilden , das nicht bildungsfähig war . Es ist der ­ selbe Schmerz , der den Künstler erfaßt , wenn er zu spät sieht , daß er sich in dem Marmor vergriff , den er gestalten wollte . Er hat im Schweiße seines An ­ gesichts mit aller Hingebung und unsäglicher Mühe ein Gebild geschaffen und wenn er es endlich der Vollendung nahe glaubt — da legt sich unter dem Meißel plötzlich eine schwarze Ader bloß , verunstaltet das ganze Werk und er hat vergebens gearbeitet und gehofft ! “ Die Staatsrätin sah ihn mit Interesse an . „ Das ist ein wenig kalt — aber sehr poetisch gedacht ! “ „ Ein Künstler würde es nicht kalt nennen , gnä ­ dige Frau , denn er würde den Schmerz kennen , dem ich den meinen zu vergleichen wage . “ Die Staatsrätin nickte beifällig mit dem Kopfe . Leutholds Sprechweise gefiel ihr