war ihm alles das gar zu gründlich neu . Bewies Daniel , daß das Neue nicht neu , daß bloß die zerrütteten Seelen des Jahrhunderts die Kraft verloren hatten , ungebrochene Linien in ihrer Reinheit aufzunehmen , so machte sich Wurzelmann zum Befürworter moderner Freiheit und sagte , es müsse dem einzelnen alles verstattet sein , was er durch sein Können zu rechtfertigen vermöge . Am Widerpart war Daniel nichts gelegen . Als ob nicht im bewährt schönen Gefäß der reichste Inhalt , des Lebens ganze Fülle zu bieten wäre ! Geize er denn damit ? War Weh und Glück , zum Schaudern nah , durch die Gebundenheit minder vernehmlich ? Welch eine vertrackte Bosheit liegt darin , wie so ein Mensch sich zusperrt , dachte Daniel ; aus Herrschsucht mag er nicht fühlen und aus Witzigkeit nicht denken . Und so zogen sie von Ort zu Ort , Monat um Monat , Jahr um Jahr . Die Wanderoper hatte nun schon ihre festen Überlieferungen , ihre skandalöse Chronik , ihre eingeübten Lockmittel , ihre Stammgäste , ihre bevorzugten und ihre gemiedenen Stätten . Das Lokalblatt brachte einen Begrüßungsartikel ; die jungen Leute standen auf der Straße , um die Damen des Theaters lüstern zu begaffen ; der Major a.D. kaufte einen Sperrsitz für die erste Vorstellung ; der Barbier trug seine Dienste an ; das Professorenkollegium der Lateinschule hielt Versammlungen ab , in denen beraten wurde , ob den Schülern der Besuch der Oper erlaubt werden konnte ; der christliche Gesellenverein erhob Einspruch gegen die nackten Schultern der Sängerinnen ; die Mitglieder des adligen Kasinos rümpften die Nasen über die Leistungen der Truppe ; die Polizei wollte die Bretterbude oder den Hotelsaal , in welchem gespielt wurde , feuergefährlich finden ; die Frau Bergrätin verliebte sich in den Bariton , und ihr Gatte nahm einige Schurken in Sold , die den gefeierten Künstler von der Galerie herunter auszischten ; die Nörgler forderten mehr Lustigkeit , » Zar und Zimmermann « war ihnen zu langweilig , die » Stumme von Portici « zu abgedroschen ; sie wünschten » Madame Angot « und » Orpheus in der Unterwelt « . Es war immer etwas los . Und es graute Daniel vor diesen Menschen , vor ihren Geschäften , ihren Vergnügungen und den Kadavern ihrer Ideale . Es graute ihm vor ihrem Lachen und vor ihrer Trübseligkeit , vor den Stuben , aus denen sie krochen , vor den Spionen an ihren Fenstern , vor ihren Metzgerläden und Gasthäusern und Zeitungen , vor ihren Sonntagen und ihren Werktagen . Die Welt rückte ihm hart auf den Leib ; er mußte jetzt den Menschen ins Gesicht sehen , und sie zwangen ihn , daß er mit ihnen feilschte , um Geld , um Worte , um Gefühle und um Ideen . Aber auch anderes lernte er sehen ; die Wälder an den Ufern des Mains ; die weithingedehnten Triften der Frankenhöhe ; die schwermütigen Ebenen des mittleren Landes ; das formenreiche Kleingebirge des Jura ; die alten Städte mit ihren Mauern und Domen und finsteren Gassen und verödeten Schlössern . Da war dann beschwichtigende Luft zwischen ihm und den Menschen , da sah er die Alten und die Jungen , die Schönen und die Häßlichen , die Heiteren und die Traurigen , die Armen und die Reichen so fern und still , und sie gaben ihm von ihrem Reichtum und von ihrer Armut , von ihrer Jugend und von ihrem Alter , von ihrer Schönheit und von ihrer Häßlichkeit , von ihrer Freude und von ihrem Schmerz gleicherweise . Und das Land gab ihm die Wälder , die Wiesen , die Bäche und Ströme , die Wolken , die Vögel und alles , was unter der Erde ist . 10 Es war im Winter , da kam die Truppe nach Ansbach und sollte im ehemaligen Theater der Markgrafen spielen . Der » Freischütz « sollte in Szene gehen ; Daniel hatte mit seinen Musikern mehr als sonst geprobt . Aber es wütete ein heftiger Schneesturm an jenem Tage , darum waren kaum zwei Dutzend Personen in die Vorstellung gekommen . Wie in diesem Raum die Geigen anders klangen , wie die Stimmen von selbst Maß und Ruhe gewannen ! Daniel hatte auch sein Orchester derart bezaubert , daß es ihm gehorchte wie ein einziges Instrument . Nach dem letzten Akt trat ein weißhaariger Mann auf ihn zu und drückte ihm glücklich und dankbar lächelnd die Hand . Es war der Kantor Spindler . Daniel begleitete ihn nach Hause , und sie redeten viel von der Vergangenheit und von der Zukunft , von Menschen und von Werken . Sie konnten kein Ende finden , und das Schneegestöber störte sie nicht . Auch an den folgenden Tagen waren sie viel beisammen , aber am Ende der Woche wurde der Kantor krank und mußte sich zu Bett legen . Als Daniel eines Morgens in die Wohnung seines alten Freundes kam , erfuhr er , daß der Kantor in der Nacht plötzlich gestorben sei . Es war ein sanfter Tod gewesen . Am dritten Tage darauf folgte Daniel dem Leichenzug , und als er den Kirchhof verlassen hatte , nur wenige Leute hatten gleich ihm dem Kantor die letzte Ehre erwiesen , ging er bis zum Abend über die verschneiten Felder . In derselben Nacht begann er in seinem ärmlichen Quartier die Komposition von Goethes » Harzreise im Winter « . Es war dies eines der tiefsten und seltsamsten Werke , die je ein Musiker ersonnen hat , aber es mußte das Schicksal der meisten Schöpfungen Daniels teilen , die durch ein tragisches Verhängnis der Nachwelt entzogen worden sind . 11 Im Frühling des Jahres 1886 zog die Truppe nordwärts ins Hessische , dann ins Thüringische , gastierte in einigen Städten des Spessart und der Rhön , und die Einnahmen wurden immer schlechter . Der Impresario Dörmaul hatte sich seit dem Herbst nicht mehr blicken lassen , die Gagen waren im Rückstand und Wurzelmann prophezeite der Wanderoper