den späteren , möglichen Auftrag . - Also sie braucht mich ! dachte Sophie . Ihre Antwort war knapp und steif . » Hochverehrte Frau Geheimrat ! Sehr gern werde ich Ihre Tochter für einige Wochen betreuen . Doch bin ich im Begriff , hier eine eigene Wohnung zu nehmen . Viele Aufträge halten mich hier für ein , zwei Jahre noch fest . Fräulein Mathilde müßte also in der Pension Hammonia , gleich einigen jungen Ausländerinnen , unter dem Schutz der Inhaberin leben . Sie kann aber auch , als mein Gast , bei mir wohnen . Ich habe allerlei Pflichten in der hiesigen Gesellschaft , ich habe auch einen Sohn hier , und mein auswärtiger Sohn kommt wohl einmal auf Urlaub . Jeder Vormittag ist der Arbeit gewidmet . Ich könnte Fräulein Mathilde demnach nicht so viel Zeit widmen , als es in ihrem Interesse und meinen Wünschen läge . Wollen Sie hiernach entscheiden . « Anstatt eines Briefes kam einfach ein längeres Telegramm . » Nun , « sagte Allert , » das nenn ' ich Mutterpflichten per Draht erfüllen . Glatt alles angenommen ! Und Du hast unversehens eine Pflegetochter für ein paar Wochen . Das kann schwierig werden . « » Es kann sehr hübsch werden , « meinte Sophie begütigend , » ich will versuchen , dem Mädchen etwas Lebensinhalt zu geben - sie Pflichten lehren ... « » Die einen haben zu wenig , die andern zu viel ! « bemerkte er mokant . Sophie aber war voll geheimer Glückseligkeit . Ihre leidenschaftlichen Wünsche schienen sich der Erfüllung zuzuneigen - noch schwankte ja alles , war wie ferne Möglichkeiten . Aber ihre Phantasie eilte gern voraus und sah schöne Bilder . Wenn sie auch vernünftig versuchte , sich zu zügeln - Mütter können nur leben , wenn sie hoffen - als Weib kann man resignieren und tapfer bleiben - eine Mutter , die für ihre Kinder nichts mehr hoffte - die zerbräche - fühlte sie . Dann kam eine Zeit böser Unbehaglichkeit . Die treue Therese , die von sich behauptete : » Beinahe Moos hab ' ich angesetzt « , wurde von ihrem Hüteramt befreit und mit den Möbeln nach Hamburg übergeführt , die angenehme Wohnung , drei Treppen hoch » An der Alster « , rasch eingerichtet . Von nun an war das Atelier im Amsterschen Hause , sehr zum Bedauern der Senatorin , überflüssig . An das neue Heim stieß ein Flügel , wo ein Photograph seine Werkstätte gehabt hatte ; dort konnte nun Sophie ihre Staffelei aufstellen . Weit über die Alster blickte man von den Vorderfenstern der Wohnung hinaus . Gerade gegenüber war das » Alsterufer « , wo die reizende Frau Julia wohnte . Am Tage konnte man , jetzt im Winter zumal , von Fernduft überhauchte Häuserreihen nur blaß erkennen . Die breite Wasserflut wogte zwischen hüben und drüben . Aber am Abend leuchteten deutlich all die Fenster . Das sah , im Verein mit den Lichtern der Uferstraßen , wunderhübsch und gesellig aus . Selbst Therese meinte , » so janz übel wär ' s nich « . Nach wenig Tagen schon konnte Sophie ihrem Sohn telefonieren : komm und iß zum erstenmal wieder an meinem eigenen Tisch bei mir . Froh sagte er zu . Aber es war ihm nicht beschieden , seine gute Laune ungetrübt zur Mutter zu tragen - einen leisen Riß bekam diese gute Laune und verlor dabei ihren klaren Klang . Er kam aus der Dresdner Bank . Unter dem Portal des prachtvoll-wuchtigen Hauses stehend , sah er nach der Uhr und dachte , ob er sich auch lieber ein Auto nehmen müsse oder den Dampfer benutzen könne , der drüben vom Jungfernstieg nach der in der Nähe der mütterlichen Wohnung befindlichen Anlegebrücke fuhr . In diesem Augenblick kam ein Offizier vorüber - ein ziemlich großer Mann , blond und stattlich , von einer deutlichen Aehnlichkeit mit Allert . Es war ein Infanterist , im grauen Mantel mit Biberkragen und im Helm , wie jemand , der Besuche zu machen hat . Der Zufall oder dies rasche , blitzartige , unwillkürliche Sehen bewirkte , daß der Offizier und Allert sich ins Auge faßten und stutzten . Zugleich blieb der eine auch schon stehen , während der andere die Stufen aus dem Portal hinab und auf den Bürgersteig trat . » Nein - so was ! Mensch ! Fritz ! Bist Du ins Sechsundsiebenzigste versetzt ? « Der Baron von Patow war zögernd , zurückhaltend . Er wußte nicht genau : was stellt denn dieser Vetter hier vor ? In der weiteren Familie hatte man nur höchst unklare Vorstellungen - man war leise von Sophie abgerückt , als es hieß , sie könne das Gut nicht halten . Und es war ja auch Hellbingsdorfsche Sache , den Familienzweig zu stützen , falls er dessen bedurfte . Allert war » Kofmich « geworden . Na ja , warum nich . Fing ja fast an Mode zu werden . Sein früherer Regimentskamerad , Prinz Hartenburg , arbeitete jetzt als Volontär in ' ner Bank - wenn man fix Geld machen konnte ! Aber das wußte kein Mensch , ob Allert das wohl tat . Saß er im Fett ? Schrapte er sich kümmerlich durch ? War er Umgang für ' n Offizier ? Eklig , so ' ne Unsicherheit . Unnützerweise verletzen will man nich . Voreilig familiär sein erst recht nich . - Hm - gentil aussehen tat er ja , der Allert Hellbingsdorf . Man mußte mal auf ' n Busch kloppen . Ein ganz klein wenig von oben herunter antwortete Patow nach diesen rasch durch seinen Kopf huschenden Erwägungen : » Sechsundsiebenziger ? Nee . Zum Stab in Altona kommandiert . Brigadeadjutant . Dja - man macht so sachteken seinen Weg oberhalb der Ochsentour . Na und Du ? Und wie geht es Deiner Mutter ? Gott - wie man doch so auseinander läuft - wenn ich denk ' ,