. - Dann nach der ersten Erstarrung begann sich jenes Mitleid zu regen , das halb aus persönlicher Apprehension besteht . Und alsobald hörte man auch schon wieder überall die oft vernommene angstvolle Frage : » Was denn nun etwa zu tun sei ? « Eine Frage , die seit Monden durch jedes der vielen unvorhergesehenen Ereignisse von neuem hervorgerufen wurde , und auf die heute so wenig wie an all den vorhergehenden Tagen der Unschlüssigkeit und Verblendung irgend jemand eine Antwort wußte . - Die ganze Furchtbarkeit der Lage schien allen indessen erst jetzt zum vollen Bewußtsein gekommen zu sein . Anklagen vernahm man und heftige Auseinandersetzungen darüber , wessen besondere Schuld dies alles denn sei - wo es doch die Schuld eines jeden war , der aus irgendwelchen Interessen geglaubt , ein System ungestraft stützen zu dürfen , das in einem Prinzen Tuan und dessen Boxerhorden seine höchste Krönung finden sollte . Inmitten der allgemeinen Verwirrung war aber dann wenigstens der Gedanke einer Auswanderung nach Tientsin endgültig aufgegeben worden , denn was dem langgedehnten , hilflosen Zug der Abreisenden bevorgestanden hätte , war ja nun durch dieses letzte Vorkommnis klar erwiesen . - Aber in der Gesandtschaftsstraße herrschte trotzdem bald ein Hin und Her von Menschen , ein beständiges Schleppen von allerhand Dingen , Vorräten und Betten , Kleidern und Wäsche , wie für einen allgemeinen Umzug . Denn plötzlich war beschlossen worden , daß sämtliche Taitais und Kinder sofort in diejenige Gesandtschaft übersiedeln sollten , die , als größte und gesichertste , zur allgemeinen Zufluchtsstätte - wenn nötig , zum letzten Verteidigungsbollwerk - ausersehen worden war . Tschun sah Transporte , die , inmitten alles Grauens , grotesk wirkten . Und er , der die Fremden kannte und so manches über ihre Zu- und Abneigungen wußte , frug sich voller Verwunderung : Wie werden sich all diese Herrschaften , auf ein und demselben kleinen Grundstück vereinigt , wohl vertragen ? - Sie , die nie einig sind , denen die weite Welt nicht groß genug scheint für die verschiedenen Ansprüche , die sie vertreten , die sich immer vom politischen Nachbar bedroht , vom geschäftlichen Konkurrenten übervorteilt dünken , deren Mißgunst und heißhungrige Gier so groß sind , daß sie lieber die Welt untergehen ließen , als sie einem anderen zu gönnen . Zwischen den aufgeregt gestikulierenden und redenden hin- und hereilenden Fremden sah Tschun aber auch chinesische Gestalten , die ihm mehr noch zu denken gaben . Da waren die ihm wohlbekannten Ladenbesitzer des Gesandtschaftsviertels ; bisher waren sie geblieben , hatten die Fremden noch diesen Morgen bedient , mit einem seltsamen Grinsen , das die ungeheure Nervenspannung höflich verbergen sollte - aber jetzt schlossen sie ihre Geschäfte mit Bewegungen , in denen etwas Unwiderrufliches lag . Hurtig huschten sie dann davon , sie und viele andere , die plötzlich aus ihren niederen , grauen Häuschen auftauchten . Jeder seinen kostbarsten Besitz in blauen Bündeln mit sich schleppend , verließen sie leise und verstohlen die Straße , das ganze Viertel - mußten wohl fühlen , daß das Ende nahe . Und auch Tschun selbst war von einem seltsamen Gefühl der Unruhe erfaßt . Er hätte gehen und immer weiter gehen mögen . Es war , als nahe ihm unabänderlich eine furchtbare Krankheit , und er wolle noch die letzten Minuten vor langer Haft auskosten . Eine unabweisliche Ahnung sagte ihm , daß er sich zum letzten Male für lange , lange Zeit frei bewegte . Eine Last von Verhängnis , von Endgültigkeit lagerte auf allem . Die Menschen , die Dinge schienen noch zu sein - und waren doch eigentlich schon nicht mehr . So fremd , so verändert war alles . Einen Augenblick noch kehrte Tschun bei Kuang yin ein . Das Haus wollte er noch einmal sehen , wo die Taitai gewohnt . Ja , die befand sich nun längst in Sicherheit auf fremdem Boden , und las , mit Tinchau auf dem Schoß , von all den Schrecken nur in der Zeitung , während Madame Angèle die Paragraphen von Mord und Brand abends sicher mit wohligem Schauder nachbuchstabierte . Ja , der hübsche Herr hatte wahrer gesprochen , als er selbst geahnt , da er dem Hündchen in dem enteilenden Bahnzug nachgerufen hatte : » Du hast es besser als wir , die wir hier bleiben müssen . « Aber da - während Tschun noch der Vergangenheit nachsann - kam plötzlich etwas durch die Luft geschwirrt . Pscht ! Pscht ! machte es , dicht über seinem Kopf . Er hatte den seltsamen Laut noch nie vernommen . Aber ganz unwillkürlich duckte er sich . Machte sich klein und schmal mit hochgezogenen Schultern . Es waren die ersten Kugeln , die gepfiffen kamen . Die Belagerung der Gesandtschaften hatte allen Ernstes begonnen ! - Ohne zu wissen , wie es ihm gelungen , durch alle Fährnisse hindurchzukommen , traf Tschun abends wieder im Petang ein . Die Nachrichten , die er brachte , waren die letzten , die man dort erhielt . Petang und Gesandtschaftsviertel waren von da an völlig voneinander abgeschnitten . Wenn aber während der nächsten acht Wochen auf dem einen der beiden Punkte der Belagerungslärm einmal etwas nachgelassen hatte und dann aus der Richtung des anderen das Knattern von Gewehren , das dumpfe Dröhnen von Geschützen tönte , so sagten sich die einen , daß dort bei den anderen noch gefochten würde , daß also noch Widerstehende vorhanden sein müßten . Und eine wehmütige und doch zugleich die eigene Kampfeskraft stärkende Freude erfüllte sie bei dem Gedanken . Ja , zu dem Brüllen , den Messern und Fackeln der Boxer , womit der Petang anfänglich angegriffen worden , kam gar bald das Schießen aus modernsten europäischen Waffen . Denn was die Optimisten immer als Unmöglichkeit dargestellt hatten , war nun doch erfolgt - die regulären kaiserlichen Truppen hatten sich den Aufrührern offen angeschlossen . Und jene Kanonen und Gewehre , die die Lieferanten verschiedenster Nationalitäten , unter eifriger Befürwortung ihres