war ja das Leben vorbei , das so schön hätte sein können ! Die Tränen schossen ihr aus den Augen und liefen auf ihren Wangen hinunter , und dann mußte sie sogleich wieder lachen , denn ihr fielen die Strophen einer Schauerballade ein , die Fritz sie einst gelehrt , als sie Kinder waren : » Es waren kaum drei Wochen Verflossen nach dieser Zeit , Da begrub man seine Knochen Bei Rosalindens Leib . « Die Tante sah auch dieses weinende Lachen , und ihre Züge erhellten sich . » Weißt du , was dein lieber Onkel immer sagte , wenn er nicht weiter wußte im Leben , Kind ? › Bange machen gilt nicht ! ‹ sagte er . « » Mir ist auch gar nicht bange , Tante , mir graut nur vor den Kämpfen mit Mama , denn – ach , Tante , du weißt ja doch , Fritz 219 kann dir nichts verschweigen , Herzenstante , er hat dir doch gewiß auch erzählt , daß wir – « » Nichts weiß ich – nichts weiß ich ! « wehrte Tante Lotte ängstlich ab , » ich bitte dich , Kind , werde allein fertig ! Du kennst doch die Ansichten deiner Mama über mich , und du weißt ja auch gar nicht , was alles zwischen uns steht . « Drunten klingelte jetzt die Schelle der Haustür und Röschen huschte hinunter . Irgend ein Besuch würde es ja doch sein , den sie mit empfangen mußte , und Mama würde böse werden , wenn sie erführe , daß das Kind wieder bei der Tante gesteckt hatte . Das war nun eine Prüfung , diese alte rätselhafte Abneigung zwischen Mutter und Tante ! Heimlich schrieb Röschen an Fritz , welch schrecklicher Verdacht ihr in Betreff des Hilgendorfer Witwers aufgestiegen sei , und bat um Verhaltungsmaßregeln : sie teilte ihm auch mit , daß sie gezwungenermaßen Weihnacht nach Berlin reisen müsse mit Mama . » Ach Gott , « schloß der Brief , » am liebsten möchte ich sterben . « Tante Lotte überreichte nach einigen Tagen ihrer traurigen Nichte ein winziges Briefchen , das einem Schreiben von ihrem Fritz an sie beigelegen hatte , aber sie trug dabei ihre strenge Miene und sagte : » Einmal und nicht wieder ; der nächste geht mit wendender Post an Fritz zurück . Als seine Mutter kann ich dir keinen Vorschub leisten bei den eigentümlichen Verhältnissen , in denen deine Mutter und ich zueinander stehen . « Schon wieder diese dunkle Andeutung ! Röschen flüchtete mit dem Brief in ihr Zimmer und las : » Für den Hilgendorfer bist Du doch zu gut , süßer blonder Schatz . Wenn Mama durchaus wieder nach Hilgendorf will , so 220 soll sie den Witwer selber heiraten – das wäre doch eine Idee ! Wetten wir ? – Ich hatte mich sehr gefreut auf Weihnacht , aber wenn Mama es so will , reise Du nur getrost nach Berlin . Für die jetzige Entbehrung werden wir uns später entschädigen , wenn wir in irgend einer einsamen Oberförsterei im tiefsten Walde zusammensitzen und kein Mensch uns stören kann . Ewig Dein Fritz . « Herr Gott , was der Fritz klug ist ! Röschen hätte am liebsten aufgeschrien vor Freude über diesen neuen Gesichtspunkt . Natürlich , das ist das Einfachste – die Mama heiratet den Witwer ! Aber dann wurde sie bleich ; nein , Mama heiratet nicht wieder , erst neulich hatte sie zur Frau Superintendent gesagt : » Ich bin nur einmal glücklich gewesen , und das war in Hilgendorf mit meinem guten Mann . Ich würde mich auch nie zu einer zweiten Ehe entschließen können , Röschens wegen nicht , und überdies – « Ach , überhaupt – die Mama als Frau eines anderen ? Die Mama , die schon hie und da in dem schönen Blondhaar einzelne weiße Fädchen hat ? Nein , das tut sie nicht , das tut sie nicht ! Und wie kann man denn auch noch heiraten mit Sechsunddreißig ! Sie seufzte tief und barg , nach vielen Küssen , den kleinen Brief in einem Kästchen , auf dem groß , in Holzbrand , zu lesen war : » Liebe Erinnerungen . « Und eines Tages fuhren sie denn ab , die beiden Damen , nach Berlin , und das stattliche Haus mit der einsamen alten Frau darin und dem ganzen lieben Neustadt an der Solau versanken am Horizont in Nebel und Schneewolken . Solange noch die Spitze des Katharinenkirchturms zu erkennen war , hatte Röschen hinausgeschaut , bis ihr die Augen wehtaten . Nun sah sie nichts mehr , und seufzend lehnte sie sich zurück . Ganz übel war die Zeit in Berlin ja nicht , wenn nur Mama nicht jeden freien Augenblick dazu benutzt hätte , um in Möbel- und Haushaltungsmagazine zu gehen , sich nach den Preisen zu erkundigen und Kataloge einzuheimsen . Ganz begeistert war sie von einer Dampfkochkesselanlage , die , nach Aussage des Geschäftsinhabers , sich für Volksküchen , Kasernen oder große 221 Güter , auf denen die Arbeiter gespeist wurden , besonders eigneten . » Ungemein rationell , gnädige Frau , ungemein rationell , schmackhaftes Essen , größte Sparsamkeit , « versicherte der Verkäufer , » Tausende von Anerkennungsschreiben – « Röschen ärgerte sich , daß ihre Mama gar nicht aufhören konnte , Fragen über diesen Riesenkochtopf zu stellen , wandte sich ab und liebäugelte mit einer kleinen Musterküche , ganz in Hellblau und Weiß , reizend und wie geschaffen für eine junge Frau , die nur für » ihn « und sich zu kochen hat . » Wenn ich diese Anlage damals in Hilgendorf gehabt hätte ! « seufzte Frau Amtsrat , als sie wieder auf der Straße waren . » Jetzt hat man doch alles viel bequemer ! Ihr Heutigen wißt gar nicht , wie mühselig es eure Eltern hatten . O , welche Lust , zu wirtschaften mit Hilfe der neuen Errungenschaften , der